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Technologie : Cisco: Der Groß-Akquisitor

  • -Aktualisiert am

Nicht jede technologische Neuerung muss man selbst erfinden. Es genügt, den Erfinder samt Firma zu übernehmen. Cisco hat dieses System perfektioniert.

          Cisco steht für Erfolg. Das Unternehmen aus San Jose in Californien hat einen Aufstieg hinter sich, der in den Annalen der Wirtschaftsgeschichte seines Gleichen sucht. Es ist die Verwirklichung des amerikanischen Traums auf Unternehmensniveau: Vom Startup zum Weltmarktführer.

          Das an der Stanford-Universität arbeitende Informatiker-Ehepaar Len Bosack und seine Frau Sandy Lerner gründeten 1984 das Unternehmen. Die beiden Wissenschaftler hatten einen kostengünstigen Weg gefunden, ihre Computer, die an verschiedenen Stellen des Campus aufgestellt waren, miteinander zu vernetzen und den Datenaustausch zwischen verschiedenen Systemen zu ermöglichen. Mit Hilfe anderer Stanford-Kollegen bauten sie das erste Netzwerk auf dem Campus mit sogenannten Bridges, den Verbindungen getrennter, gleichartiger Netze, und Routern, den Wegweisern für den optimalen Datentransfer. Auf dieser Entwicklung bauten sie die Firma auf. Erst 1986 verkaufte Cisco dann die ersten Produkte.

          Sequoia Capitals größter Coup

          Bis endlich einer der vielen angesprochenen Risikokapitalisten wie gewünscht reagierte und in das Unternehmen investierte, bestimmte akuter Kapitalmangel das Leben der Gründer. Es war der New Yorker Geschäftsmann Don Valentine von Sequoia Capital, der das Potential der Cisco-Technologie erkannte und zugriff. Ein Griff, der sich lohnen sollte. Sequoia Capital ist kein unbeschriebenes Blatt unter den Venture Capitalists im Silicon Valley. Seit der Gründung 1972 engagierte sich Sequoia bei mehr als 200 Unternehmen, darunter so klangvolle Namen wie Apple, Yahoo, Oracle und 3Com. Die Rendite ihrer Investition in Cisco bleibt bislang jedoch unerreicht.

          "Adult supervision" ohne die Gründer

          Schritt für Schritt setzte der Investor seine Vorstellungen von der Führung des Unternehmens durch. Zu allererst bedurfte es eines erfahrenen Managements, einer im Jargon der Risikokapitalgesellschaften sogenannten "adult supervision". Die Gründer erhielten Beraterverträge, überwarfen sich bald darauf mit dem Management und schieden im Sommer 1990, im Jahr des Börsengangs, ganz aus dem Geschäft. Ihre Unternehmensanteile verkauften sie für rund 180 Millionen Dollar - viel Geld für zwei Universitätsinformatiker; ein kleines bisschen Nichts, gemessen am heutigen Wert der Firma. Aktuell weist Cisco eine Marktkapitalisierung von 398 Milliarden Dollar auf und ist damit noch mehr als 30 Prozent vom Allzeithoch im März 2000 entfernt.

          Oberster Diener seines Unternehmens

          Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum Weltkonzern war 1991der Eintritt John Chambers an die Unternehmenspitze. Chambers startete bei Cisco zunächst als Senior Vice President und war verantwortlich für das internationale Geschäft des Netzwerkherstellers. Vier Jahre später, 1995, wurde er zum Vorstandsvorsitzenden berufen. Chambers gilt als Verkaufstalent und maßgeblicher Macher des Erfolgs, der seine Mitarbeiter immer wieder zu Höchstleistungen anspornt und die Unternehmenszahlen von einem Superlativ zum nächsten treibt. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Unternehmen zum Liebling der Analysten und Investoren. Cisco gilt als äußerst effizient. Sparen, wo es geht, gehört zur Hausordnung, der sich auch der oberste Chef unterwirft. Chambers Büro misst vier mal vier Meter, mehr nicht.

          Wer gut ist, wird akquiriert

          Entscheidend für das dauerhafte, enorme Wachstum von Cisco ist jedoch in erster Linie die Konsequenz, mit der das Unternehmen seine Akquisitionsstrategie verfolgt. Mehr als 100 Personen beschäftigen sich mit nichts anderem, als der Überwachung der dynamischen Vorgänge an der äußersten Spitze der Technologieentwicklung. Junge, innovative Firmen mit außergewöhnlichem Potential, werden von Cisco übernommen. So bleibt der Marktführer Herr des Geschehens.

          Know-how wird gebunden

          Viele Startup-Unternehmen in den entsprechenden technologischen Bereichen haben bei ihrer Gründung bereits die Übernahme durch Cisco im Hinterkopf. Für die Unternehmer ist die Übernahme meist lukrativ und bedeutet nicht zugleich den Verlust ihres Postens. Während in der Regel 80 Prozent des Topmanagements beim Kauf ihrer Firma abwandert, gelingt es Cisco, fast 70 Prozent der Führungskräfte zu halten, deren Know-how dauerhaft zu binden und für eigene Ziele einzusetzen. Bislang akquirierte Cisco fast 50 Unternehmen, 20 davon allein im laufenden Jahr 2000. Cais Software Solutions, Vovida Networks und IPCell Technologies sind darunter die jüngsten Eroberungen. Es ist Chambers Überzeugung, dass der entscheidende Wert der akquirierten Startups in deren Mitarbeitern liegt: "Wer zwischen 500.000 und zwei Millionen Dollar pro Mitarbeiter bei der Übernahme bezahlt, der hat ein riesen Problem, wenn die nach der Aktion verschwinden."

          Achillesferse Börsenbewertung

          Das Funktionieren dieser Strategie beruht auf der hohen Börsenbewertung. Cisco-Aktien und Stock-Options sind eine hervorragende Akquisitionswährung sowohl für Firmen als auch für deren Führungskräfte. Hierin liegt aber auch die Achillesverse des Netzwerk-Giganten. Fällt der Kurs merklich, werden Übernahmen seltener, gerät die Technologieführerschaft in Gefahr, fällt der Kurs...

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