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Tchibo-Holding : Familienstreit beigelegt

  • Aktualisiert am

Bald auch Nivea bei Tchibo? Bild: dpa

Nach jahrelang erbittert geführter Fehde haben sich die Geschwister Herz, Eigentümer der Tchibo Holding, überraschend geeinigt. Damit ist auch eine Hemmschwelle für den Verkauf der Beiersdorf-Anteile beseitigt.

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          Nach jahrelang erbittert geführter Fehde haben sich die Geschwister Herz, Eigentümer der Tchibo Holding, überraschend geeinigt. Damit ist auch eine Hemmschwelle für den Verkauf der Beiersdorf-Anteile beseitigt. Wie der langjährige Vorstandsvorsitzende Günter Herz gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigt, werden er, seine Schwester Daniela Herz-Schnoeckel sowie der mit beiden befreundete Hamburger Rechtsanwalt Otto Gellert ihre gepoolten Anteile von 39,5 Prozent abgeben.

          Die Brüder Michael, Wolfgang und Joachim Herz, die bisher zusammen 50,5 Prozent halten, werden diese Anteile gemeinsam mit Ingeborg Herz (bisher 10 Prozent), der Frau des Unternehmensgründers Max Herz, übernehmen. Damit wäre ein Vorbehalt der Allianz AG, die für ihr Zögern, ihre Beiersdorf-Anteile von 43 Prozent an die Tchibo Holding AG (Anteil an Beiersdorf: 30 Prozent) zu verkaufen, immer wieder den Geschwisterstreit angeführt hatte, beseitigt.

          Kräfte "gegebenenfalls wieder bündeln"

          Für den Fall, daß man Gelegenheit zur substantiellen Aufstockung der Beiersdorf-Beteiligung erhalte, heißt es in einer Stellungnahme der Tchibo Holding, hätten die Familienmitglieder vereinbart, ihre Kräfte "gegebenenfalls wieder zu bündeln". Günter Herz, der über 35 Jahre die Geschicke der Holding bestimmt hatte, teilt auf Anfrage mit, daß er sich nun anderweitig unternehmerisch betätigen werde. Es sei jedoch durchaus vorstellbar, sich mit an Beiersdorf zu beteiligen. Man werde darüber verhandeln, wenn sich eine "neue Konstellation" ergebe. Ein Engagement sei "mit uns" durchaus denkbar, "ohne uns wohl kaum", fügte er hinzu. Bankenkreise können sich jedoch auch eine Lösung ohne Günter Herz vorstellen.

          Über den Kaufpreis werden keine Angaben gemacht. Aus den der Familie nahestehenden Kreisen ist jedoch zu hören, daß die Brüder die Anteile der Geschwister Günter und Daniela bar bezahlen werden. Die Tchibo Holding ist sehr liquide. Aus dem Verkauf der Reemtsma-Anteile an Imperial Tobacco waren dem Unternehmen 5 Milliarden Euro zugeflossen. Die Eigenkapitalquote der Holding hatte sich damit Ende 2002 von 47 auf 83 Prozent erhöht, die Deckung des Anlagevermögens durch Eigenkapital zu diesem Stichtag 468 (Vorjahr: 148) Prozent erreicht.

          Neue Dynamik

          Wenn man den Wert der Tchibo Holding derzeit auf 10 Milliarden Euro veranschlagt, flössen den Geschwistern damit rund 4 Milliarden Euro zu. Dann verblieben noch genügend Mittel, heißt es weiter, um das eigene Beiersdorf-Paket zu einer Mehrheit aufzustocken, zumal der Konzern keine Schulden habe, der Kaffee-Bereich hohe Gewinne abwerfe und man sich zudem Mittel über ein Leverage-Buyout besorgen könnte. Die für den 1. Juli angesetzte Hauptversammlung ist erst einmal verschoben worden, zumal die für den Verkauf notwendigen Beschlüsse noch nicht vorliegen. Das Gesetz gestattet einen Aufschub bis Ende August.

          Der noch amtierende Aufsichtsratsvorsitzende Jens Odewald gab sich in einem Gespräch zuversichtlich, daß die Tchibo Holding mit der Beilegung des Familienzwistes, der "überraschend" schnell gekommen sei, neue Dynamik erhalte. Mit Dieter Ammer (bisher Brauerei Beck & Co, Bremen), der seit dem 1. Juni als neuer Vorstandsvorsitzender amtiere, habe man auf Dauer ein familienfremdes Management bei Tchibo installiert. Er selbst werde den Aufsichtsratsvorsitz an den Münchener Wirtschaftsanwalt Reinhard Pöllath, der die Holding interimistisch ein Jahr geführt hatte, abgeben, aber im Aufsichtsrat bleiben und begründete dies mit seinen Verpflichtungen gegenüber der eigenen Kapitalbeteiligungsgesellschaft in Berlin. Wie weiter zu erfahren war, wird der Chef der Deutschen Post AG, Klaus Zumwinkel, aus dem Aufsichtsrat ausscheiden. Dafür soll sein Kollege von der Postbank, Wulf von Schimmelmann, nachrücken.

          "Streit aus dem Kinderzimmer"

          Zur Beilegung des Streits hat wohl maßgeblich die 83 Jahre alte Mutter Ingeborg Herz beigetragen. Sie hatte unter dem Zwist an meisten gelitten und wollte noch zu Lebzeiten eine Klärung herbeiführen. Die fünf Kinder des 1965 verstorbenen Firmengründers waren geradezu heillos zerstritten gewesen. Auf der einen Seite standen Günter mit seiner Schwester Daniela, auf der anderen Seite die Brüder Michael, Wolfgang und Joachim unter Führung des ersteren - und mitten zwischen beiden sich spinnefeind gebenden Parteien die Mutter.

          Während Günter seit 35 Jahren das operative Geschäft beherrscht hatte, gaben seine Brüder im Aufsichtsrat den Ton an, und beide Seiten blockierten sich damit gegenseitig. Anfang 2001 hatten sie Günters Vertrag als Vorstandsvorsitzenden nicht verlängert. Dieser war daraufhin Mitte Januar 2001 tief getroffen von seinem Amt zurückgetreten und hatte ein halbes Jahr später in aller Öffentlichkeit Vorstand und Aufsichtsrat heftig kritisiert. Doch beim Zwist der Geschwister, das hatten Kenner der Hintergründe immer wieder betont, ist es wohl weniger um Zahlen, mehr dagegen um Emotionen gegangen oder wie es ein Außenstehender einmal formuliert hatte: um die Fortsetzung des "Streits aus dem Kinderzimmer".

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