https://www.faz.net/-gqe-7tyk6

Tarifstreit : Lufthansas Nagelprobe

  • -Aktualisiert am

Mit dem blauen Kranich verbinden Lufthansa-Kunden derzeit akute Streikgefahr Bild: Reuters

Die Lufthansa reagiert mit einem Reformkurs auf die Veränderungen im internationalen Luftverkehr. Dafür sind Zugeständnisse notwendig - auch der Piloten. Der Tarifstreit ist Sinnbild des Machtkampfes zwischen Führung und Cockpit-Führern.

          3 Min.

          Wenn am Mittwoch der Aufsichtsrat der Deutschen Lufthansa tagt, ist die Fülle brisanter Themen groß. Neben dem quälenden Pilotenstreik haben die Umbaupläne von Vorstandschef Carsten Spohr höchsten Vorrang.

          Die Zeichen stehen auf Sturm im Konzern. Weil sich im internationalen Luftverkehr ein dramatischer Umbruch vollzieht, muss Europas größte Fluggesellschaft auf das neue Umfeld mit Hochdruck reagieren. Wettbewerbsfähigkeit und Eigenständigkeit sind in Gefahr. Während in der europäischen Heimat eine Schar aggressiver Preisbrecher das Rennen am Himmel unter sich ausmacht, wächst im Langstreckengeschäft die Übermacht staatlich geförderter Wettbewerber in bedrohlichem Ausmaß. Diese Herausforderungen wollen die Lufthanseaten mit unterschiedlichen Konzepten kontern. Im Europa-Verkehr sind nur mäßige Zuwachsraten zu erwarten. Ruinöse Preiskämpfe verändern die Nachfrage. Dagegen weist der Luftverkehr in Wachstumsregionen wie Asien oder Südamerika immerhin zweistellige Steigerungsraten auf.

          Angesichts solcher Perspektiven plant Spohr einen Konzernumbau, der einem Befreiungsschlag für das chronisch renditeschwache Passagiergeschäft gleichkommt. Danach soll sich die Traditionsmarke „Lufthansa classic“ nur noch als Anbieter für ausgewählte, lukrative Langstrecken profilieren. Das Gros der ertragsschwachen Routen im Europa- und Überseeverkehr übernehmen konzerneigene Billigfluganbieter, die intern unter dem Arbeitstitel „Wings-Gruppe“ firmieren.

          Von Aufbruchstimmung keine Spur

          Spohr kalkuliert fest damit, dass die neuen Wings-Gesellschaften 40 Prozent günstiger arbeiten als die Lufthansa bisher. Seine Rechnung baut auf die Bereitschaft des fliegenden Personals, durch kräftige Zugeständnisse mitzuziehen. Piloten und Kabinencrews müssen dann auf Lohnbestandteile verzichten oder für das alte Gehalt länger als bisher arbeiten. Der interne Widerstand ist allerdings riesengroß. Vertreter in den Branchengewerkschaften für die Piloten und die Kabinencrews bestehen darauf, dass ihre Kollegen bei den neuen Tochtergesellschaften genauso gut bezahlt werden und ähnliche Privilegien genießen wie sie selbst.

          Diese Blockade hat handfeste Folgen. Von der nötigen Aufbruchstimmung, die Spohr für seine Reformen braucht, ist unter den 116.000 Mitarbeitern im Konzern nichts zu spüren. Stattdessen lähmen gerade jetzt die Arbeitskämpfe der Piloten den Flugbetrieb der Lufthansa. Die Heftigkeit der Aktionen spiegelt die Härte des Machtkampfes, der zwischen Führung und fliegendem Personal über das Billigkonzept der Lufthansa tobt.

          Der Öffentlichkeit bleibt das brisante Thema als der wahre Grund für die Pilotenstreiks jedoch verborgen. Das hat juristische Gründe. Nach geltendem Tarifrecht dürfen sich Protestaktionen nur auf auslaufende oder gekündigte Verträge beziehen. Da sich der Widerstand der Cockpit-Führer jedoch gegen die künftigen Arbeitsbedingungen in einer neuen, noch nicht existierenden Tochtergesellschaft richtet, wäre die Gewerkschaft mit einem Ausstand schadensersatzpflichtig. Um also teuren Ärger vor Gericht zu vermeiden, müssen die Pilotenstreiks rein formal mit der neu zu regelnden Frührente oder der Forderung nach 10 Prozent mehr Lohn begründet werden.

          Dringend notwendige Zugeständnisse

          Auch wenn der Konfrontationskurs tatsächlich Spohrs Reformen gilt, kommt der üppigen Vergütung der Piloten höchste Aufmerksamkeit zu. Die 5400 Piloten der Lufthansa, die zu weiten Teilen in der Vereinigung Cockpit organisiert sind, gehören mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 180.000 Euro zu den Spitzenverdienern im Konzern. Darüber hinaus genießen sie mit einer großzügig dotierten Frührente auch im internationalen Branchenvergleich einmalige Privilegien, die noch aus der Ära eines Staatskonzerns stammen.

          Nach dem rund 50 Jahre alten Regelwerk ist es den Flugzeugführern bis heute erlaubt, mit 55 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Bis zum Eintritt in das gesetzliche Rentenalter von etwas mehr als 65 Jahren kassieren sie dann 60 Prozent ihres letzten Bruttogehalts. Weil schon vor Jahren Lufthansa-Piloten gegen die antiquierte Regel erfolgreich geklagt haben, liegt das Eintrittsalter für die interne Frührente inzwischen bei 59 Jahren. Die Lufthansa-Führung will die Altersgrenze jetzt auf 61 Jahre hieven, um die Pensionskasse zu entlasten und zu Standards in Europa aufzuschließen.

          Zugeständnisse der Piloten bei der Frührente sind dringend nötig, um den überfälligen Konzernumbau endlich auf die Rampe zu schieben. Bleiben die Fronten jedoch verhärtet, würde sich die Aufsichtsratssitzung zur Kampfabstimmung für den Reformkurs auswachsen. Dort wollen die Lufthansa-Kontrolleure erstmals über den Kauf von Flugzeugen für die neue Tochtergesellschaft Eurowings abstimmen. Verwehren die Arbeitnehmer ihre Unterstützung, müsste wohl Chefkontrolleur Wolfgang Mayrhuber mit seiner Zweitstimme das Patt auflösen. Spätestens dann hätte der Konflikt eine neue Dimension erreicht.

          Ulrich Friese
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Weitere Themen

          Russland will wieder zurück nach oben

          FAZ Plus Artikel: Raumfahrt : Russland will wieder zurück nach oben

          Während die Amerikaner privat ins All reisen können, ist von der ruhmreichen russischen Raumfahrt nicht mehr viel übrig – auch hier bekommen sie Sanktionen zu spüren. Um wieder groß zu werden, braucht es Unterstützung vom Nachbarn China.

          Der Promi-Pleitier

          Alfons Schuhbeck : Der Promi-Pleitier

          Starkoch Alfons Schuhbeck muss für sein Imperium Insolvenz anmelden. Corona sei schuld. Doch es ist nicht der erste wirtschaftliche Fehltritt des Unternehmers.

          Topmeldungen

          Ein Airbus der Lufthansa landet im November 2020 auf dem Berliner Flughafen Tegel.

          Klimaschutz : Rettet die Inlandsflüge

          Ein Verbot von Inlandsflügen, wie es zuletzt in Frankreich beschlossen wurde, ist der falsche Weg zum Klimaschutz. Es gibt andere, bessere Möglichkeiten.
          Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

          Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

          Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.
          Am 18. Juni in Teheran: Ebrahim Raissi winkt den Medien zu, nachdem er seine Stimme in einem Wahllokal abgegeben hat. Die Wahl gewann er.

          Irans neuer Präsident : Schlächter und Schneeflocke

          Nächste Woche tritt Ebrahim Raissi sein Amt als iranischer Präsident an. Mit ihm zerbricht der Mythos vom reformfähigen Regime. Weiß der Westen, mit wem er es zu tun bekommt? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.