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Tarifrunde : Her mit den Gewinnen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Nachdem sie Verzicht geübt haben, wollen die Arbeitnehmer jetzt an der Erholung teilhaben. Ihre Forderungen lassen sich nicht über den Kamm des Flächentarifs scheren. Besser sind betriebliche Bündnisse. Mittelfristig müssen die Unternehmen freiwillig höhere Löhne zahlen.

          Die Stimmung dreht sich: Die Wirtschaft in Deutschland wird in diesem Jahr für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich stark wachsen; die Unternehmen haben wieder Aufträge und die Menschen Arbeit: Das Wunder des Arbeitsmarktes kann nicht genug bestaunt werden. Haben sich nicht unzählige Fernsehtalks seit Jahren darüber erregt, uns werde alsbald die Arbeit ausgehen und die Menschen würden durch Maschinen oder billige Chinesen ersetzt.

          Und jetzt? Alles sieht danach aus, dass die Arbeitslosigkeit demnächst auf unter drei Millionen fallen wird. Das hat es seit 1993 nicht gegeben. Ende 2011 könnten nur noch halb so viel Menschen arbeitslos sein wie Anfang 2005. Das ist eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte, die all jene Vorhersagen dementiert, die einen krisen- und strukturbedingten Anstieg der Arbeitslosigkeit auf mehr als fünf Millionen herbeiorakelten.

          Gewerkschaften kommen mit Forderungen

          Was folgt daraus? Viele sind der Meinung, jetzt sei endlich einmal eine ordentliche Einkommensverbesserung für die Arbeitnehmer dran. Satte sechs Prozent mehr Lohn fordern die Stahlarbeiter; am Montag trommelt die IG Metall zu den ersten Warnstreiks. Die Gewerkschaft hat das Gerechtigkeitsgefühl auf ihrer Seite: Die Leute haben Verzicht geübt und wollen jetzt auch an der Erholung teilhaben.

          Das sollen sie auch. Doch die Sache ist ein bisschen verzwickter, als die Tarifstrategen sie darstellen. Zunächst: Es ist auch bisher gerecht zugegangen. Der Lohnverzicht der vergangenen Jahre wurde nämlich honoriert durch jene Beschäftigungserfolge, welche die deutsche Wirtschaft heute stabilisieren - unsere Exportgüter wurden wettbewerbsfähiger. Weil es nun einmal einen unbestreitbaren Zusammenhang gibt zwischen Beschäftigung und Lohnhöhe, war die Zurückhaltung nicht folgenlos: Mehr Menschen haben Arbeit bekommen, weniger haben sie verloren. Den geringsten Verzicht haben dabei die Beschäftigten der Exportwirtschaft geübt (Chemie, Metall, Elektro), denen wir den Wachstumserfolg verdanken. Auch das ist gerecht.

          Mehr noch. In der Krise haben viele Firmen einen dramatischen Einbruch erlitten, ihr Personal aber (aus guten Gründen) gehalten, ohne die Löhne zu kürzen. Trotz öffentlicher Subventionen (Kurzarbeitergeld) hat das zu einem ordentlichen Anstieg der Lohnstückkosten geführt. Lohnstückkosten beziffern das Verhältnis zwischen Arbeitnehmerentgelt und Wirtschaftsleistung und sind ein Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit: Das unerwartete Wachstum der vergangenen Quartale hat diesen Nachteil noch nicht wettgemacht. Höhere Kosten führen, wenn die Unternehmen sie auf die Preise überwälzen, zu Inflation; gelingt das nicht, erhöhen sie die Arbeitslosigkeit.

          Erfolgsbeteiligung nicht über einen Kamm scheren

          Läuft also die ganze Argumentation wieder einmal darauf hinaus, den Beschäftigten den Wunsch nach höheren Einkommen zu vermiesen? Dann wäre der linke Verdacht gerechtfertigt, wonach es aus Sicht der Kapitalisten nie einen guten Zeitpunkt für Lohnerhöhungen gibt. Nein, so kann es nicht gemeint sein: Wenn es den Unternehmen gutgeht, sollen sie auch ihre Belegschaften am Erfolg beteiligen. Gerne kräftig. Das lässt sich aber gerade nicht über den Kamm des Flächentarifs scheren. Besser sind betriebliche Bündnisse, bei denen die Unternehmen Teile ihres Gewinns, wenn es einen gibt, an ihre Beschäftigten ausschütten. Gewiss, das hat zur Folge, dass die Einkommensverteilung noch unterschiedlicher wird. Aber wird sie auf diese Weise nicht auch gerechter?

          Mittelfristig wird den Unternehmen, geht die Arbeitslosigkeit weiter zurück, ohnehin nichts anderes übrigbleiben, als angesichts des knappen Angebots freiwillig höhere Löhne zu zahlen. Fachkräfte unterschiedlicher Branchen profitieren davon heute schon. Denn der Arbeitsmarkt, lässt man ihn nur, funktioniert wie jeder Markt. Und zwar nach beiden Seiten.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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