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Tarifforderungen : Auf die Sonnenseite

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Die Gewerkschaften drängen mit Macht auf die schöne Seite der Marktwirtschaft. Vor allem die Metaller wollen das Gefühl loswerden, den Aufschwung verpasst zu haben.

          Sie ist die größte und derzeit wohl auch erfolgreichste deutsche Gewerkschaft - gemessen an politischem Einfluss, Mitgliederentwicklung und geldwerten Verhandlungserfolgen. So dürfte es die IG Metall auch als vollkommen angemessen empfunden haben, dass ihre Forderung nach 6,5 Prozent mehr Geld ein Tarifjahr der besonderen Art eingeläutet hat. Denn nicht nur für die mehr als 3,6 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie wird in den nächsten Wochen über Lohnprozente verhandelt. Schon morgen wird die Nummer zwei, die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, ihre Forderung für etwa zwei Millionen Staatsdiener von Bund und Kommunen verkünden. Und nächste Woche legt die IG BCE mit ihren Wünschen für rund 800.000 Chemiearbeiter nach.

          Für die einen mehr Lohn, für die anderen höhere Kosten

          Allein diese Tarifrunden betreffen mehr als sechs Millionen Menschen. Was in den (aus Gründen der psychologischen Kriegsführung meist nächtlichen) Sitzungen vereinbart wird, hat aber noch weiter reichende Folgen. Denn während aufpolierte Gehaltszettel für die Arbeitnehmer bedeuten, dass sie mehr Geld lassen können im Schuhgeschäft, Reisebüro oder Autohaus - nicht umsonst glorifizieren Gewerkschafter den Binnenkonsum gerne als Geheimwaffe gegen Konjunkturübel aller Art - sind Lohnerhöhungen für die Gegenseite schlicht Kostensteigerungen.

          Nach der Krise drängen die Gewerkschaften mit Macht auf die Sonnenseite der Marktwirtschaft. Vor allem die Metaller wollen dieses nagende Gefühl loswerden, den Aufschwung verpasst zu haben. Mit Erleichterung wird in der Frankfurter Zentrale registriert, dass für Deutschland vieles auf eine nur kleine Konjunkturdelle hindeutet. Die Chemie dagegen könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Sie hat mit den Laufzeiten ihrer Tarifverträge zuletzt ein äußerst glückliches Händchen bewiesen und mitten im schönsten Boom bereits einen hohen Abschluss eingefahren. Verdi schließlich nimmt unter den großen Drei eine Sonderrolle ein. Denn im öffentlichen Dienst lässt sich nur schwer mit strahlenden Bilanzen, Dividenden und Umsatzrenditen argumentieren. Zwar sind die Steuereinnahmen gestiegen, und die Neuverschuldung sinkt. Doch der deutsche Schuldenberg ist weiterhin gigantisch. Und wer im Ausland Sparen zum politischen Saisonhit erklärt, wird sich zu Hause kaum grenzenlos großzügig zeigen.

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