https://www.faz.net/-gqe-rz3f

Takafumi Horie : Tokios verglühender Börsenstar

Börsenstar am Boden: Takafumi Horie Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das Debakel an Tokios Börse ist mit einem Namen verbunden: Takafumi Horie. Dem Gründer der Internetfirma Livedoor wird vorgeworfen, Aktienkurse manipuliert, Bilanzen beschönigt und Aktionäre betrogen zu haben. Ein Porträt von Stephan Finsterbusch, Tokio.

          2 Min.

          Takafumi Horie bewegt Tokios Börse. Eine staatsanwaltschaftliche Durchsuchung der von ihm gegründeten Livedoor-Gruppe verpaßte dem Aktienmarkt in dieser Woche derbe Dämpfer. Die Kurse etablierter Konzerne erlitten kräftige Abschläge. Asiens Leitbörse hat mittlerweile Mühe, ersten Panikverkäufen Herr zu werden.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Noch vor einem Jahr als Vorbild einer neuen Generation junger Entrepreneurs gefeiert, von alten Regierungspolitikern und gestandenen Wirtschaftskapitänen umworben, hatte Horie das erzkonservative Establishment Japans nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten angegriffen. Er startete feindliche Firmenübernahmen, knackte alte Kapitalstrukturen und griff nach den Sternen. Er brachte eine Entwicklung in Gang - die ihn nun als Unternehmer auszulöschen droht.

          Sein Lächeln erstarb auf den Lippen

          Denn der 33 Jahre alte Horie befindet sich heute in der Gesellschaft von Finanzaufsehern und Buchprüfern, die dem Management von Livedoor vorwerfen, Aktienkurse manipuliert, Bilanzen beschönigt und Aktionäre betrogen zu haben. Dem selten um eine witzige Antwort verlegenen Horie war das Lächeln auf den Lippen erstorben, als die Staatsanwälte Montag nacht an seiner Tür klopften und erst im Morgengrauen vollbepackt mit Aktenordern wieder gingen.

          Fördern sie aus dem beschlagnahmten Material Beweise zu Tage, werden die hochfliegenden Pläne des einstigen Börsenstars auf dem harten Boden der Tatsachen zerschellen. Dazu zählen der von ihm zusammengekaufte High-Tech-Konzern und die private Raumfahrtfirma, er dürfte sein nach ihm benanntes Rennpferd und seine millionenteuere Wohnung verkaufen. Er stände wieder dort, wo er vor zehn Jahren begann.

          Wenig Geld, doch viel Elan

          Geboren 1972 als Sohn eines Angestellten in der Provinzstadt Yame hatte es Horie früh in die Hauptstadt gezogen. Dort nahm er mittellos und guten Mutes in den neunziger Jahren das Studium der Literatur- und Religionswissenschaft auf, ließ Bücher schnell Bücher sein und bastelte sich auf seinem vernetzten Computer eine Internetseite. Um aus der kleinen Spielerei mehr zu machen als nur ein flüchtiges Vergnügen, gründete er mit einigen Freunden 1996 die Firma „On the Edge“. Mit wenig Geld, geringen Perspektiven, doch viel Elan und Energie umkreisten Horie und sein Trupp die Ränder der Gesellschaft.

          Japans wirtschaftliche Krisenstimmung ließ die überkommenen sozialen Konventionen erodieren. Plötzlich wurden Außenseiter interessant, rückten Randfiguren ins Zentrum des Geschehens. Wie in Nordamerika und Westeuropa stiegen auch im Fernen Osten die geschäftstüchtigen, verbal beschlagenen und von ingenieurtechnischem Wissen meist ungetrübten Jungpioniere des weltweiten Datennetzes ins Rampenlicht.

          Ein kleines Imperium

          Horie stand hier in der ersten Reihe. Er schöpfte die sich ihm bietenden Möglichkeiten voll aus, konnte sich dank wohlkalkulierter Splitts der Anteilsscheine seiner Firma einen Konkurrenten nach dem anderen kaufen, gewann die Rückendeckung amerikanischer Investmentbanker und baute mit ihrer Hilfe rund um das Internet ein kleines Imperium mit einer Marktkapitalisierung von fünf Milliarden Euro auf. Von dieser Bastion aus griff er die alte Wirtschaftsgarde des Landes an. 2004 machte er sich daran, ihr eine eingespielte Baseballmannschaft abzujagen, scheiterte und nahm neue Ziele ins Visier.

          2005 hielt Horie Land und Leute mit dem kühnen Versuch einer feindlichen Übernahme des sechs Milliarden Euro teueren Senders Fuji TV in Atem. Das brachte ihm viel Zuspruch und viele Sympathien ein. Als er sich aber mit seinen konservativen Gegenübern aus dem Hause Fuji auf einen Kompromiß und eine Reihe undurchsichtiger Überkreuzbeteiligungen einließ, als er für die Regierungspartei LDP bei der letzten Parlamentswahl kandidierte, als er nur noch Glanz, Glimmer und dem Scheinwerfer der TV-Anstalten frönte, als er Fragen nach den komplexen Finanzmanövern seines Unternehmens nur noch mit einer wegwerfenden Handbewegung beantworten konnte, war sein Stern schon am Sinken. Das Debakel an der Börse dürfte ihn nun zum Verglühen bringen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.