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Tagesspiegel : Ein überraschender Coup - und ein naheliegender Verdacht

  • Aktualisiert am

In neuem Besitz Bild: AP

Wettbewerbs- und Medienfachleute vermuten im Verkauf des Tagesspiegels an Holtzbrinck ein Manöver des Holtzbrinck-Verlags. Darauf deutet die zeitliche Nähe zur Reform des Pressefusionsrechts hin.

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          Einen Überraschungscoup hat der Holtzbrinck-Verlag mit dem Verkauf des Tagesspiegels an den langjährigen Holtzbrinck-Manager Pierre Gerckens zweifellos gelandet. Einen naheliegenden Verdacht konnte die Stuttgarter Verlagsgruppe aber nicht aus der Welt schaffen: Ist Gerckens lediglich als "Strohmann" eingesprungen? Naturgemäß wies der Holtzbrinck-Verlag am Montag alle entsprechenden Vermutungen von sich. Und auch Gerckens selbst beteuerte, für eine "Strohmann-Lösung" stehe er nicht zur Verfügung (siehe untenstehenden Bericht). Daß der Verdacht dennoch im Raum steht, hat einen einfachen Grund: Die zeitliche Koinzidenz zur geplanten Änderung des Pressefusionsrechts. Holtzbrinck, so der Verdacht, könnte mit dem Verkauf an Gerckens die Zeit überbrücken, bis es eine Gesetzesänderung dem Verlagskonzern erlaubt, mit Berliner Zeitung und Tagesspiegel zwei Abonnementzeitungen in der Hauptstadt zusammenzulegen. Genährt wurde dieser Verdacht am Montag zusätzlich durch Äußerungen des Kanzlers, er wolle die Pressefusionskontrolle "im Einvernehmen mit den Verlegern" reformieren.

          Es sei schon eine "sehr naheliegende Vermutung", daß Holtzbrinck nur Zeit gewinnen wolle, sagte Jürgen Basedow, Mitglied der Monopolkommission und Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg, dieser Zeitung. Der Verkauf an Gerckens sei "ein klarer Umgehungstatbestand", fügte Horst Röper, Medienforscher am Dortmunder Formatt-Institut am Montag. "Der Tagesspiegel wird bei Gerckens bis zur Änderung des Kartellrechts geparkt."

          „Nähe Gerckens' zu Holtzbrinck auffällig“

          Ähnliche Vermutungen hegt auch der Hamburger Bauer-Verlag, der bislang als einziger verbliebener Kaufinteressent für den Tagesspiegel gegolten hat, dessen Gebot jedoch von Holtzbrinck als unzureichend abgelehnt wurde. "Die deutliche Nähe von Gerckens zu Holtzbrinck ist auffällig ", sagte ein Bauer-Sprecher am Montag. "Wir sehen uns deshalb in unserer Auffassung bestätigt, daß Holtzbrinck den Tagesspiegel tatsächlich gar nicht verkaufen wollte."

          Der Axel Springer Verlag kann mit der überraschenden Wendung im Berliner Zeitung offenbar ganz gut leben. Kein Wunder, sollte das Pressefusionsrecht tatsächlich gelockert werden, würde das größte deutsche Zeitungshaus vermutlich zu den Hauptprofiteuren zählen. "Dafür würden wir diese Kröte in Berlin wohl schlucken", hieß es am Montag in Springer-Kreisen. Bislang hat der Großverlag dagegen die Fusion von Tagesspiegel und Berliner Zeitung heftig bekämpft, weil er dadurch seine eigenen Blätter "Welt" und "Berliner Morgenpost" bedroht sah.

          Sensible Verlagsbranche

          Für die wegen ihrer meinungsbildenden Funktion als sensibel geltenden Verlagsbranche gelten seit 1976 besonders restriktive Auflagen für Fusionen. Die damalige SPD-geführte Bundesregierung reagierte damit auf einen Konsolidierungswelle in der deutschen Zeitungslandschaft seit Ende der sechziger Jahre. Die Restriktionen zeigten Wirkung: Zwischen 1976 und 1989 sank die Zahl der Tageszeitungen mit eigenständiger Hauptredaktion lediglich von 121 auf 119 Blätter. Mittlerweile gibt es einschließlich Ostdeutschland 136 eigenständige Tageszeitungen in Deutschland.

          Angesichts des dramatischen Rückgangs der Anzeigeneinnahmen vieler Verlage in den vergangenen Jahren, mehren sich allerdings die Stimmen, die eine Lockerung der Fusionsbeschränkungen fordern. In den vergangenen Tagen war immer wahrscheinlicher geworden, daß Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) die Ministererlaubnis für die Fusion von Tagesspiegel und Berliner Zeitung nicht erteilen und statt dessen die speziellen kartellrechtlichen Bestimmungen für Pressefusionen anpassen werde (F.A.Z. vom 25. September). Die neuen Regeln sollen in die ohnehin anstehende Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) eingehen.

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