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Vergleichsvorschlag an Anleger : Telekom, plötzlich generös

  • -Aktualisiert am

Gegner, aber in der Sache vereint: Anwälte der Deutschen Telekom sowie Anlegervertreter am Oberlandesgericht Frankfurt. Bild: AFP

Nach mehr als 20 Jahren sollen die 17.000 Zivilklagen enttäuschter Kleinanleger der „T-Aktie“ gegen die Deutsche Telekom durch Vergleiche beendet werden.

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          Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber die spürbare Erleichterung aller Beteiligten am Dienstag, die deutlichen Zugeständnisse an die Telekom-Kläger und die dringlichen Empfehlungen des Oberlandesgerichts Frankfurt weisen nur in eine Richtung: Nach mehr als 20 Jahren sollen die 17.000 Zivilklagen enttäuschter Kleinanleger der „T-Aktie“ gegen die Deutsche Telekom durch Vergleiche beendet werden. Bis Ende Juni 2022 will der Konzern allen Klägern Angebote machen und muss dafür, ausweislich des aktuellen Geschäftsberichts, etwa 78 Millionen Euro an Entschädigung samt saftigen Zinsen zahlen. Außerdem übernimmt er die kompletten Gerichts- und Anwaltskosten.

          Woher kommt die plötzliche Generosität, nachdem sich Telekom und Anleger über Jahre einen juristischen Stellungskrieg geliefert haben, in dem das Musterverfahren zweimal vor dem Bundesgerichtshof landete? Auch ein Branchenriese wie die Telekom muss eine hohe zweistellige Millionensumme erst einmal stemmen. Im Vordergrund steht, dass man sich endlich einer ungeliebten Altlast entledigt. Fast zwei Jahrzehnte wurden die Anlegerklagen von einem Vorstand zum nächsten weitergereicht. Aus finanzieller Sicht ist der Zeitpunkt eines Vergleichs, knapp neun Monate nach der letzten BGH-Entscheidung im Frühjahr, sogar gut gewählt. Karlsruhe hatte einen Prospektfehler beim dritten Börsengang im Jahr 2000 und ein Verschulden der Telekom bejaht. Mittels aufwendiger Gutachten eines Sachverständigen wäre es nun Aufgabe der Telekom gewesen, die Kaufmotivation jedes Privatanlegers zu erforschen. Sie hätte also in 17.000 Fällen beweisen müssen, dass der Prospektfehler keine Rolle für den Aktienkauf spielte. Das allein hätte die Verfahren nach Einschätzung der Frankfurter Justiz nochmals um fünf Jahre verlängert – mit erheblichen Kostenrisiken aufgrund der Zinsen.

          Daher ist es die einzig richtige Entscheidung, die Akte endgültig zu schließen. Doch das vom einstigen Vorstandschef Ron Sommer geprägte Narrativ, die T-Aktie werde „so sicher wie eine vererbbare Zusatzrente sein“, wird in der Konzerngeschichte weiterhin ein großer Makel bleiben.

          Marcus Jung
          Redakteur in der Wirtschaft.

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