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Syriens Mittelschicht : Auf der Flucht nach Beirut

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Das kleine Nachbarland hilft, den größten Druck zu lindern: Syrische Flüchtlinge arbeiten als Tagelöhner auf einer Baustelle in Beirut Bild: REUTERS

Die Wirtschaft Syriens liegt nach mehr als einem Jahr Bürgerkrieg danieder. Gerade wohlhabende Syrer zieht es ins Nachbarland Libanon. Auch dort wird die Krise zunehmend spürbar.

          May Abdun kann sich vor Anfragen kaum retten. Nicht nur Diplomaten und Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen belagern die Immobilienmaklerin aus Beirut, wenn sie Wohnungen oder Büroräume suchen. Vor allem zählen wohlhabende Syrer, die vor den Kämpfen im Nachbarland in die libanesische Hauptstadt geflohen sind, seit Monaten vermehrt zu ihren Kunden.

          Ganze Etagen in den Stadtteilen Ras Beirut und Aschrafieh seien inzwischen an Familien aus Damaskus, Aleppo oder Hama vermietet, erzählt Abdun, die seit mehr als einem Jahrzehnt im Immobiliengeschäft der Mittelmeerstadt tätig ist. Auch in Junieh parken zahlreiche Autos mit syrischen Nummernschildern entlang der Hauptstraße, die durch das Vergnügungsviertel der vornehmlich von Christen bewohnten Hafenstadt nördlich Beiruts führt.

          Auch die Tourismusbranche ist eingebrochen

          Anderthalb Jahre nach Beginn der Revolution gegen Syriens Präsident Baschar al Assad ist die Krise mit voller Wucht auch im Libanon angekommen. Einst hatte der von treuen Vasallen Hafiz al Assads, dem Vater des jetzigen Herrschers, regierte Mittelmeeranrainer als Selbstbedienungsladen Syriens gegolten. Inzwischen aber hilft das kleine Land, den größten Druck zu lindern. Die syrische Wirtschaft ist stark vom Bürgerkrieg getroffen: In den zwölf Monaten seit Beginn der Proteste im März 2011 stiegen die Preise dort um ein Drittel. Noch Anfang 2011 hatte die Inflation nicht mehr als fünf Prozent betragen - im Juni waren es schon 36,1 Prozent. Um die von Europäischer Union, Vereinigten Staaten und Arabischer Liga verhängten Sanktionen zu umgehen, nutzt das Regime in Damaskus die offenen Grenzen zum Nachbarland zum Import von Treibstoff, darunter Diesel.

          Dass sich die Wirtschaftselite in der Hauptstadt Damaskus und der nahe der türkischen Grenze gelegenen Handelsmetropole Aleppo bislang nicht der Revolution angeschlossen hat, gilt als einer der Gründe für das Durchhaltevermögen des Regimes. „Das Bürgertum in Aleppo hat stark von den Wirtschaftsreformen profitiert, die Assad im vergangenen Jahrzehnt eingeführt hat“, sagt Jihad Yazigi, Chefredakteur der Wirtschaftszeitschrift „The Syria Report“. Das mache es schwierig, den Zeitpunkt des Abgangs Assads zu prognostizieren. Er rechne aber damit, dass sich viele Geschäftstreibende bei einem sich abzeichnenden Ende des Regimes auf die Seite der Opposition schlagen werden.

          Im Vergleich zu anderen Staaten der Region verfügt Syrien über eine relativ diversifizierte Wirtschaft. Doch inzwischen leidet das Land immer stärker unter den Sanktionen, die das im August und September 2011 von der EU und den Vereinigten Staaten verhängte Verbot von Ölexporten mit sich bringt - immerhin machte der Verkauf fast dreißig Prozent des BIP aus; mehr als 95 Prozent davon gingen nach Europa. Und auch der nach der Landwirtschaft drittwichtigste Sektor, die Tourismusbranche, ist eingebrochen: Stammten im Jahr vor Beginn des Aufstands im südsyrischen Daraa im März 2011 noch rund zwölf Prozent der Einnahmen von ausländischen Besuchern, so sind die antiken Ruinen Palmyras, die Zitadelle Aleppos und die historische Damaszener Altstadt seit Monaten verwaist. Um mehr als 75 Prozent gingen die Erlöse zurück, teilte die Regierung Ende August mit; zwei Drittel der Arbeitskräfte im Tourismussektor seien verloren.

          Das syrische Pfund hat erheblich an Wert verloren

          Tourismusminister Hala Muhammad al Nasser rief Exilsyrer bereits im Juli dazu auf, den Sommer in ihrer Heimat zu verbringen. Und das, obwohl die Kämpfe zwischen den Aufständischen der Freien Syrischen Armee (FSA) und Regierungstruppen längst Orte wie die von der Unesco geschützte Kreuzritterhochburg Crac des Chevaliers und die vergessenen Städte im Norden des Landes erreicht haben. Viele Hotelzimmer, in denen noch Anfang 2011 Touristen schliefen, sind nun von Binnenflüchtlingen belegt.

          Hinzu kommt, dass sich die Devisenreserven des Regimes seit Sanktionsbeginn auf etwa 10,7 Milliarden Dollar reduziert haben. Die Investitionen gingen einer im August vorgelegten Regierungsstudie zufolge seit dem ersten Quartal 2011 um mehr als 85 Prozent zurück. Das syrische Pfund hat erheblich an Wert verloren, was es auch für die in den Libanon geflohenen Geschäftsleute zunehmend schwieriger macht, sich die teuren Preise in der einst als „Paris des Nahen Ostens“ gepriesenen libanesischen Hauptstadt zu leisten.

          Die Krise hat bereits jetzt Auswirkungen auf die Einnahmen

          Zwar gingen die syrischen Exporte in den Libanon in den ersten fünf Monaten dieses Jahres im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres laut „Syria Report“ lediglich von 146 Millionen auf 121 Millionen Dollar zurück. Import und Export in andere Staaten hingegen halbierten sich nach Angaben des syrischen Zentralbankgouverneurs Adib Mayale.

          Doch lange wird sich der selbst von anderthalb Jahrzehnten Bürgerkrieg erschütterte Libanon nicht vor den Folgen der Krise im Nachbarland schützen können. „Wenn das Regime in Syrien fällt, wird das unweigerlich Auswirkungen auf den Libanon haben, so eng wie die beiden Länder seit Jahrzehnten verflochten sind“, sagt Iyad Dirany vom libanesischen Wirtschaftsmagazin „Al Iktissad“.

          Weil viele Besucher aus den Golfstaaten auf dem Landweg nach Beirut und in die Sommerfrischen in den Bergen oberhalb der libanesischen Hauptstadt reisten, habe die Krise bereits jetzt Auswirkungen auf die Einnahmen, sagt er. Und die Zehntausende Flüchtlinge, die sich die teuren Wohnungen in Beirut nicht leisten könnten, warteten dort auf Hilfe - statt selbst Geld auszugeben.

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