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Europäische Geldpolitik : Südeuropa schimpft auf den Eurokurs

Streitfall Euro: Linke Gruppen protestieren in Rom gegen die EU Bild: AFP

Frankreich und Südeuropa fordern eine Abwertung des Euro, um ihre Produkte auf dem Weltmarkt leichter zu verkaufen. Die deutsche Industrie könnte auch mit einem höheren Kurs gut leben.

          Ist der Euro zu stark, zu schwach, oder liegt der Wechselkurs noch gerade richtig? Je nachdem, wen man im Euroraum fragt, erhält man unterschiedliche Antworten. Deutschland schenkt dem Euro-Dollar-Wechselkurs, der noch immer wichtigsten Währungsrelation der Welt, vergleichsweise wenig Beachtung. In Frankreich und in weiten Teilen Südeuropas ist das ganz anders. Dort wird der Eurokurs als entscheidende Bremse für den Export angeprangert. Die Nachfrage nach vielen ihrer Produkte ist stark preisabhängig. In der Autoindustrie etwa wird das sichtbar, wo die französischen und italienischen Kleinwagen mit günstigen koreanischen Modellen konkurrieren.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Ganz anders als Deutschland geht Frankreich die Frage des Wechselkurses einfach nicht aus dem Sinn“, sagt Eric Chaney, Chefvolkswirt des französischen Versicherers Axa, „doch das ist rational. Denn die französische Wirtschaft ist nicht innovativ genug, um sich von der Wechselkursfrage unabhängig machen zu können.“ André Cartapanis, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Aix-en-Provence, ist ein Vertreter dieser Denkschule. Die Notenbanken Amerikas, Englands, Japans, Chinas und Brasiliens würden offen oder verdeckt auf eine Abwertung ihrer Währung zur Ankurbelung der Wirtschaft hinarbeiten – nicht aber die Europäische Zentralbank. Deshalb sei der Euro-Dollar-Kurs seit Juli 2012 von 1,22 Dollar je Euro auf 1,36 bis 1,39 Dollar geklettert. Etliche französische Ökonomen und Politiker fordern daher, dass die EZB wie die amerikanische Fed oder die Bank von England Staatsanleihen aufkaufen sollte, um den Wechselkurs zu schwächen.

          Cartapanis schlägt einen anderen Weg vor: Die EZB solle amerikanische Schatzpapiere kaufen, um den Dollar zu stärken. „Doch eine Abwertungsstrategie durch die Notenbank ist in den Augen der Bundesbank eine Sünde, und die EZB steht in der Tradition dieser Politik“, sagte Cartapanis vor wenigen Tagen auf einer Konferenz des einflussreichen „Cercle des économistes“ in Aix-en-Provence. Er erinnert so wie viele seiner französischen Kollegen daran, dass die EZB derzeit ihr Inflationsziel von 2 Prozent deutlich unterschreite, und sieht Deflationsrisiken am Horizont. Eine Schwächung des Euro könne dagegen die Exportchancen von französischen und anderen Unternehmen erhöhen, meint er, und gleichzeitig die Inflationsrate wieder etwas näher an ihren Zielwert heranbringen.

          Warnung vor gezielter Abwertung

          Die EZB hat immer wieder klargestellt, dass sie keine Wechselkurspolitik betreibe. EZB-Chef Mario Draghi äußerte im Mai „ernste Sorge“, als der Kurs nahe an 1,40 Dollar stieg, weil dadurch die Importpreise zu stark gedämpft werden und die Inflationsrate noch mehr zu sinken drohte. In dieser Woche äußerte Draghi vor dem EU-Parlament: „Unter den gegenwärtigen Umständen ist ein höherer Wechselkurs ein Risiko für eine anhaltende Fortdauer der Konjunkturerholung.“

          Vor einer gezielten Abwertung warnen indes viele Ökonomen, weil dies in einen Abwertungswettlauf oder gar Währungskrieg münden könnte. Viele Ökonomen, auch in der EZB, befürchten zudem eine Überfrachtung der Geldpolitik, wenn diese auch den Wechselkurs beeinflussen wolle. Dann könne das eigentliche Ziel, die Bewahrung der Preisstabilität, aus den Augen geraten. Das sehen aber nur wenige französische Ökonomen als Gefahr. Inflationssorgen sind in Frankreich ohnehin viel weniger verbreitet als in Deutschland.

          Aus Sicht Deutschlands ist der Eurokurs keineswegs zu hoch. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann äußerte zur angeblichen Überbewertung: „Ist er (der Kurs) zu stark, bist du zu schwach.“ Laut Berechnungen der Investmentbank Morgan Stanley ist der Euro für die wettbewerbsfähige deutsche Industrie sogar zu niedrig: Bei 1,53 Dollar läge der angemessen Kurs für Deutschland, errechnete Morgan Stanley im vergangenen Jahr. Für Frankreich kamen sie hingegen auf einen angemessenen Kurs von 1,23 Dollar, für Italien nur 1,19 Dollar und für Griechenland sogar nur 1,07 Dollar.

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