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Südamerika : Unkontrollierter Goldrausch im Amazonasgebiet

Garimpeiros beim Goldwaschen Bild: REUTERS

Der hohe Goldpreis lockt immer mehr Glücksritter ins französische Dschungel- Departement Guyana. Dort gefährden sie mit Quecksilber aber die einheimische Bevölkerung, Flora und Fauna.

          4 Min.

          Sie sind die Glücksritter des nordöstlichen Amazonasgebiets. Einen Motor, eine Pumpe, einige Schläuche, einen Tisch, eine Plastikplane, ein paar Waschschüsseln und vielleicht noch einen kleinen Bagger - mehr brauchen sie nicht. Von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung pumpen sie Wasser durch die Flussböden, waschen den Sand aus, geben Quecksilber dazu, um eine flüssige Legierung herzustellen, aus der sie später das begehrte Rohgold gewinnen. Aus bitterarmen Verhältnissen kommend, suchen die "Garimpeiros" die Flüsse fieberhaft nach jenem Rohstoff ab, der an den Handelsplätzen von London und New York mit mehr als 1100 Dollar je Feinunze gehandelt wird.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Illegale Goldschürfer gibt es in Guyana schon lange, aber aufgrund des rapiden Goldpreisanstiegs kommen sie inzwischen in Heerscharen aus Brasilien und Surinam über die Grenzen ins französische Übersee-Departement Guyana an der Nordostspitze Lateinamerikas. In dessen weitläufigem Dschungelgebiet, das zu Frankreich und damit zur Europäischen Union gehört, gibt es viel Gold. "Es kommen immer mehr, sie sind immer besser organisiert und haben zunehmend Verbindungen in die Geschäftswelt", sagt Christiane Taubira, die Guyana als sozialistische Abgeordnete in der Pariser Nationalversammlung vertritt. Sie schätzt, dass bis zu 15 000 illegale Goldgräber in Guyana unterwegs sind. Der Umweltverband WWF hält sogar 30.000 für möglich - bei einer Bevölkerung von 230 000 Menschen.

          Missbildungen bei Neugeborenen

          Im Jahr 2006 hat Frankreich den Quecksilbereinsatz verboten, doch das kümmert die illegalen Goldschürfer nicht. Aufgrund des hochgiftigen Stoffes kommt es unter den Bewohnern der Dschungelgebiete, den "Amerindien", zu Missbildungen bei Neugeborenen und zu schweren Erkrankungen. Darüber hinaus schädigen sie Fauna und Flora in einem Amazonasgebiet, das eines der größten Naturschutzgebiete der Welt ist - mit 1600 verschiedenen Tierarten, darunter Jaguare, Pumas oder Anakondas. Nach Angaben des WWF enthält ein Hektar des guyanischen Regenwaldes im Durchschnitt mehr Pflanzenarten als der ganze europäische Kontinent zusammen. Doch die Goldschürfer bedrohen diese einmalige Naturwelt. "Mit ihnen machen sich auch Prostitution, Drogenhandel, Gewalt und andere Kriminalität breit", berichtet Romain Taravella vom WWF-Büro in Guyana.

          „Es kommen immer mehr”

          Die Menge des illegal geschürften Goldes übertrifft jene des legalen inzwischen um ein Vielfaches. "In den vergangenen Jahren hat die Regierung immer weniger Lizenzen für das vorschriftsmäßige quecksilberfreie Schürfen vergeben", klagt Carol Ostorero, Präsidentin des Verbandes der Minenbetriebe Fedomg. Drei bis vier Tonnen im Jahr produziere die offizielle Branche, berichtet das Ministerium für Überseegebiete in Paris. Es gibt nur noch zehn bis fünfzehn lokale Unternehmen, die in der Regel nicht mehr als ein Dutzend Mitarbeiter haben. Vor zwei Jahren wollte der kanadische Konzern Iamgold eine große Produktion errichten. Doch der französische Präsident Nicolas Sarkozy lehnte den Antrag ab, weil die Goldförderung in einem ökologisch reichhaltigen Gebiet stattfinden sollte. "Wir brauchen mehr Lizenzen, damit die Goldförderung korrekt vor sich gehen kann, nicht zuletzt verbunden mit Wiederaufforstung nach der Stilllegung von Anlagen", fordert die Verbandspräsidentin Ostorero und verweist darauf, dass auch Bodenschätze wie Kupfer, Zink und Diamanten im Boden von Guyana vermutet werden.

          Doch die französische Regierung zögert, aus Guyana ein Bergbau-Departement zu machen. Auch der sogenannte legale Teil der Goldindustrie von Guyana ist nicht immer so legal, wie er sich gibt. Händler kauften das Gold aus zweifelhaften Quellen, berichten der WWF-Mann Taravella und die Abgeordnete Taubira übereinstimmend. Die Minenpräsidentin räumt ein, dass heute vor allem die brasilianische Regierung illegales Gold reinwasche, indem sie es mit einem offiziellen Label ausstatte. Dem gelben Metall sieht man seine Herkunft nicht an. Daher können es die Händler in Guyana mühelos weiterverkaufen. Die Pflicht, einen Legalitätsnachweis von Gold einzufordern, gilt kurioserweise in ganz Frankreich einschließlich seiner Überseegebiete - nicht aber auf Guyana. Man wollte die Goldindustrie fördern, damit das Departement nicht von französischen Subventionen und dem europäischen Weltraumbahnhof in Kourou abhängig ist. Stattdessen blühte die illegale Förderung auf. "Wir hoffen, in diesem Jahr die Nachweispflicht auf Guyana ausweiten zu können", sagt ein Sprecher des Übersee-Ministeriums in Paris.

          Jagd auf illegale Goldschürfer

          Frankreich hat in den vergangenen Jahren die Jagd auf die illegalen Goldschürfer verstärkt, setzte sogar die Fremdenlegion, eine Anti-Terror-Gruppe und schwerbewaffnete Gendarmerie ein. 2008 wurden nach Regierungsangaben 19 Kilogramm Gold und 193 Kilogramm Quecksilber sichergestellt. "Doch die Einsätze blieben punktuell. Aufgrund des hohen Goldpreises können die Garimpeiros inzwischen sogar vier Monate auf der brasilianischen Seite ausharren, um einfach die nächste gute Gelegenheit abzuwarten", berichtet Taubira. Außerdem rodeten die illegalen Goldschürfer heute seltener ihre Arbeitsorte nahe den Flussufern, sondern hielten sich unter dichten Bäumen auf, wo sie von den französischen Sicherheitskräften in ihren Helikoptern nicht auszumachen sind.

          Der WWF macht derzeit mit einem Dokumentarfilm und Protestaktionen vor Pariser Edeljuwelieren auf diesen Missstand aufmerksam. Die Konsumenten sollen künftig bei den Juwelieren nach der Herkunft des Goldes fragen und so die Industrie unter Druck setzen, ein Nachweissystem von korrekt gefördertem Gold aufzubauen. Ein 2008 zwischen Frankreich und Brasilien abgeschlossenes Abkommen zur gemeinsamen Bekämpfung der illegalen Goldschürfer ist bisher von den Parlamenten nicht ratifiziert worden. Zumindest in Frankreich soll es nach Aussage von Außenminister Bernard Kouchner noch in diesem Sommer ratifiziert werden. Hinsichtlich der brasilianischen Gesetzgebung ist Taubira aber sehr skeptisch. "Die Goldschürfer bringen für die arme Grenzregion Brasiliens Einkommen und ernähren etliche Familien. Daher hat Brasilien letztlich kein Interesse an einer Bekämpfung. Doch solange Brasilien nichts tut, bekommen wir das Problem nicht in den Griff", sagt Taubira.

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