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Stuttgart : Die Hauptstadt der Kurzarbeit

Im Kessel die Stadt, oben der Fernsehturm Bild: picture-alliance/ dpa

Nirgendwo ist besser zu besichtigen, was die Weltwirtschaftskrise in der Industrie anrichtet als in Stuttgart. Gestern waren die Unternehmen hier noch Exportweltmeister. Und morgen? Die Krise hat die Stadt erreicht. Man sieht es aber nicht sofort. Eine Reise in eine gebeutelte Stadt.

          7 Min.

          Vielleicht ist der sonnige Balkon eines Kabarettisten der geeignete Ausgangspunkt, um die Gemütslage in Stuttgart zu erkunden. Christoph Sonntag, frisch gebräunt von ein paar Tagen auf Mallorca, blickt von Bad Cannstatt herab auf Mercedes- und Porsche-Arena, der Fernsehturm grüßt vom Hügel gegenüber, weiter weg ist die Daimler-Zentrale in Untertürkheim zu erkennen, wo Vorstandschef Dieter Zetsche die Jahrhundertkrise der Automobilbranche ausgerufen hat.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was unten im Kessel brodelt, liefert dem Comedy-Star auf der Anhöhe den Stoff für seine Gags. Wie also ist die Stimmung, Herr Sonntag? Er habe sein Portfolio erweitert, sagt er. Manager und Ökonomen tauchen jetzt vermehrt in seinem Programm auf. Christoph Sonntag hat sich eingelesen in die Welt der Leh- und Goldmänner. Jeden Auftritt - 180 davon absolviert er im Jahr - beginnt er mit derselben Frage: "Ist ein Banker im Saal?" Mehr braucht es nicht für den ersten Lacher. Depression im Theater? Keine Spur. "Ich habe doppelt so viele Besucher wie vor zwei Jahren." Das "bissle Krise", so deutet es der Künstler, vermag die Schwaben nicht zu schrecken. Wer so lange unterschätzt wurde, lässt nicht so leicht von seinem Glück. "Seit einigen Jahren ist Stuttgart die Partyhauptstadt der Republik, jetzt sind wir halt auch noch die Hochburg der Kurzarbeit."

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          Stuttgart von oben: Blick vom Fernsehturm

          Nirgendwo in Deutschland leben glücklichere Menschen als in Stuttgart, das hat eine Umfrage im Herbst ergeben, vor dem scharfen Einbruch in der Autoindustrie. Seit Oktober vorigen Jahres hat die Region mehr als eine halbe Million Kurzarbeiter gemeldet. Die Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg ist von 3,9 Prozent (im November 2008) auf 5,2 Prozent im April angestiegen. "Adele Musterländle!" titeln die ersten Zeitungen. Die Republik schlägt mit Häme zurück gegen die angeblichen Großkotze aus dem Südwesten, die so taten, als hätten sie den Titel des Exportweltmeisters im Alleingang errungen.

          Mühsam haben sich die Schaffer in den vergangenen Jahren etwas Lebensfreude antrainiert, unter tätiger Anleitung der vielen Zugereisten. Daimler, Porsche, Bosch, und wie all die stolzen Firmen heißen, lockten High Potentials mit sagenhaften Gehältern in die Stadt. Die Stimmung stieg, Clubs und Bars öffneten, die Theodor-Heuss-Straße avancierte zur Partymeile. Wirte stellten Tische auf die Straße, ohne zu fragen: Wer kehrt den Dreck weg? Eine junge, glitzernde Society bildete sich, als Ersatz für den früher tonangebenden halbseidenen Unternehmerklüngel, wie Christoph Sonntag spottet: "Stuttgart ist heute so was von scharf auf rote Teppiche. Roll' irgendwo einen Fetzen aus, und alle stehen da."

          Es ist kein Zufall, dass das Ländle nach dem bibelfesten Erwin Teufel für das neue Lebensgefühl mit Günther Oettinger den passenden Ministerpräsidenten erwischte, einen CDU-Politiker mit anarchistischen Zügen, der schon mal seinen Leibwächtern entwischt und in Situationen gerät, in denen besser jemand auf ihn aufpassen sollte.

          Ist diese Zeit der Leichtigkeit nun schon wieder vorbei? Sind Wohlstand und gute Laune in Gefahr? Nirgendwo ist besser zu besichtigen, was die Weltwirtschaftskrise in der Industrie anrichtet als in Stuttgart. Fabriken stehen still. Selbst Global Champions geraten ins Straucheln. Die weniger robusten Unternehmen brechen gleich zusammen. Gestern noch waren sie Exportweltmeister und morgen? Pfeift die Welt dann auf Autos? Und auf die Kunst der Schwaben? Auszuschließen ist nichts mehr, unken die Ängstlichen im Land, wenn man selbst bei Daimler, den Erfindern des Automobils, von einer existentiellen Gefahr redet.

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