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Stuttgart : Die Hauptstadt der Kurzarbeit

Keine böses Wort gegen Dieter Zetsche fällt, selbst die Tatsache, dass seine Leute auf Lohn verzichten müssen, lobt er als beispielhaft: "Daimler dient als Modell für andere. Man kann die Krise auch ohne Entlassungen bewältigen." Der Konzern brauche nun mal Liquidität, "da hat es keinen Wert, stur auf Konfrontation zu gehen". Und so sparen sie nun alle gemeinsam: Selbst ihm, dem Aufsichtsrat, wurden die Zeitungsabos abbestellt. Die Büros werden seltener geputzt, die Reisekosten sind um 80 Prozent gestrichen. Wer einen neuen Computer beantragt, bekommt höchstens einen gebrauchten. Seminare sind schon lange Luxus. Zum Glück ist Konzernchef Zetsche wenigstens Chrysler rechtzeitig losgeworden: "Hätte es uns mit in den Strudel gezogen, hätten wir das nicht stemmen können."

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Als Faustregel bewährt sich in diesen Tagen: Je näher am Auto, desto mehr Krise. Katrin Möllers, Teilhaberin einer Stuttgarter Werbe- und Eventagentur, arbeitet für Kunden im Handel, in der Sanitär- und Kosmetikbranche. Allesamt weniger sexy als Mercedes, aber das hilft ihr in diesen Tagen: "Da hat noch keiner den Rotstift angesetzt." Nur gefeiert wird in den Unternehmen nicht mehr. "Betriebsjubiläen fallen 2009 flach, selbst in gesunden Firmen." Das schickt sich nicht, so wenig wie ein neuer Porsche oder eine neue S-Klassen-Limousine auf dem Hof des Mittelständlers.

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Auch der Bau der neuen Fabrik wird im Zweifel vertagt auf bessere Zeiten. "Die Industrie hat ihre Bautätigkeit eingestellt", berichtet Axel Rahm, Bauunternehmer in dritter Generation. 50 Mitarbeiter beschäftigt der Ingenieur, keinen einzigen hat er in Kurzarbeit geschickt. Wenn die Konzerne ihre Investitionen stoppen, lässt ihn das kalt. Er baut nicht für Daimler ("Die Preise dort sind nix, das macht keinen Spaß"), sondern für Privatleute, am liebsten Villen für das Stuttgarter Bürgertum. Der Kontakte wegen sitzt er in zwei Vereinsvorständen. Außerdem kandidiert er für die CDU für den Gemeinderat und sein Bruder für die Freien Wähler: "Wir haben uns abgesprochen, um alles abzudecken."

Von Angst oder gar Panik ist in seiner Klientel nichts zu spüren: "Da hat kein Einziger die Hosen voll." Gewiss, die Krise lässt sich nicht leugnen, sie hält sich aber auf Distanz zu den bevorzugten Wohngegenden in Halbhöhenlage: "Die Leute dort gucken runter ins Tal und sagen kurz: schlimm, schlimm. Dann steigen sie in den Cayenne und fahren auf den Golfplatz." Die Sorgen der gutsituierten jungen Familien dort sind andere. Man diskutiert, ob die Kinder in der Kita ökologisch korrekt bekocht werden, wie sie es auf die richtige Schule schaffen und ob der Teich im Garten tief genug ist.

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Wenn die Menschen etwas aufschreckt, dann die Nachrichten aus dem Porsche-Clan: Porsche übernimmt nicht mehr Volkswagen, sondern geht in einem "integrierten Automobilkonzern" auf. Noch weiß niemand, was das genau bedeutet. Die Stuttgarter freilich ahnen: Gut ist es für sie nicht, wenn Porsche eine von zehn Marken im VW-Konzern wird und die Entscheidungen künftig in Wolfsburg fallen statt in Zuffenhausen. "Wenn wir Pech haben, verlieren wir einen erheblichen Teil der Gewerbesteuer", klagt Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU). Ende Januar, auf der Einweihung des Porsche-Museums, schwärmte er noch, Stuttgart werde zur Weltstadt des Automobils. Jetzt verliert er den potentesten Steuerzahler wohl an Niedersachsen. Das tut weh. Er werde mal den "Herrn Wiedeking oder den Wolfgang Porsche anrufen", hat sich Schuster vorgenommen. Wenigstens kämpfen will er. "Von einem Psychoknick ist in der Stadt nichts zu spüren", sagt der Bürgermeister zum Abschied tapfer.

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Der Gastwirt Burkhard Schork hat früher als andere geahnt, dass da etwas schiefläuft beim gewagten Versuch des Sportwagenherstellers, den größten Autokonzern Europas zu übernehmen. Schorks Restaurant, das "Schiller" am Marktplatz in Bietigheim, fünfzehn Minuten von Zuffenhausen entfernt, ist so etwas wie das zweite Wohnzimmer der Porsche-Gang: Nierchen, Kutteln oder Rostbraten serviert Schork dort seinen Freunden; dem Wendelin Wiedeking, dem Finanzvorstand Holger Härter und Pressechef Anton Hunger, dem nimmermüden Erzähler der David-gegen-Goliath-Legende. Bis jetzt wähnte sich der Gastronom auf einer Insel der Glückseligen, nun hört auch er öfter Radio, um zu erfahren, was nun wird mit dem integrierten Autokonzern. "Ich drücke Wendelin Wiedeking die Daumen", sagt der Wirt. "Zuffenhausen ist wichtig für die ganze Region." Wie sagte doch Kabarettist Christoph Sonntag auf seinem sonnigen Balkon: "Das bissle Krise juckt uns nicht. Aber wenn wir Porsche verlieren, das tut weh."

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