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Stuttgart : Die Hauptstadt der Kurzarbeit

Wer hätte die Ikone der deutschen Industrie je für so verwundbar gehalten? Tag für Tag fährt Daimler momentan Millionenverluste ein. Die Lage ist so ernst, dass der Konzern sogar seine Mitarbeiter anpumpt: Ioannis Georgiadis und Hüseyin Kücükelci, beide Arbeiter im Stammwerk in Untertürkheim, haben wie die gesamte Belegschaft dem Arbeitgeber die Gewinnbeteiligung gestundet. Irgendwann, wenn es wieder besser läuft, sollen sie dafür Anteile an dem Laden erhalten, der im Moment nicht genug Arbeit für seine Beschäftigten hat. 91 000 der 140 000 Daimler-Angestellten in Deutschland arbeiten in Baden-Württemberg. Geschlossen, wenn auch unfreiwillig, proben die jetzt die Drei- oder Vier-Tage-Woche gegen entsprechende Gehaltseinbußen: Bis zu 20 Prozent weniger netto, im schlimmsten Fall. "Da muss ich knallhart planen", sagt Maschineneinrichter Georgiadis. Mehr Freizeit bringt nichts mit weniger Geld. "Ich gehe nicht öfter ins Café, wenn ich mir weniger Kaffee leisten kann. Wenn, dann verabreden wir uns mit Kollegen zum Fußballspielen." Jeder im Werk hier kennt Härtefälle, die der Kredit für das neue Auto oder die Hypothek für das Haus erdrückt. "Vielleicht gebe ich die Wohnung auf und ziehe mit meiner Schwester oder meinem Bruder zusammen", sagt Motorenschlosser Kücükelci, ein Mann mit türkischen Eltern und einem Urschwaben als Lehrmeister. Ausgerechnet die Männer mit Migrationshintergrund beschwören in der Stunde der Not nun die schwäbischen Tugenden ("Fleiß, Tüftelei, Sparsamkeit"): "Wir im Schwabenländle werden gestärkt aus der Krise hervorgehen."

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Oh doch, die Krise hat die Stadt erreicht. Man sieht sie nur nicht. Keine äußeren Spuren von einem Niedergang, nirgendwo Ähnlichkeiten mit Detroit. Die Einkaufsstraßen sind voll. Auch im Kaufhaus Breuninger, traditionell Anlaufstelle der Mittelschicht, drängeln sich die Menschen. Eine Kaufzurückhaltung sei nicht spürbar, sagt Geschäftsführer Joachim Aisenbrey. Luxusware würde sogar stärker nachgefragt. Einzig in der Personalabteilung registriert er die Misere. Die Bewerbungen für 400-Euro-Jobs seien extrem angestiegen, berichtet der Manager: "Ein Großteil der Bewerber kommt aus der Auto- und Zuliefererindustrie."

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Auf die Kurzarbeit folgt der Stellenabbau. Das ist die große Furcht im Südwesten. Kerstin, Mitte 30, Industrie-Designerin, hat es schon erwischt. Ende März wurde sie freigestellt, noch immer streitet sie mit dem ehemaligen Chef um die Abfindung, weswegen sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen mag. Ein neuer Job ist nicht in Sicht, stattdessen höfliche Absagen allerorten. Um sich nicht zu Hause im Internet zu verlieren, ist sie auf den Hund gekommen: Mit ihrem Münsterländer läuft Kerstin über die Felder nahe Möhringen. Dummerweise trifft sie dort immer dieselben Jogger, und die wundern sich allmählich, warum sich die Frau tagsüber so viel an der frischen Luft aufhält. "Ich habe Urlaub", sagt Kerstin für gewöhnlich. Lange wird es nicht mehr dauern, dann fliegt sie auf. Die Designerin hat jetzt viel Zeit, traut sich aber kaum ins Café. "Da sind nur Rentner und Mütter", sagt die Schwäbin, ihr fehlt die Berechtigung, dort zu sitzen: Müßiggang ist und bleibt das Schlimmste aller Laster.

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Ein paar Dinge haben sich aber doch geändert in der Krise, etwa die Rituale in den Unternehmen: Der Klassenkampf fällt aus. Verlangt ein Manager Opfer, schreit der Betriebsrat nicht mehr automatisch "Ausbeuter". Nun war Helmut Lense, Betriebsratschef am Daimler-Stammsitz, noch nie ein Haudrauf. In diesen Tagen aber redet der smarte Gewerkschafter in seinem Büro, in Gebäude 136, fast wie die Vorstände im Hochhaus gegenüber. "Alles, was nicht zur Produktion von Autos notwendig ist, wird geprüft", sagt Lense.

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