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Aufschwung im Osten : Warum die Städte im Ruhrgebiet verarmen

  • -Aktualisiert am

In Duisburg und anderen Städten des Ruhrgebiets ist die Armutsquote besonders hoch. Bild: dpa

Eine neue Studie hat ermittelt, dass Armut in deutschen Großstädten verbreiteter ist als im ländlichen Raum. Forscher Sebastian Köllner erklärt, woran das liegt – und um welche Städte es besonders schlecht steht.

          Herr Köllner, Ihre Studie zeigt, dass Armut in Deutschland stärker in den Großstädten als im ländlichen Raum verbreitet ist. 14 Prozent der Stadtbevölkerung haben ein Anrecht auf Sozialleistungen, aber nur 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Historisch galten Städte lange als Zentren des Wohlstands, die Landbevölkerung war arm. Warum gilt das heute nicht mehr?

          Städte sind auch heute noch Wohlstandszentren. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in Städten deutlich höher als in ländlichen Gebieten. Die Ursache dafür ist, dass die Wirtschaftsstruktur in ländlichen Gebieten sehr kleinteilig ist. Es gibt vor allem kleine Betriebe mit deutlich geringeren Löhnen als in größeren. Die Arbeitslosigkeit in Städten ist aber deutlich höher als auf dem Land. Daraus ergibt sich eine höhere Armutsquote. Außerdem ist die Streuung der Einkommen auf dem Land deutlich geringer.

          Es gibt enorme Unterschiede zwischen den Städten, der Anteil der Armen liegt zwischen 5 und 26 Prozent. Welche Städte sind besonders von Armut betroffen?

          Es gibt deutliche regionale Unterschiede. Die geringste Armutsquote finden wir im Süden, in Bayern und Baden-Württemberg, die höchste in Ruhrgebietsstädten, in Saarbrücken und Bremerhaven – insbesondere also in Städten, die vom Strukturwandel betroffen sind. Wir sehen außerdem einen starken Rückgang der Armutsquoten in den neuen Bundesländern, auch wenn das Armutsniveau dort immer noch leicht überdurchschnittlich ist.

          Welche Rolle spielt der ökonomische Strukturwandel zum Beispiel im Ruhrgebiet, wo in den letzten Jahrzehnten viele Jobs verloren gingen?

          Der wirtschaftliche Strukturwandel spielt eine entscheidende Rolle. Viele gut bezahlte Jobs für mittlere Qualifikationen (insbesondere Jobs, in denen vornehmlich Männer beschäftigt waren) sind weggefallen. Neu entstandene Jobs haben häufig andere Qualifikationsanforderungen. Die Arbeitsplätze befinden sich außerdem in anderen Branchen und sind meist nicht so gut bezahlt. Zu den Gründen dafür gehört der Rückgang des gewerkschaftlichen Organisationsgrades: Im Dienstleistungssektor sind die Gewerkschaften wesentlich schwächer vertreten. Zahlreiche neu entstandene Jobs gehören zum Bereich atypischer Beschäftigung. Diese Jobs bieten jedoch kaum eine Sprungbrettfunktion: Das heißt, Langzeitarbeitslose haben nur selten über eine atypische Beschäftigung wieder den Sprung in eine reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung geschafft.

          Im Osten ist die Armutsquote in den Städten gefallen. Woran liegt das?

          Das liegt am starken wirtschaftlichen Aufschwung der Städte im Osten. Wir sehen außerdem eine Angleichung der Verhältnisse an die Situation in den westdeutschen Großstädten. Seit der Wiedervereinigung hat es hier einen Konvergenzprozess gegeben. Abwanderung aus den Großstädten im Osten ist nur noch vereinzelt zu beobachten – stattdessen ziehen viele Menschen aus ländlichen Regionen im Osten in die Großstädte.

          Ökonom Sebastian Köllner

          Welchen Einfluss hat die höhere Einwanderung aus dem Ausland in Großstädte und wirkt sie sich eher positiv oder negativ auf die Armutsquote aus?

          Während Zuwanderer aus den 2004 beigetretenen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (ohne Zypern und Malta) eine Armutsquote unter dem Durchschnitt aufweisen, ist sie für Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien sowie dem sonstigen Balkan mit zwischen 15 und 16 Prozent überdurchschnittlich. Die höchsten Armutsquoten weisen aktuell mit 62 Prozent Personen aus Kriegs- und Krisenländern auf. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die bereitgestellten Daten lediglich bis 2016 gehen und damit die erhöhte Zuwanderung im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 nur teilweise abbilden. Jedoch lag bereits im September 2014 die Quote für Personen aus Kriegs- und Krisenländern bei überdurchschnittlich hohen 44 Prozent.

          Sebastian Köllner

          Sebastian Köllner ist promovierter Ökonom am Deutschen Institut für Urbanistik. Das Institut hat für die Bertelsmann-Stiftung die Armutsentwicklung in deutschen Städten untersucht.

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