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Studie über Ärzte : Jede vierte Klinik zahlt „Fangprämien“ für Patienten

  • Aktualisiert am

Knapp ein Fünftel der befragten Ärzte gab in der Studie an, das Verbot, sich an der Zuweisung von Patienten zu bereichern oder dafür Vorteile zu gewähren, nicht zu kennen Bild: dapd

Laut einer Studie kassieren viele Ärzte in Deutschland Extra-Honorare für die Überweisung von Patienten an bestimmte Kliniken. Die Bundesärztekammer weist die Vorwürfe zurück - doch die Empörung ist groß.

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          Viele Ärzte kassieren angeblich Extra-Honorare dafür, Patienten an bestimmte Kliniken zu überweisen. Das berichtet „Bild.de“ unter Berufung auf eine repräsentative Studie der Universität Halle-Wittenberg, für die im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes mit TMS Emnid Bielefeld mehr als 1100 niedergelassene Fachärzte, stationäre Einrichtungen und nichtärztliche Leistungserbringer befragt wurden.

          Danach zahle nahezu jede vierte Klinik (24 Prozent) sogenannte Fangprämien für Patienten, heißt es in dem Bericht. Fast die Hälfte (46 Prozent) der nichtärztlichen Leistungserbringer wie Sanitätshäuser, Hörgeräte-Akustiker oder Orthopädie-Schuhmacher hätten zugegeben, schon Vorteile wie Geld, Kostenübernahme von Tagungen oder Sachleistungen erhalten zu haben.

          Die Bundesärztekammer wies die Studie über sogenannte Fangprämien für Patienten zurück. Auf NDR Info warf der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, den Autoren der Studie am Dienstag Stimmungsmache gegen Mediziner zum Auftakt des 115. Deutschen Ärztetages vor. Die Untersuchung wird an diesem Dienstag offiziell vorgestellt.

          Zudem zweifelte er die Zahlen an: Sollten sie stimmen, müsste es bei der Ärztekammer und den Staatsanwaltschaften viel mehr Anzeigen geben, sagte Montgomery. Er rief dazu auf, die entsprechenden Vergehen auch tatsächlich anzuzeigen. Die Diskussionen über Fangprämien seien „uralte Kamellen“.

          „Jeder einzelne Fall ist völlig inakzeptabel“

          CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn reagierte empört. „Fangprämien sind illegal“, sagte er „Bild.de“. Dabei gehe es nicht um das Wohl der Patienten, sondern ums Portemonnaie der Ärzte. „Jeder einzelne Fall ist völlig inakzeptabel“, erklärte Spahn.

          Der SPD-Politiker Karl Lauterbach forderte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zum Eingreifen auf. „Das sind Mafia-Verhältnisse, die einen Riesen-Schaden verursachen, vor allem für Patienten, die so in Behandlungen kommen, die für sie nicht optimal sind“, sagte der Gesundheitsexperte.

          19 Prozent bereichern sich an den Zuweisungen

          „Hier wird nicht der beste Arzt gesucht, sondern dahin überwiesen, wo das meiste Schmiergeld gezahlt wird.“ Die SPD will seinen Angaben zufolge durchsetzen, dass Ärzte in solchen Fällen künftig strafrechtlich wegen Bestechlichkeit belangt werden können.

          Laut „Bild.de“ gab knapp ein Fünftel (19 Prozent) der befragten Ärzte an, das Verbot, sich an der Zuweisung von Patienten zu bereichern oder dafür Vorteile zu gewähren, nicht zu kennen. 40 Prozent hätten erklärt, dies nur als Handlungsempfehlung zu verstehen.

          Am Dienstag beginnt der 115. Deutsche Ärztetag

          Ein Großteil der Befragten halte das Risiko, entdeckt zu werden, für gering: 52 Prozent der Ärzte und 53 Prozent der nichtärztlichen Leistungserbringer hätten eingeräumt, sie seien sich mangelnder Kontrolle und der geringen Gefahr von Sanktionen bewusst.

          Der 115. Deutsche Ärztetag beginnt am Vormittag in Nürnberg. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das Gesundheitswesen künftig finanziert werden soll.

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