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Studie zu Chancengleichheit : Managerinnen sind ideenreicher

In leitenden Positionen sind Frauen hierzulande noch eine Rarität Bild: dpa

Mehr Frauen in Lohn und Brot zu bringen mag politisch gewollt sein, den Unternehmen bringt es aber erst messbaren Mehrwert, wenn genügend Frauen in Führungsrollen aufgestiegen sind. Am Beispiel Island könnte der deutsche Arbeitsmarkt noch einiges lernen.

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          In Deutschland arbeiten noch immer deutlich weniger Frauen als in den skandinavischen Ländern. Mit einer Frauenerwerbsquote von 70 Prozent liegt Deutschland auch im globalen Vergleich nur im Mittelfeld. Das müsse sich ändern, fordern die Autoren einer Studie, denn wo mehr Frauen arbeiteten, sei auch die Innovationskraft deutlich größer.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Studie des Beratungsunternehmens Boston Consulting und der TU München stellt Deutschland in Sachen Chancengleichheit ein schlechtes Zeugnis aus: Die Hürden für Frauen seien hierzulande viel zu hoch. Dabei würde sich Frauenförderung richtig lohnen, sind die Autoren überzeugt, gerade in Unternehmen.

          „Wir lassen wertvolles Potential brach liegen“

          Den Frauenanteil allein in der Belegschaft zu erhöhen reiche allerdings längst nicht aus. Erst wenn Frauen in Führungspositionen gelangten und dort eine „kritische Masse“ erreichten, sei der Effekt spürbar. Ein deutlicher Ideen-Schub sei erst „ab einem Frauenanteil von 15 bis 20 Prozent im Management sichtbar“, heißt es in der Studie. Wenn diese Schwelle überschritten sei, steige der Umsatzanteil neuer Produkte aber merklich. „Geschlechtervielfalt in der Führungsetage ist entscheidend für die Innovationsstärke eines Unternehmens“, sagt die Studienautorin Rocío Lorenzo: „Wir lassen wertvolles Potential brach liegen.“

          Deutschland biete zum Beispiel Müttern kaum Anreize zum Wiedereinstieg. Das Problem mit der Teilzeitfalle sei hierzulande besonders gravierend: „Ein Großteil der Frauen, die ihre Stelle einmal auf Teilzeit reduziert haben, schafft später leider den Sprung auf eine Vollzeitstelle nicht mehr“, sagt Lorenzo: „Und von den Frauen, die es schaffen, erreicht fast keine mehr eine Führungsposition.“ Für ihre Untersuchung haben die Autoren rund 170 Unternehmen diverser Länder befragt.

          Kinderbetreuung und Kochen sind keineswegs wertlos, aber meist unbezahlt. (Symbolbild)

          Aus ihren Ergebnissen leiten sie umfangreiche politische Forderungen ab: Deutschland müsse mehr Frauen in Führungspositionen bringen und ihnen gerechtere Löhne zahlen, heißt es in der Studie. Die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen sei zu hoch und müsse geschlossen werden. Daher begrüßen die Autoren das umstrittene Transparenzgesetz.

          Nach den Plänen von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) müssen große Unternehmen ihren Mitarbeitern künftig auf Anfrage mitteilen, wie hoch der Mittelwert der Gehälter von fünf Mitarbeitern des jeweils anderen Geschlechts ist, die gleichwertige Tätigkeiten ausüben. Wenn das Unternehmen das Gehaltsgefälle nicht gut begründen kann, können Betroffene nicht nur für die Zukunft mehr Geld einklagen, sondern auch entgangenen Lohn für zurückliegende Jahre.

          Skandinavische Länder als Vorbild

          Um den Wiedereinstieg von Müttern nach der Babypause attraktiver zu machen, fordern die Autoren zudem, das Ehegattensplitting abzuschaffen. In keinem anderen europäischen Land gebe es eine solche Regelung. Auch sollte der Staat kein Geld für die Betreuung von Kindern zu Hause bezahlen. „Traditionelle Rollenbilder für Männer und Frauen schwächen die Innovationskraft unserer Ökonomie“, sagt Isabell Welpe, Professorin für BWL an der TU München und Koautorin der Studie. Die Politik solle dafür sorgen, dass sich die Väter stärker engagieren. So könnte der Staat einen exklusiven Vaterschaftsurlaub als Teil der Elternzeit einführen.

          Vor allem Skandinavien zeige, wie es geht: Norwegen, Island, Schweden, Finnland und Dänemark seien Vorreiter bei der Gehaltstransparenz. Auch Frauenquoten würden dort konsequent umgesetzt und Männer besser in die Kinderbetreuung eingebunden.

          Island ist der Primus der Chancengleichheit

          Island gilt tatsächlich vielen als Vorbild auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit. Auf einer entsprechenden Rangliste des Weltwirtschaftsforums, dem „Global-Gender-Gap-Index“, landete die Insel im vergangenen Jahr auf Platz 1, vor Finnland und Norwegen. 83 Prozent der erwerbsfähigen Isländerinnen arbeiten. Dort studieren auch mehr Frauen als Männer.

          In Politik und Wirtschaft werden Frauen zudem mit gesetzlich verordneten Quoten auf höhere Positionen gehievt. So gilt für nationale und lokale Regierungen in Island eine Frauenquote von 40 Prozent. Befördert wurde der Einfluss von Frauen nach Meinung von Fachleuten zusätzlich durch die Finanzkrise. Im Zuge der Krise rückten viele Frauen in Island auch in klassischen Männerdomänen wie der Bankenwelt in der Hierarchie auf.

          Damit isländische Mütter nicht zu lange vom Beruf pausieren und sich von der Arbeitswelt entfremden, gibt es dort keine sehr lange Elternzeit. Mütter können in Island maximal sechs Monate pausieren. In Deutschland können Mütter und Väter bis zu drei Jahre unbezahlt pausieren, im Regelfall sind es die Mütter. Bei Paaren mit mehreren Kindern pausieren Frauen in Deutschland oft viele Jahre. In Island bekommen Väter exklusiv drei Monate Vaterschaftsurlaub – aber nur, wenn die Mütter in dieser Zeit arbeiten.

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