https://www.faz.net/-gqe-8kusu

F.A.Z. exklusiv : Deutschlands Studenten wollen zum Staat

Das Berufsleben kann beginnen - mit einer guten Balance zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Bild: Rainer Unkel

Der öffentliche Dienst ist für Studenten noch mehr zum Traumberuf geworden, wie aus einer neuen Studie hervorgeht, die der F.A.Z. vorliegt. Warum bloß sehnen sich so viele danach, Beamten zu werden?

          Der Ruf der deutschen Industrie kann in der Welt noch so gut sein – unter Deutschlands Studenten verfängt er nur bedingt. Wenn es um die Wahl seines künftigen Arbeitgebers geht, hat der Nachwuchs an den Hochschulen eine klare Präferenz: ab in den öffentlichen Dienst. Das zumindest ist das Ergebnis einer Umfrage, die das Beratungsunternehmen EY unter 3500 Studenten in 27 Universitätsstädten durchgeführt hat und die dieser Zeitung vorab vorliegt.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Knapp jeder dritte Student (32 Prozent) möchte demnach nach seinem Abschluss im Staatsdienst arbeiten. Vor zwei Jahren hatte das Beratungsunternehmen die entsprechende Umfrage schon einmal durchgeführt, im Vergleich zu damals ist der Anteil der Beamten-Anwärter noch einmal um zwei Prozentpunkte gestiegen. An zweiter Stelle der Beliebtheitsrangliste stehen Kultureinrichtungen (23 Prozent), erst an dritter folgen die Autohersteller (22 Prozent).

          „Sicherheit ist für die Studenten von heute besonders wichtig – und die erwarten sie vor allem bei Vater Staat“, sagt Studienautorin Ana-Cristina Grohnert, Mitglied der Geschäftsführung von EY. Allerdings gilt das nicht für beide Geschlechter gleichermaßen: Es sind vor allem die Studentinnen, denen der öffentliche Dienst so attraktiv erscheint. Von ihnen wollen 42 Prozent zum Staat, sechs Prozentpunkte mehr als in der vergangenen Umfrage. Unter den männlichen Studenten dagegen hat die Autoindustrie wieder an Attraktivität gewonnen: Sie liegt bei ihnen mit 30 Prozent der Nennungen jetzt an erster Stelle (vorheriger Wert: 20 Prozent). Der öffentliche Dienst landet unter den Männern diesmal mit 23 Prozent nur auf Rang zwei.

          Nicht für alle Studenten attraktiv

          Warum es insbesondere so viele Frauen in den Staatsdienst zieht, liegt für Grohnert auf der Hand: Noch immer sorgen sich vor allem die Frauen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und die sehen sie am ehesten im öffentlichen Dienst gegeben. Nach der Sicherheit des Arbeitsplatzes ist die Vereinbarkeitsfrage für Frauen das wichtigste Kriterium in der Wahl ihres künftigen Arbeitgebers. Auch für die Männer ist Sicherheit das wichtigste Kriterium. An zweiter Stelle folgen für sie dann aber die Aufstiegschancen.

          Betrachtet man ausschließlich jene Studenten, die besonders gute Studienleistungen vorzeigen können, verändert sich das Bild sogleich: Für sie ist der öffentliche Dienst deutlich weniger attraktiv als für die breite Masse. Nur 22 Prozent der sogenannten Top-Performer wollen nach der Untersuchung in den Staatsdienst. Dagegen wollen 30 Prozent aus dieser Gruppe in die Autoindustrie, 27 Prozent bevorzugen die Wissenschaft.

          Balance zwischen Arbeitszeit und Freizeit wichtig

          Interessant ist, dass vielen Studenten offenbar Sicherheit und eine gute Balance zwischen Arbeitszeit und Freizeit wichtiger sind als ein hohes Gehalt. Die Studenten, die den öffentlichen Dienst besonders attraktiv finden, erwarten dort als Einstiegsgehalt im Schnitt „nur“ 36.600 Euro brutto im Jahr. Das liegt deutlich unter den Erwartungen derer, die in der Autoindustrie arbeiten möchten (45.300 Euro). Über alle Branchen hinweg liegt das erwartete Einstiegsgehalt bei 40.000 Euro.

          Am meisten in der Gunst der Studenten gesunken ist zuletzt die Gesundheitsbranche. Dort zieht es nur noch 10 Prozent der Befragten hin, nach 16 Prozent im Jahr 2014. Die seit der Finanzkrise schwer in Verruf geratene Bankenbranche konnte sich dagegen leicht verbessern: Dort können sich zumindest neun Prozent der Studenten vorstellen zu arbeiten, vor zwei Jahren waren es nur sechs Prozent. Unverändert ist das Schlusslicht der Rangliste: Versicherungen gelten als die unattraktivsten Arbeitgeber. Nur drei Prozent der Studenten zieht es dorthin.

          Weitere Themen

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Nach langem Anlauf fusioniert Video-Seite öffnen

          T-Mobile US und Sprint : Nach langem Anlauf fusioniert

          Ein Zusammenschluss der Nummer drei und Nummer vier des amerikanischen Mobilfunkmarktes war in den vergangenen Jahren schon zwei Mal gescheitert. Jetzt steht nur noch das Justizministerium als einzige Hürde im Weg.

          Topmeldungen

          Deutsche und Commerzbank : Schlechte Aussichten

          Die Hauptversammlungen von Deutscher und Commerzbank haben einmal mehr gezeigt: Wer glaubt, die Unabhängigkeit der Geldhäuser sei ungefährdet, könnte eines Morgens aufwachen und sich verwundert die Augen reiben.

          Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

          Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
          Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

          Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

          Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.
          Kam 1996 auf den Markt: das Schmerzmittel Oxycontin

          Amerikanische Opioid-Tragödie : McKinsey berät Purdue nicht länger

          Die amerikanische Opioidkrise hat schon Tausende Amerikaner das Leben gekostet. Im Zentrum der Tragödie steht das Pharmaunternehmen Purdue. McKinsey hat nun die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.