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Windkraft in der Krise : Stromspeicher und neue Turbinen sollen die Windbranche retten

Messebesucher am Stand von Vestas während der Husum Wind im Jahr 2015 Bild: dpa

Die Windkraft steckt in der Krise. Auf einer Messe suchen Unternehmen nach Auswegen – und drohen der Politik: Bisher sei man höflich geblieben.

          Dass es diese Messe noch gibt, grenzt für viele Teilnehmer an ein Wunder. Etliche Aussteller auf der „Husum Wind“, die am Dienstag eröffnet hat, zeigen ihre Neuheiten sogar in Zelten, wie man sie vom Oktoberfest kennt, denn die Haupthallen sind zu klein. Die Anfahrt an die nordfriesische Küste ist kräftezehrend, auch deshalb fiel es dem Wettbewerber Hamburg vor einigen Jahren nicht schwer, die eigene Branchenschau „Wind Energy“ zu etablieren, die seither als internationale Leitmesse gilt. Trotzdem hat Husum eine gewisse Zugkraft behalten, gerade durch den Fokus auf Deutschland, ein Markt, auf dem im Moment allerdings Flaute herrscht. Der Innovationsmotor Windkraft sei hierzulande „ins Stottern gekommen“, sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) zur Eröffnung.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Schleppende Genehmigungsverfahren und andere Hemmnisse haben dazu geführt, dass die Zahl der errichteten Windräder im ersten Halbjahr regelrecht eingebrochen ist. Das sorgt vor allem im Norden, wo die Windbranche einen Schwerpunkt hat, für große Sorgen, weshalb Günther mit einer neuen Bundesratsinitative gegensteuern will, wie er am Dienstag ankündigte. Sie zielt unter anderem darauf, in den Ausschreibungen für neue Windparks an Land, in denen beispielsweise kommendes Jahr rund 2900 Megawatt an Leistung verteilt werden sollen, mehr Kapazität anzubieten. „Die Deckel müssen alle weg“, rief er den Besuchern zu. Wenn der Strom wegen schwacher Netze – einer der Gründe für aktuelle Obergrenzen – nicht abtransportiert werden könne, dann wolle Schleswig-Holstein ihn selbst nutzen oder mit neuer Technologie speichern.

          Druck auf Altmaier

          Zuletzt hatte die Bundesregierung auf einem Krisengipfel in Berlin angekündigt, der Branche, die viele Jahre mit Subventionen gepäppelt worden war, in ihrer aktuellen Krise entgegenzukommen. So will sie prüfen, wie Verfahren beschleunigt und mehr Flächen für Parks ausgewiesen werden können, auch mit Blick auf das Ausbauziel von 65 Prozent erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis zum Jahr 2030. Noch sind die Pläne vage, doch die Unternehmen dringen darauf, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wie versprochen in zwei bis drei Wochen konkrete Vorschläge macht. „Die Branche ist auf dem Termin in Berlin höflich geblieben, aber sie erwartet jetzt einen klaren Plan, wie der Markt von Mitte 2020 an – schneller wird es wohl nicht gehen – wieder wachsen kann“, sagte der Präsident des Bundesverbands Windenergie, Hermann Albers.

          Um zu zeigen, wie ernst die Lage ist, verwies er auf Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums und der Gewerkschaft IG Metall zum Arbeitsmarkt. Demnach seien im Vergleich zu 2015, als rund 160 000 Mitarbeiter in der deutschen Windbranche beschäftigt waren, bis heute etwa 36 000 Stellen verlorengegangen. Tausende weitere Jobs seien in Gefahr, warnte Albers. Auch Matthias Zelinger, Geschäftsführer des Fachverbands VDMA Power Systems, sieht die Perspektiven kritisch. Etliche Unternehmen hätten schon entschieden, ihre nächsten Investitionen nicht mehr in Deutschland, sondern im Ausland zu machen. „Wenn das Risiko so hoch bleibt, werden wir definitiv noch weitere Abwanderungen sehen.“

          Hamburg sorgt für Aufsehen

          Um die Leistungsfähigkeit der eigenen Technologie zu erhöhen, setzen die Unternehmen auf viele Innovationen. Dazu zählt etwa das Thema „Power-to-X“, das auf der Messe zu den Schwerpunkten gehört. Es soll Lösungen bringen, um etwa mit Hilfe des Stroms aus erneuerbaren Energien Wasserstoff herzustellen, der in Zukunft Autos oder Flugzeuge antreiben könnte. Auch ließe sich die gewonnene Energie in dieser Form effizient speichern, eine Idee, mit der zuletzt die Stadt Hamburg für Aufsehen gesorgt hatte. Dort könnte im Hafen demnächst die bisher größte Anlage zur Wasserstoff-Elektrolyse mit einer Leistung von 100 Megawatt entstehen. Der parteilose Wirtschaftssenator Michael Westhagemann rechnet mit Kosten in dreistelliger Millionenhöhe, die teilweise durch Fördermittel vom Bund und der EU gedeckt werden könnten.

          Bis Freitag werden auf der Messe etwa 18.000 Besucher erwartet. Rund 650 Aussteller zeigen ihre Neuheiten und Ideen, darunter Turbinenhersteller wie der dänische Weltmarktführer Vestas oder der deutsche Branchenprimus Enercon, aber auch Zulieferer und Projektentwickler wie PNE aus Cuxhaven. Deren Vorstandsvorsitzender Markus Lesser sieht trotz der aktuellen Schwierigkeiten viele Chancen, vor allem in einigen Auslandsmärkten. „Wir haben Projekte in Schweden, Polen oder Frankreich, die unser Geschäft sehr gut stabilisieren“, sagte er der F.A.Z. Auch in Mittel- und Nordamerika könne das Unternehmen expandieren. Anders als früher setzt PNE zudem nicht mehr allein auf Wind, sondern auch auf Solarenergie und Wasserstoff.

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