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Energiegeld gefordert : Ökonomen lehnen Preisdeckel für Strom und Gas ab

  • -Aktualisiert am

Das Atomkraftwerk Isar 2 in Bayern. Vom Ifo-Institut und der F.A.Z. befragte Ökonomen sind für einen Weiterbetrieb der verbleibenden Atomkraftwerke. Bild: dpa

Das neue Ökonomenpanel blickt auf die hohen Gaskosten: Eine Mehrheit unter VWL-Professoren ist gegen einen Preisdeckel, aber für ein Energiegeld und den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke.

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          Angesichts der steigenden Energiekosten befürworten viele Wirtschaftswissenschaftler, die Haushalte zu entlasten. Allerdings lehnt eine Mehrheit unter deutschen Ökonomie-Professoren einen Preisdeckel für Strom und Gas ab und setzt stattdessen auf Energiegelder als Transferzahlungen.

          Jan Hauser
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist das Ergebnis des neuen Ökonomenpanels des Münchner Ifo-Instituts und der F.A.Z. An der regelmäßigen Umfrage nahmen diesmal 178 Volkswirtschaftslehre-Professoren deutscher Universitäten teil, wobei nicht alle Teilnehmer jede Frage beantwortet haben.

          Die befragten Ökonomen legen Wert darauf, dass Hilfen vor allem arme Haushalte und nicht alle erhalten sollen. 83 Prozent sind für weitere Entlastungen der Haushalte von den hohen Energiekosten. 68 Prozent dieser Befürworter sind für Zahlungen in Form von Energiegeldern und nur 14 Prozent für einen Strom- und Gaspreisdeckel. Als Deckel ist ein staatlicher Eingriff zu verstehen, durch den die Preise einen gewissen Wert nicht übersteigen dürfen.

          Für den Kieler Till Requate könne es nur über pauschale Entlastungen gehen, die weniger kostspielig seien. „Ein Strom- und Gaspreisdeckel wäre das Falscheste, was man jetzt machen könnte“, schrieb er im freien Kommentarfeld der Umfrage. Martin Biewen aus Tübingen forderte, dass in Preise als Indikatoren für Knappheit nicht eingegriffen werden sollte. Stattdessen sollten bedürftige Haushalte und Unternehmen Pauschaltransfers erhalten.

          Atomkraftwerke sollen länger laufen

          Die Bundesregierung hatte vor einer Woche einen „Abwehrschirm“ angekündigt, um Verbraucher und Unternehmen wegen der steigenden Energiepreise zu unterstützen. Eine Kommission für Gas und Wärme mit Ökonomen sowie Vertretern von Unternehmen und Gewerkschaften soll rasch Empfehlungen für die Ausgestaltung der Gaspreisbremse vorlegen. Der SPD-Ko-Vorsitzende Lars Klingbeil kündigt deren Vorschläge nach der Landtagswahl in Niedersachsen am Sonntag an. „Alle wollen jetzt, dass sofort was passiert, das will ich auch, aber ich vertraue den Expertinnen und Experten, die ein kluges Modell dann am nächsten Montag vorlegen werden“, sagte Klingbeil am Donnerstag im ZDF. Die Maßnahme werde die Preise „wirklich massiv nach unten drücken“.

          Neben Entlastungen für die Haushalte schlagen die Teilnehmer des Ökonomenpanels eine Fortsetzung der Atomkraft vor. Zur Ausweitung des Strom- und Gasangebotes in Deutschland unterstützen 81 Prozent der Befragten den Weiterbetrieb der drei verbliebenen Atomkraftwerke über 2022 hinaus.

          Lenkungswirkung hoher Preise erhalten

          Mehr als zwei Drittel sind für den Abbau von Regularien, die den Ausbau erneuerbarer Energien erschweren, für den Bau weiterer Flüssiggas-Häfen und für den Ausbau der Übertragungsnetze beim Strom. „Das Angebot von Strom muss ausgeweitet und die Nachfrage verringert werden“, sagte der an der Umfrage beteiligte Ifo-Forscher Niklas Potrafke. „Sinken wird die Nachfrage durch Preisdeckel auf Energie nicht. Vielmehr sollte die Lenkungswirkung hoher Preise erhalten bleiben und bedürftigen Haushalten und Unternehmen mit gezielten Zahlungen geholfen werden.“

          Rund zwei Drittel sprechen sich dafür aus, Anreize für Einsparungen jeweils für Haushalte und Betriebe zu setzen. Silke Übelmesser aus Jena schrieb: „Wie auch immer die Maßnahmen konkret aussehen werden: sie sollten so zielgerichtet wie möglich die verteilungspolitischen Folgen adressieren und die relativen Preise, die wichtige Knappheitssi­gnale sind, nicht verzerren.“

          Harald Fadinger aus Mannheim rät einerseits zur Entlastung von Haushalten mit geringem Einkommen und energieintensiven Unternehmen durch Transfers, aber andererseits zu keiner Deckelung der Preise, um Sparanreize zu geben. Er ist auch für eine Abschöpfung der Gewinne der Energieunternehmen zur Finanzierung der Transfers. „Stattdessen kommen nun Preisdeckel und Finanzierung durch Schulden“, schrieb er.

          Mit 54 Prozent spricht sich eine knappe Mehrheit für weitere Entlastungen der Betriebe aus. Hier liegt die Zustimmung niedriger als zu den Hilfen für die Haushalte. Die Professoren sind sich uneins darüber, ob es eine Übergewinnsteuer oder Zufallsgewinnsteuer für die Produzenten von erneuerbaren Energien, Kern- und Kohleenergie geben sollte: 46 Prozent unterstützen das Vorhaben, und 43 Prozent lehnen es ab.

          Klar benennen die Befragten die wirtschaftlichen Schwierigkeiten: 94 Prozent erwarten, dass Deutschland infolge der Energiepreiskrise in eine Rezession rutscht. 33 Prozent rechnen im Winter sogar mit Stromausfällen und Rationierungen von Strom und Gas. Hingegen erwarten 47 Prozent keine Ausfälle oder Rationierungen.

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