https://www.faz.net/-gqe-7xwv0

„Stress“ im Job : Abschalten ist Privatsache

„Chill“ mal: Statt sich vom Stress krank machen zu lassen, sollten Berufstätige besser lernen abzuschalten. Bild: dpa

Früher hieß es „ich habe Stress“, heute klagt der Büromensch über „Burnout“. Dabei stecken hinter den Stresssymptomen nicht nur die Belastungen der Arbeit. Der Ruf nach dem Gesetzgeber ist daher grundverkehrt.

          Die Liste der guten Vorsätze für das neue Jahr wird nicht von den üblichen Verdächtigen – mehr Sport, keine Zigaretten, weniger Alkohol – angeführt. Laut einer Umfrage gaben sechs von zehn Befragten kurz vor den Weihnachtstagen an, 2015 einen Gang runterschalten zu wollen. Stressabbau steht damit ganz oben auf der Agenda der Deutschen, die im Ausland eigentlich als fleißig und korrekt mal bewundert, mal bemitleidet werden. Entspannung heißt das neue Arbeitsethos, oder wie es die Jugendlichen längst erkannt haben: immer schön „gechillt“ bleiben.

          Mal abgesehen davon, dass das Gros der guten Vorsätze spätestens im Februar Geschichte ist, scheint die Stoßrichtung so falsch nicht zu sein. Schließlich wächst die Zahl der erkannten seelischen Leiden in der Arbeitswelt von Jahr zu Jahr. Immer mehr Berufstätige werden aus psychischen Gründen zu Frührentnern. Fordern entgrenzte Arbeitszeiten, permanente Erreichbarkeit und nicht zu erreichende Zielvorgaben ihre Opfer? Hohe Belastungen gab es für Berufstätige schon immer, aber die Wahrnehmung hat sich verändert. „Ich habe gerade Stress“, hieß es früher. „Ich kriege Burnout“, klagt der moderne Büromensch.

          Burnout-Debatte wird entstigmatisiert

          Der „Burnout“, das Ausgebranntsein, hat es in den vergangenen Jahren zu erstaunlicher Popularität gebracht. Dabei handelt es sich nicht einmal um eine komplett anerkannte und definierte Krankheit, sondern vielmehr um ein Sammelsurium von Stress- und Ermüdungssymptomen. Wie schwammig der Begriff ist, zeigen jüngste Daten der Krankenkasse DAK. Demnach sind die Krankschreibungen wegen Burnouts 2013 um ein gutes Drittel gesunken. Dafür steigen jedoch die Ausfälle aufgrund von Depressionen. Die Kassen vermuten, dass die Ärzte nun häufiger die Krankheit hinter dem Burnout erkennen.

          Arbeitsmediziner sehen hier eine hilfreiche Entstigmatisierung. Die Burnout-Debatte hat viele psychisch Erkrankte ermutigt, darüber zu reden. War der offene Umgang mit Depressionen in Unternehmen lange Zeit verpönt und wurden Abwesenheiten zu Therapiezwecken oft beschämt kaschiert, trauen sich heute selbst Führungskräfte einen offenen Umgang mit dem Thema zu. Hinter manch gläserner Fassade hat in den Chefetagen die Reflexion begonnen.

          Anti-Stress-Verordnung ist der falsche Weg

          Gewerkschaften fordern schon seit langem eine Anti-Stress-Verordnung, auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles macht sich dafür stark. Wohl um zu verhindern, dass die regulierungsfreudige Sozialdemokratin selbst zum größten Stresstest für die deutsche Wirtschaft wird, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel diesem Vorhaben aber öffentlich schon eine Abfuhr erteilt. Es ist in der Tat fraglich, inwieweit sich Entspannung per Gesetz verordnen lässt. Und die Arbeitgeber waren beim betrieblichen Gesundheitsmanagement in den vergangenen Jahren schon nicht untätig, denn es liegt in ihrem Interesse, dass die Arbeitskraft der Beschäftigten möglichst lange erhalten bleibt.

          Einige Unternehmen haben mit der Stress-Thematik geschickt gepunktet. Volkswagen sorgte für Aufsehen mit der Maßnahme, den E-Mail-Server nach Feierabend herunterzufahren. Dass dies nur für die Tarifmitarbeiter vor allem in der Produktion gilt und nicht für das Management, ging in der öffentlichen Wahrnehmung unter.

          Freizeit stresst mehr als Arbeit

          Abschalten ist aber vor allem Privatsache. Das sehen die Deutschen sogar selbst so, wie eine Umfrage ergab. Die Mehrheit gab an, dass ihr Leben gefühlt stressiger geworden sei. Der Haupttreiber waren jedoch nicht Schule, Ausbildung oder Beruf, und nur eine kleine Gruppe hatte das Gefühl, permanent für den Chef erreichbar sein zu müssen. Viel mehr Frauen und Männer litten dagegen unter der Dauererreichbarkeit für Freunde und Familie. Freizeit stresst offenkundig mehr als Arbeit. Deshalb bringt es Mitarbeitern wenig, wenn zwar nach Feierabend der Chef nicht mehr schreibt, das Smartphone aber dennoch permanent piepst und klingelt, weil Kinobesuche vereinbart, Fotos verschickt oder schlicht Befindlichkeiten ausgetauscht werden müssen.

          Menschen verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit Arbeit. Deshalb können schlechte Arbeitsbedingungen natürlich Stress auslösen und auf Dauer krank machen. Doch es entspricht einer verzerrten Wahrnehmung, wenn Arbeit als Krankmacher Nummer eins dargestellt wird. Das Gegenteil ist häufig der Fall. Die meisten Menschen gehen gerne ihrem Beruf nach, sie finden dadurch Erfüllung und Selbstbestätigung. Und selbst wenn so mancher über die Arbeit klagt: Wie viele Weihnachtsgestresste werden sich auch in diesem Jahr unterm Christbaum sitzend wieder klammheimlich auf den Büroalltag freuen?

          Anfällig für Burnout und Depressionen sind laut Medizinern besonders anspruchsvolle Menschen, die irgendwann – ob privat oder beruflich – an ebendiesen hohen Ansprüchen scheitern. Denn nur wer für seine Ziele brennt, läuft auch Gefahr auszubrennen. Deshalb hilft auf Dauer eben nur, die Anforderungen an sich und sein Umfeld zu hinterfragen und wenn nötig einen Gang runterzuschalten. Immer mehr Menschen haben das erkannt.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Kampf gegen den Dampf Video-Seite öffnen

          San Francisco : Kampf gegen den Dampf

          Nicht nur das Rauchen, auch die Herstellung von E-Zigaretten wird in San Francisco verboten. Eine schwierige Situation für die Ortsansässigen wie Juul Labs, einer der größten Hersteller von E-Zigaretten.

          Weitere 24 Satelliten für das Weltall Video-Seite öffnen

          Falcon Heavy gestartet : Weitere 24 Satelliten für das Weltall

          Tesla-Chef Elon Musk will in den kommenden Jahren ein enges Geflecht an Satelliten aufbauen, um ein weltumspannendes Internet zu erschaffen. Die 24 Satelliten, die die Rakete Falcon Heavy an Board hat, sind für die Nasa, das amerikanische Verteidigungsministerium und Universitäten.

          Topmeldungen

          Istanbul nach den Wahlen : Erdogans Propaganda hat nicht geholfen

          Die Niederlage bei der Wahl in Istanbul ist nicht nur für den Präsidenten ein Schlag, sondern auch für die ihm ergebene Presse. Rund um die Uhr sorgte sie für Aufruhr, jetzt fürchtet sie um ihre Pfründe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.