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Streit vor der Bundestagswahl : Macht Werbung die Kinder dick?

Beliebte Pizza: Doch dürfen alle Lebensmittel speziell für Kinder beworben werden? Bild: Plainpicture

Der Konflikt zwischen Verbraucherschützern und der Werbeindustrie spitzt sich zu. Foodwatch fordert Werbeverbote für ungesunde Lebensmittel. Der Verband wehrt sich – und wirft der Organisation die Verbreitung von „Fake News“ vor.

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          Pudding, Süßigkeiten, Burger, Torte: Können diese Lebensmittel Teil einer ausgewogenen Ernährung sein? Ist es in Ordnung, wenn sich Werbung für solche Produkte an Kinder richtet? Oder fördert das die Fettleibigkeit? Das Urteil von Cristiano Ronaldo, der während der Fußball-EM mit seinen Aktionen gegen den Getränkegiganten Coca-Cola aufgefallen ist, wäre wohl eindeutig: nein.

          Gustav Theile
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Deutschland tobt der Streit um die richtige Ernährung und das Kindermarketing seit Jahren. Zwei Fronten stehen sich unversöhnlich gegenüber: Auf der einen Seite Verbraucherschutzorganisationen wie Foodwatch, auf der anderen Seite die Branche, vertreten durch den Werbeverband ZAW. Erst Anfang Juni wurden die Richtlinien dafür, welche Werbung Kindern gezeigt werden darf, verschärft. Doch Ruhe kehrt damit nicht ein, im Gegenteil: Vor der Bundestagswahl eskaliert der Streit.

          „Gummibärchen sind nicht ausgewogen“

          Ausgangspunkt sind insgesamt 16 Beschwerden, die Foodwatch kurz nach der Verschärfung beim Werberat eingereicht hat und die der F.A.Z. zusammen mit den Antworten des Deutschen Werberates vorliegen. Dabei handelt es sich um ein Selbstkontrollorgan der Wirtschaft, das aus Managern besteht, die vor allem aus der Werbe- und Lebensmittelbranche kommen. Es wird von den Mitgliedsorganisationen des ZAW getragen. Der Werberat erteilt öffentliche Rügen, wenn ein Unternehmen seine Werbung auch nach einer Aufforderung nicht stoppt oder ändert.

          In den Beschwerden kritisiert Foodwatch die Werbung diverser Unternehmen: ein Online-Gewinnspiel für Paula-Pudding von Dr. Oetker oder eine Internetseite mit Spielen von der Bonbonmarke Nimm2. Auch an Werbung von Influencern in den sozialen Netzwerken für Torte und McDonald’s stört sich die Organisation. Sie argumentiert zum Beispiel: „Pudding ist kein im Rahmen einer gesunden Ernährung empfehlenswertes Lebensmittel“ oder „Gummibärchen sind keine ausgewogenen Lebensmittel“.

          Versagt der Werberat?

          Damit nimmt Foodwatch auf die Änderungen der Regeln von Anfang Juni Bezug, die unter anderem auf Druck des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) von Julia Klöckner (CDU) zustande gekommen waren. Seitdem ist es nicht mehr zulässig, positive Eigenschaften von Lebensmitteln in der Werbung für Kinder hervorzuheben, wenn „deren übermäßige Aufnahme im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung nicht empfohlen wird“. Zudem gelten die strengeren Regeln nun für Werbung, die sich an Kinder bis 14 Jahre richtet. Zuvor hatte die Grenze bei 12 Jahren gelegen.

          Der Werberat „lehnte ein Einschreiten jedoch in allen Fällen ab“, klagt Foodwatch in einer Stellungnahme. Acht Werbemaßnahmen wurden nach Angaben der Organisation nach dem Einreichen der Beschwerden zurückgezogen, in den anderen acht Fällen habe sich der Werberat gegen eine Beanstandung entschieden. Das harte Urteil von Oliver Huizinga, Kampagnendirektor von Foodwatch: „Beim Schutz von Kindern versagt das Kontrollgremium Werberat auf ganzer Linie. Wenn selbst Online-Games und Gewinnspiele für Zuckergetränke, süßen Pudding und Weingummi Kinder nicht zu einer ungesunden Ernährungsweise verleiten – was dann?“ Die Werbeindustrie sei „offensichtlich kein geeigneter Partner im Kampf gegen Übergewicht bei Kindern“. Foodwatch fordert daher: Die künftige Bundesregierung solle dem Gremium das Vertrauen entziehen und stattdessen der Forderung von Ärzteverbänden und der Weltgesundheitsorganisation folgen, „an Kinder gerichtete Werbung für unausgewogene Lebensmittel per Gesetz zu verbieten“.

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