https://www.faz.net/-gqe-7kzep

Streit um Rechte : Sherlock Holmes gegen Superman

Wiedererkennbar? Allemal! Aber das reicht nicht: Basil Rathbone als Sherlock Holmes. Bild: Imago

In den Vereinigten Staaten ist ein Streit um die Rechte an der Figur von Arthur Conan Doyle geführt worden. Die Entscheidung ist so spannend wie die Fälle des Meisterdetektivs.

          5 Min.

          Bei der ersten Begegnung sagte Sherlock Holmes Dr. John Watson auf den Kopf zu, er sehe ihm an, dass er in Afghanistan gewesen sei. Watson konnte sich dieses Wissen nur damit erklären, dass jemand Holmes über dieses Detail informiert habe. Holmes klärte ihn über die Indizien auf, aus deren Zusammenschau er seinen Schluss gezogen hatte: Watson hatte den Habitus eines Truppenarztes, die Hautfarbe eines Mannes, der sich in den Tropen aufgehalten hatte, ohne dort aufgewachsen zu sein, die ausgezehrten Gesichtszüge von jemandem, der große Strapazen durchgemacht hatte, und konnte seinen linken Arm nicht richtig bewegen, weil eine Verletzung nicht ausgeheilt war. Der Detektiv zergliederte sein Gegenüber, hielt vor seinem geistigen Auge die Körperteilchen nebeneinander, verglich beispielsweise die braune Gesichtsfarbe mit dem Weiß der Handgelenke.

          Ein Blick auf sein Dasein abseits des Papiers zeigt, wie quicklebendig diese Kunstfigur ist: Benedict Cumberbatch als zeitgenössischer „Sherlock“ in der gleichnamigen britischen Fernsehserie.
          Ein Blick auf sein Dasein abseits des Papiers zeigt, wie quicklebendig diese Kunstfigur ist: Benedict Cumberbatch als zeitgenössischer „Sherlock“ in der gleichnamigen britischen Fernsehserie. : Bild: AP
          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Hätte Holmes nach derselben Methode auch erkennen können, dass Watson in seiner Jugend Rugby gespielt hat? Hatte er womöglich auch dieses Kapitel aus Watsons Vorgeschichte mit einem Blick entziffert, weil die Krümmung des Rückens und die Hornhäute auf den Fingern den Kampf um den Ball bezeugten? Holmes mag sofort alles über Watson gewusst haben. Aber blickte der Heimkehrer aus dem Afghanistan-Krieg wirklich auf Sportsheldentaten zurück? Oder hatte er seine Vergangenheit als Wurfkraftathlet paradoxerweise noch vor sich? „A Study in Scarlet“, der Roman, mit dem Sherlock Holmes und Dr. Watson ihre Wohngemeinschaft in der Baker Street Nr. 221b begründen, wurde 1887 veröffentlicht. Die Kurzgeschichte „Sussex Vampire“ mit den Angaben über Watsons sportliche Jugend erschien 37 Jahre später.

          Rechtsschutz für eine Fiktion

          Sir Arthur Conan Doyle, der den Heros der rationalistischen Welterfahrung geschaffen hat, war auch ein Advokat des Spiritismus. In einem Fall um Sherlock Holmes hatte sich jetzt ein amerikanischer Bundesrichter mit der Frage zu befassen, ob literarischen Figuren ein geistiges Dasein jenseits von Buchseiten zukommt. Leslie Klinger, ein Anwalt aus Malibu, brachte 2011 unter dem Titel „A Study in Sherlock“ eine Anthologie neuer Holmes-Geschichten heraus. Wie der Titel zu erkennen gibt, sammelt das Buch Beiträge zur Holmes-Philologie mit fiktionalen Mitteln, erfinderische Lösungen von Problemen, zu deren deduktiver Beseitigung die Angaben der Originalgeschichten nicht ausreichen. Gegen Klingers Willen führte sein Verlag Lizenzgebühren an die Nachlassverwalter von Conan Doyle ab, eine englische Firma mit Sitz in Southampton.

          Für einen anderen Verlag bereitet Klinger nun einen Nachfolgeband mit „New Adventures of Sherlock Holmes“ vor. Die Nachlassverwaltung forderte den Abschluss einer Lizenzvereinbarung. Anderenfalls werde man dafür sorgen, dass das Buch bei Amazon und Barnes&Noble nicht zum Verkauf gelange.

          Klinger erhob Feststellungsklage beim Bezirksgericht in Illinois, von wo aus der Literaturagent Jon Lellenberg die Interessen der Nachlassverwaltung wahrnimmt. Der Kläger, der mit einer Internet-Kampagne unter dem Motto „Free Sherlock!“ die Hobbyautoren unter den Fans mobilisierte, wollte festgestellt sehen, dass die Weiterdichtung der Holmes-Legende keine Rechte der Erben von Conan Doyle verletze. Mit Urteil vom 23. Dezember hat Bundesrichter Rubén Castillo Klinger so weit recht gegeben, wie er Material aus denjenigen Werken Conan Doyles verwenden will, die vor dem 1.Januar 1923 in den Vereinigten Staaten gedruckt worden sind.

          Eine Kunstfigur vor Gericht

          In Amerika knüpft die Fristsetzung des Urheberrechts nicht an den Tod des Urhebers, sondern an das Datum der Erstveröffentlichung des einzelnen Werkes an. Nach dem Copyright Act von 1976 betrug die Frist 75 Jahre. Auf Betreiben des Disney-Konzerns wurde sie 1998 auf 95 Jahre ausgedehnt, allerdings nicht rückwirkend. Alle vor 1923 veröffentlichten Werke sind Gemeinbesitz. Aus dem Kanon der Abenteuer von Sherlock Holmes sind somit nur noch die letzten zehn Kurzgeschichten geschützt. 46 ältere und die vier Romane sind in die „public domain“ eingegangen. Vor Gericht hat die Nachlassverwaltung nun aber behauptet, sie besitze nicht nur die Rechte an den nach 1922 veröffentlichten Texten. Vielmehr sei die literarische Figur Sherlock Holmes selbst als eigenständige Schöpfung im Sinne des Urheberrechts anzusehen. Und da sich ein vollständiges Charakterbild erst aus dem gesamten Kanon unter Einschluss der letzten zehn Geschichten ergebe, seien bei jeder Verwendung der Figur Tantiemen fällig.

          Hutvarianten im Charakterfach: Jude Law (links) als Dr. Watson und Robert Downey als Meisterdetektiv in der jüngsten Kinofassung von „Sherlock Holmes“
          Hutvarianten im Charakterfach: Jude Law (links) als Dr. Watson und Robert Downey als Meisterdetektiv in der jüngsten Kinofassung von „Sherlock Holmes“ : Bild: ALEX BAILEY

          Amerikanische Gerichte haben die Rechtsfigur der urheberrechtlich geschützten Kunstfigur entwickelt, aber strenge Bedingungen aufgestellt. Der Richter Learned Hand illustrierte 1930 den Grundgedanken mit Shakespeare: Malvolio aus „Was ihr wollt“ würde Schutz verdienen – aber nicht jeder geckenhafte Verwalter, der sich in seine Herrin verliebt, gäbe einen Plagiatsfall her. Bloße „Ideen“ sind also nicht schutzwürdig, nur durchgebildete Gestalten, zumal die meisten literarischen Figuren Varianten von Typen sind. Das von Hand bezeichnete Problem wird in der Urszene der wechselseitigen Charakterisierung von Holmes und Watson in „A Study in Scarlet“ vorweggenommen. Lächelnd sagt Watson zu Holmes nach der Offenlegung der Schlusskette, an deren Ende Afghanistan stand: „Sie erinnern mich an Edgar Allan Poes Dupin. Ich hatte keine Ahnung, dass solche Individuen auch außerhalb von Geschichten existieren.“

          Holmes ist eine Figur wie aus einer Geschichte – also ein Kandidat für den Urheberrechtsschutz. Aber er muss sich sagen lassen, er sei gar kein Original, sondern eine Kopie, ein typischer Vertreter seines Berufs. Holmes wehrt sich, indem er die Originalität seines Rivalen Dupin bestreitet: „Er hatte zweifellos eine gewisse analytische Begabung, aber keineswegs war er ein solches Phänomen, wie Poe es sich ausgemalt zu haben scheint.“

          Gesucht: Charakter mit unverwechselbaren Eigenschaften

          Ein Berufungsgericht entschied 1954 über die Frage, ob Dashiell Hammetts Detektiv Sam Spade vom Urheberrecht geschützt war. Das Resultat scheint paradox: Indem das Gericht die Frage verneinte, erlaubte es Hammett, neue Geschichten mit Spade zu schreiben. Der Schriftsteller hatte das Copyright für den „Malteser Falken“ an das Warner-Filmstudio verkauft – aber damit nach Auffassung des Gerichts nicht auch die Figur des Detektivs. Die Richter führten Conan Doyle als Beispiel dafür an, dass für die Kriminalliteratur die Serienproduktion typisch sei. Der Detektiv sei nur das Vehikel der Geschichten.

          Richard Posner, Richter an dem für Illinois zuständigen Berufungsgericht, kam fünfzig Jahre später auf den Fall Sam Spade zurück. Er hatte über eine Klage des Comicautors Neil Gaiman zu entscheiden, der auch zu Klingers „Study in Sherlock“ eine Geschichte beigesteuert hat. Aus dem Umstand, dass die meisten Urteile zugunsten des Urheberrechts an Figuren Helden von Comics und Trickfilmen betreffen, zog Posner den systematischen Schluss, dass solche sichtbar uniformierten Figuren die Voraussetzungen der Unverwechselbarkeit eher erfüllen als Personen, die nur in Worten beschrieben werden. Trotz einer scheinbar genauen physiognomischen Beschreibung, so Posner, weiß der Hammett-Leser nicht, wie Sam Spade aussieht. „Aber jedermann kennt Humphrey Bogart.“

          Der geteilte Sherlock

          Dass die Phantasie des Lesers bei literarischen Figuren mitschöpferisch tätig ist, spricht für Posner dagegen, ihnen Urheberrechtsschutz zu gewähren. Vergeblich versuchten die Erben Conan Doyles Richter Castillo davon zu überzeugen, dass Holmes als Figur der hohen Literatur besser geschützt sein müsse als ein Supermensch. Bei Figuren der populären Unterhaltung haben die Gerichte typischerweise das Urheberrecht geteilt, so auch in Gaimans Fall, oder eine ältere gemeinfreie und eine jüngere geschützte Fassung unterschieden. Das möge bei „zweidimensional“ gezeichneten Figuren angehen, legte die Nachlassverwaltung dar, Holmes dagegen sei eine Einheit, unteilbar wie ein lebender Mensch.

          Ohne Pfeife, ohne Watson: Jonny Lee Miller als Holmes mit Lucy Liu als Joan Watson in der amerikanischen Serienvariante des Stoffs: „Elementary“.
          Ohne Pfeife, ohne Watson: Jonny Lee Miller als Holmes mit Lucy Liu als Joan Watson in der amerikanischen Serienvariante des Stoffs: „Elementary“. : Bild: CBS Television

          Literaturästhetisch hat diese mit Verweisen auf Updikes Rabbit und Roths Zuckerman belegte Meinung einiges für sich. Aber für die juristischen Zwecke der Erben ist ihr Argument zu stark. Comichelden wird immer wieder eine neue Urgeschichte angedichtet. Die Autoren fingieren gar nicht, dass von einer mit sich identischen Person die Rede ist. Die Nachlassverwaltung nimmt dagegen für Holmes eine organische Charakterentwicklung in Anspruch. Verräterisch ist die Formulierung, Conan Doyle habe bestimmte Eigenschaften von Holmes erst in den letzten Geschichten „enthüllt“. Wenn sie vor der Enthüllung schon vorhanden waren, müsste mit dem weit überwiegenden Anteil des Kanons die ganze Figur gemeinfrei sein.

          Salomon, der Superheld unter den Richtern, erwies sich als Meisterdetektiv: Durch den Vergleichsvorschlag, das Kind zu zerschneiden, ermittelte er die wahre Mutter. Eine Figur wie Sherlock Holmes könne doch nicht zweigeteilt werden, hielt die Nachlassverwaltung dem Gericht vor. Doch, antwortete Richter Castillo, genau das sei das in diesen Fällen bewährte Rezept des Rechts. Er hielt sich daran, dass es zwei Textmengen gibt, diesseits und jenseits des Stichjahrs 1923. Die ästhetische Frage, ob Sherlock Holmes wirklich ein dreidimensionaler Held unter zweidimensionalen Konkurrenten ist, hat der Richter nicht entschieden. Und gerade das ist in diesem Fall salomonisch.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gegenstand verschiedener neuer Bücher: der frühere amerikanische Präsident Donald Trump

          Neue Bücher über Trump : Hitler-Vergleiche und Wutausbrüche

          Mehrere Journalisten veröffentlichen neue Bücher über Donald Trump. Der gab dafür Interviews und nutzte sie vor allem, um wieder Lügen über eine „gestohlene Wahl“ 2020 zu verbreiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.