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Streit um Rechte : Sherlock Holmes gegen Superman

Gesucht: Charakter mit unverwechselbaren Eigenschaften

Ein Berufungsgericht entschied 1954 über die Frage, ob Dashiell Hammetts Detektiv Sam Spade vom Urheberrecht geschützt war. Das Resultat scheint paradox: Indem das Gericht die Frage verneinte, erlaubte es Hammett, neue Geschichten mit Spade zu schreiben. Der Schriftsteller hatte das Copyright für den „Malteser Falken“ an das Warner-Filmstudio verkauft – aber damit nach Auffassung des Gerichts nicht auch die Figur des Detektivs. Die Richter führten Conan Doyle als Beispiel dafür an, dass für die Kriminalliteratur die Serienproduktion typisch sei. Der Detektiv sei nur das Vehikel der Geschichten.

Richard Posner, Richter an dem für Illinois zuständigen Berufungsgericht, kam fünfzig Jahre später auf den Fall Sam Spade zurück. Er hatte über eine Klage des Comicautors Neil Gaiman zu entscheiden, der auch zu Klingers „Study in Sherlock“ eine Geschichte beigesteuert hat. Aus dem Umstand, dass die meisten Urteile zugunsten des Urheberrechts an Figuren Helden von Comics und Trickfilmen betreffen, zog Posner den systematischen Schluss, dass solche sichtbar uniformierten Figuren die Voraussetzungen der Unverwechselbarkeit eher erfüllen als Personen, die nur in Worten beschrieben werden. Trotz einer scheinbar genauen physiognomischen Beschreibung, so Posner, weiß der Hammett-Leser nicht, wie Sam Spade aussieht. „Aber jedermann kennt Humphrey Bogart.“

Der geteilte Sherlock

Dass die Phantasie des Lesers bei literarischen Figuren mitschöpferisch tätig ist, spricht für Posner dagegen, ihnen Urheberrechtsschutz zu gewähren. Vergeblich versuchten die Erben Conan Doyles Richter Castillo davon zu überzeugen, dass Holmes als Figur der hohen Literatur besser geschützt sein müsse als ein Supermensch. Bei Figuren der populären Unterhaltung haben die Gerichte typischerweise das Urheberrecht geteilt, so auch in Gaimans Fall, oder eine ältere gemeinfreie und eine jüngere geschützte Fassung unterschieden. Das möge bei „zweidimensional“ gezeichneten Figuren angehen, legte die Nachlassverwaltung dar, Holmes dagegen sei eine Einheit, unteilbar wie ein lebender Mensch.

Ohne Pfeife, ohne Watson: Jonny Lee Miller als Holmes mit Lucy Liu als Joan Watson in der amerikanischen Serienvariante des Stoffs: „Elementary“.
Ohne Pfeife, ohne Watson: Jonny Lee Miller als Holmes mit Lucy Liu als Joan Watson in der amerikanischen Serienvariante des Stoffs: „Elementary“. : Bild: CBS Television

Literaturästhetisch hat diese mit Verweisen auf Updikes Rabbit und Roths Zuckerman belegte Meinung einiges für sich. Aber für die juristischen Zwecke der Erben ist ihr Argument zu stark. Comichelden wird immer wieder eine neue Urgeschichte angedichtet. Die Autoren fingieren gar nicht, dass von einer mit sich identischen Person die Rede ist. Die Nachlassverwaltung nimmt dagegen für Holmes eine organische Charakterentwicklung in Anspruch. Verräterisch ist die Formulierung, Conan Doyle habe bestimmte Eigenschaften von Holmes erst in den letzten Geschichten „enthüllt“. Wenn sie vor der Enthüllung schon vorhanden waren, müsste mit dem weit überwiegenden Anteil des Kanons die ganze Figur gemeinfrei sein.

Salomon, der Superheld unter den Richtern, erwies sich als Meisterdetektiv: Durch den Vergleichsvorschlag, das Kind zu zerschneiden, ermittelte er die wahre Mutter. Eine Figur wie Sherlock Holmes könne doch nicht zweigeteilt werden, hielt die Nachlassverwaltung dem Gericht vor. Doch, antwortete Richter Castillo, genau das sei das in diesen Fällen bewährte Rezept des Rechts. Er hielt sich daran, dass es zwei Textmengen gibt, diesseits und jenseits des Stichjahrs 1923. Die ästhetische Frage, ob Sherlock Holmes wirklich ein dreidimensionaler Held unter zweidimensionalen Konkurrenten ist, hat der Richter nicht entschieden. Und gerade das ist in diesem Fall salomonisch.

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