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Streit um Rechte : Sherlock Holmes gegen Superman

Klinger erhob Feststellungsklage beim Bezirksgericht in Illinois, von wo aus der Literaturagent Jon Lellenberg die Interessen der Nachlassverwaltung wahrnimmt. Der Kläger, der mit einer Internet-Kampagne unter dem Motto „Free Sherlock!“ die Hobbyautoren unter den Fans mobilisierte, wollte festgestellt sehen, dass die Weiterdichtung der Holmes-Legende keine Rechte der Erben von Conan Doyle verletze. Mit Urteil vom 23. Dezember hat Bundesrichter Rubén Castillo Klinger so weit recht gegeben, wie er Material aus denjenigen Werken Conan Doyles verwenden will, die vor dem 1.Januar 1923 in den Vereinigten Staaten gedruckt worden sind.

Eine Kunstfigur vor Gericht

In Amerika knüpft die Fristsetzung des Urheberrechts nicht an den Tod des Urhebers, sondern an das Datum der Erstveröffentlichung des einzelnen Werkes an. Nach dem Copyright Act von 1976 betrug die Frist 75 Jahre. Auf Betreiben des Disney-Konzerns wurde sie 1998 auf 95 Jahre ausgedehnt, allerdings nicht rückwirkend. Alle vor 1923 veröffentlichten Werke sind Gemeinbesitz. Aus dem Kanon der Abenteuer von Sherlock Holmes sind somit nur noch die letzten zehn Kurzgeschichten geschützt. 46 ältere und die vier Romane sind in die „public domain“ eingegangen. Vor Gericht hat die Nachlassverwaltung nun aber behauptet, sie besitze nicht nur die Rechte an den nach 1922 veröffentlichten Texten. Vielmehr sei die literarische Figur Sherlock Holmes selbst als eigenständige Schöpfung im Sinne des Urheberrechts anzusehen. Und da sich ein vollständiges Charakterbild erst aus dem gesamten Kanon unter Einschluss der letzten zehn Geschichten ergebe, seien bei jeder Verwendung der Figur Tantiemen fällig.

Hutvarianten im Charakterfach: Jude Law (links) als Dr. Watson und Robert Downey als Meisterdetektiv in der jüngsten Kinofassung von „Sherlock Holmes“
Hutvarianten im Charakterfach: Jude Law (links) als Dr. Watson und Robert Downey als Meisterdetektiv in der jüngsten Kinofassung von „Sherlock Holmes“ : Bild: ALEX BAILEY

Amerikanische Gerichte haben die Rechtsfigur der urheberrechtlich geschützten Kunstfigur entwickelt, aber strenge Bedingungen aufgestellt. Der Richter Learned Hand illustrierte 1930 den Grundgedanken mit Shakespeare: Malvolio aus „Was ihr wollt“ würde Schutz verdienen – aber nicht jeder geckenhafte Verwalter, der sich in seine Herrin verliebt, gäbe einen Plagiatsfall her. Bloße „Ideen“ sind also nicht schutzwürdig, nur durchgebildete Gestalten, zumal die meisten literarischen Figuren Varianten von Typen sind. Das von Hand bezeichnete Problem wird in der Urszene der wechselseitigen Charakterisierung von Holmes und Watson in „A Study in Scarlet“ vorweggenommen. Lächelnd sagt Watson zu Holmes nach der Offenlegung der Schlusskette, an deren Ende Afghanistan stand: „Sie erinnern mich an Edgar Allan Poes Dupin. Ich hatte keine Ahnung, dass solche Individuen auch außerhalb von Geschichten existieren.“

Holmes ist eine Figur wie aus einer Geschichte – also ein Kandidat für den Urheberrechtsschutz. Aber er muss sich sagen lassen, er sei gar kein Original, sondern eine Kopie, ein typischer Vertreter seines Berufs. Holmes wehrt sich, indem er die Originalität seines Rivalen Dupin bestreitet: „Er hatte zweifellos eine gewisse analytische Begabung, aber keineswegs war er ein solches Phänomen, wie Poe es sich ausgemalt zu haben scheint.“

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