https://www.faz.net/-gqe-92zle

Streit um Herbizid : Glyphosat, angezählt

Die Schmetterlinge sollen leben: Protest einer europäischen Bürgerinitiative gegen Glyphosat. Bild: dpa

Ein brisantes Thema der vergangenen Jahre könnte in der kommenden Woche ein Ende finden. In Brüssel stimmen die Staaten über die weitere Zulassung für das Herbizid ab. Bleibt Deutschland Enthaltungsweltmeister? Die Befürworter von Glyphosat in der EU werden weniger.

          Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend. Zumindest in hoher Dosierung für Mäuse. Für Verbraucher birgt es bei üblicher Verwendung kein Gesundheitsrisiko. Es erspart Landwirten den Pflug und es trägt dazu bei, Bodenerosion zu verhindern. Glyphosat trägt aber auch dazu bei, dass Landwirte Ackerbau mit Brachialmethode betreiben, dass sie nicht groß nachdenken müssen, was sie tun, denn das Mittel tötet jedes Unkraut. Glyphosat trägt dazu bei, dass der Strukturwandel sich beschleunigt. Glyphosat ist in den meisten Lebensmitteln nachzuweisen, die Getreide oder Milch enthalten. Aber in so geringen Mengen, dass Toxikologen zum Verzehr raten. Glyphosat, aus Flugzeugen über das Land versprüht, wird jedoch in Südamerika mit Krebserkrankungen und organischen Missbildungen bei Kindern in Verbindung gebracht.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Alles das ist wahr. Und so verwirrend vielseitig. Informationen von erschreckendem bis harmlosem Gehalt – von der guten Eignung bis zum Krebs- und Todesmittel. Und das war nicht alles. In dieser Woche, der Woche der Wahrheit, der Woche vor der erwarteten Entscheidung über die Zukunft des Herbizids in Brüssel, wurden noch mehr Informationen gestreut. Weiter lässt sich nun sagen: Mitarbeiter von Monsanto behaupteten in internen E-Mails, das amerikanische Unternehmen hätte wissenschaftliche Studien über seine „Cashcow“, also sein sehr einträgliches Produkt, selbst mitverfasst. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die EU-Behörde Efsa gerieten unter den Beschuss der Grünen und der österreichischen Nichtregierungsorganisation Global 2000.

          Die hatte den Bericht des BfR durch eine Plagiatssoftware gejagt – und viele rot gefärbte Seiten gefunden. Zwar ist diese Beobachtung bemerkenswert, aber auch wenig sinnvoll: Denn es handelt sich nicht um die Übernahme geistigen Eigentums, auch nicht um eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Der BfR-Bericht war bloß eine behördeninterne Kommunikation mit der EU-Schwesterbehörde Efsa. Das Vorgehen, dass Hersteller nach standardisierten Vorgaben die Studien selbst in Auftrag geben und durchführen lassen: kein Einzelfall, sondern der Standard in der Pharma- und Chemieindustrie.

          Eine Entscheidung trotz Interessenskonflikt

          Und auch wurde klar, dass auch die Klage gegen Glyphosat ein dickes Geschäft ist: Christopher Portier, als Biostatistiker der schärfste wissenschaftliche Gegner des Glyphosat, beriet amerikanische Kanzleien, die lukrative Sammelklagen gegen Monsanto anstrengen. Portier aber hatte 2015 auch an einer Studie der Krebsforschungsbehörde der Weltgesundheitsorganisation, IARC, mitgewirkt. Diese Studie wiederum nutzte eine der Kanzleien als Werbemittel für ihre Sammelklage.

          Auf Basis dieser verschlungenen Interessenlage und vielseitig ruinierten Vertrauens müssen die EU-Mitgliedstaaten in der kommenden Woche entscheiden, ob Glyphosat in Europa eine Zukunft hat. Die Zeit drängt. Am 15. Dezember läuft die Frist für die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung ab. Gibt es bis dahin keine Entscheidung der EU, müssen die europäischen Landwirte von Anfang des nächsten Jahres an auf andere Pflanzenschutzmittel zurückgreifen. Am kommenden Mittwoch tritt der „Scopaff“, der Ausschuss für Pflanzen-, Tier-, Lebensmittel- und Futtersicherheit, wieder zusammen, um über die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung für weitere zehn Jahre zu entscheiden.

          Weitere Themen

          Glyphosat in Babywindeln gefunden

          In Frankreich : Glyphosat in Babywindeln gefunden

          Eine französische Behörde hat Rückstände des Pflanzenschutzmittels und andere fragliche Stoffe in gefährlich hohen Mengen in Babywindeln nachgewiesen. Für Deutschland wird Entwarnung gegeben.

          Der heimliche Star des Weltwirtschaftsforums Video-Seite öffnen

          16-Jährige für Klimaschutz : Der heimliche Star des Weltwirtschaftsforums

          Die 16-jährige Schülerin Greta Thunberg aus Schweden will Staatenlenker und Konzernbosse aus aller Welt in Sachen Klimaschutz.wachrütteln. Seit Monaten schwänzt sie sogar freitags ihren Unterricht um vor dem schwedischen Parlament zu demonstrieren.

          Übernimmt das Unterhaus die Kontrolle?

          Brexit : Übernimmt das Unterhaus die Kontrolle?

          Am kommenden Dienstag stimmen die Abgeordneten des britischen Unterhauses über das weitere Vorgehen in Richtung Brexit ab. Die Änderungsanträge zur „neutralen Vorlage“ der Regierung haben es in sich.

          Merkels Auftritt locker und aufgeräumt Video-Seite öffnen

          Davos 2019 : Merkels Auftritt locker und aufgeräumt

          Deutschland sehe im Bereich der Digitalisierung überhaupt nicht gut aus, sagte die Bundeskanzlerin auf dem Weltwirtschaftsforum. F.A.Z.-Ressortleiter Finanzen, Gerald Braunberger, analysiert Angela Merkels Auftritt im Video.

          Topmeldungen

          Wie schädlich sind Stickoxide? Darüber wird gerade heftig gestritten.

          Feinstaub-Debatte : Auf Stromlinie

          Die Umweltpolitik ist besonders anfällig dafür, Wissenschaft zu verformen. Doch gerade auf diesem Feld ist die Politik auf Vertrauen angewiesen. Die Debatte um Diesel-Fahrverbote droht dies nachhaltig zu zerstören. Ein Kommentar.

          Handball-WM in Liveticker : Deutschland baut die Führung aus

          Durch Frankreichs überraschende Niederlage gegen Kroatien ist der deutsche Weg zum Gruppensieg frei. Nach einer engen ersten Hälfte zieht Deutschland nun etwas davon. Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.