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Streit um Abfälle : Deutscher Müll ist ein Exportschlager

Elektromüll stapelt sich in Neu Delhi am Straßenrand. Bild: Bloomberg

Vor allem Eisen- und Stahlschrott ist gefragt, zeigt eine Auswertung. Hauptstreitpunkt bleibt der Export von Plastikmüll. Er ist meist nicht vorsortiert, kann nur zum Teil verwertet werden und landet ansonsten in der Umwelt.

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          Die Kreislaufwirtschaft ist das große Ziel deutscher und europäischer Abfallpolitik. Altes soll wiederverwendet oder im Recycling aufgearbeitet werden, damit Neues daraus entsteht. Eine Kreislaufwirtschaft anderer Art ist der schwunghafte Handel mit den Hinterlassenschaften von Konsum und Industrie. Millionen von Tonnen gehen jedes Jahr über die Grenzen, und der Exportweltmeister Deutschland macht seinem Namen auch in diesem Segment Ehre.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          „Deutsche Abfälle sind immer noch ein Exportschlager“, sagt Christian Kille vom Institut für angewandte Logistik der Universität Würzburg-Schweinfurt. Knapp 15 Millionen Tonnen sind im vorigen Jahr ausgeführt worden, 10,5 Millionen Tonnen kamen herein. Beim Blick auf den Warenwert schaut die Handelsbilanz freilich ganz anders aus. „Man kann mit etwas Polemik sagen: Deutschland importiert Wertstoffe und exportiert Abfälle“, sagt Uli Lison vom Stuttgarter Softwarehaus AEB, einem großen Spezialisten für Kunden aus Logistik und Handel.

          Im Durchschnitt waren die Exporte demnach rund 600 Euro je Tonne wert, gut 1000 Euro die Einfuhren. So zeigt es eine Sonderauswertung für den „Exportseismographen Deutschland“ (ESD), den das Logistikinstitut gemeinsam mit AEB herausgibt. Der größte Teil der Ausfuhren entfällt mit 58 Prozent auf Eisen- und Stahlschrott, gefolgt von Holzabfällen und Aluminiumresten. Aber nach wie vor landen auch riesige Mengen Plastikmüll aus Deutschland anderswo in der Welt.

          Als ungefährlicher Müll eingestuft

          Mehr als eine Million Tonnen waren es 2018, immerhin 14 Prozent weniger als im Vorjahr, aber nach Meinung von Umweltschützern immer noch viel zu viel. Der Landkreistag hat sich dieser Tage sogar für ein sofortiges Ausfuhrverbot ausgesprochen (F.A.Z. vom 1. Oktober). Andere problematische Abfälle tauchen der Studie zufolge in der Statistik erst gar nicht als Abfälle auf, zum Beispiel ausgediente Röhrenfernseher. Rund 64.000 Stück seien im vorigen Jahr exportiert worden, ganz überwiegend nach Westafrika, wo die verwertbaren Teile ausgeschlachtet werden. Der Rest landet auf Müllkippen.

          Von den in Deutschland gesammelten Plastikabfällen werde bis zu einem Fünftel exportiert, heißt es in der ESD-Auswertung. Rechtlich sei dies zunächst einmal völlig legal, sagt der AEB-Außenwirtschaftsexperte Lison. Plastikabfälle würden als ungefährlicher Müll eingestuft, der nach EU-Recht und internationalen Vorgaben frei gehandelt werden dürfe. Soweit es sich dabei um sortenreine Abfälle handele, sieht er auch ökologisch kein Risiko. Aus dieser zu 650 bis 900 Euro je Tonne gehandelten Ware werden üblicherweise Recyclat-Rohstoffe für die Plastikindustrie hergestellt.

          Doch viele Kunststoffexporte seien nicht vorsortiert und könnten deshalb nur zum Teil verwertet werden. Der Rest werde unter fragwürdigen Bedingungen verbrannt, lande auf einer Deponie oder im Meer. China war viele Jahre das Hauptabnehmerland, hat aber Anfang 2018 die Grenzen für unsortierte Kunststoffabfälle dichtgemacht. Gingen 2013 noch 641.000 Tonnen Plastikmüll aus Deutschland in die Volksrepublik, waren es im vorigen Jahr nur noch etwa 13.500 Tonnen.

          „Statt in China enden deutsche Plastikabfälle immer öfter in Süd- und Südostasien. Hier gab es große Sprünge. Malaysia ist zum wichtigsten Empfängerland aufgestiegen“, sagt Logistikprofessor Kille. Auf Platz zwei steht Indien, wo die Einfuhren seit 2013 um 180 Prozent gestiegen sind. In die Höhe geschossen seien auch die Lieferungen nach Vietnam und nach Indonesien.

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