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Satiriker veralbert GDL : „Ab 14 Uhr wird zurückgestreikt“

  • -Aktualisiert am

Der Lokführerstreik ärgerte viele Pendler Bild: dpa

Ein Unbekannter gibt sich auf Twitter als Vorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL aus. Unter dem Namen Claus Weselsky hat er in den vergangenen Tagen 500 Kurznachrichten getwittert. Die GDL will gegen das Phantom vorgehen.

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          Ein ungenannter Satiriker veralbert die Lokführergewerkschaft GDL. Im sozialen Netzwerk Twitter gibt er sich als deren Vorsitzender Claus Weselsky aus; innerhalb weniger Tage hat er mehr als 500 garstige Kurznachrichten abgefeuert. „Die Eisenbahn bin ich. Hier streikt der Chef noch persönlich!“, steht unter dem Konterfei eines verschmitzt blickenden Mannes, das zumindest große Ähnlichkeit mit dem echten Gewerkschaftsboss aufweist. Manche der Tweets gehen unter die Gürtellinie, aber viele dürften entnervte Bahnreisende begeistern. Begonnen hat alles vor einer knappen Woche mit dem vieldeutigen und grenzwertigen Satz: „Ab 14 Uhr wird zurückgestreikt.“

          Seither hat sich der Autor in eine Vielzahl heftiger Dialoge mit Kritikern verwickelt, die ihn für den wirklichen Urheber der Zugausfälle halten. „Bis es soweit ist, können Sie sich ja auf die Schienen legen“, teilt er dann polemisch aus. Der Göttinger FDP entgegnet er auf Beschwerden, diese „Kleingeister“ hätten schließlich vorher immer munter für die Privatisierung der Bahn gestimmt. Ein ums andere Mal streut er den Scherz ein: „Fahrende Züge bitte unter #EinerFährtNoch und Ortsangabe melden. Wir werden den möglichst rasch bestreiken.“ Seitenhiebe auf angebliche Dienstlimousine, Privat-ICE und Luxusanzug Weselskys kommen hinzu. Und natürlich auch gegen die „eigene“ Basis: Den GDL-Kollegen in Nordrhein-Westfalen empfiehlt er als Ersatz Fahrradferien in Castrop-Rauxel.

          GDL geht juristisch gegen das Phantom vor

          Die GDL geht juristisch gegen das Phantom vor, wie ein Sprecher auf Anfrage sagte. „Das kann schließlich dazu beitragen, unsere Forderungen massiv zu verfälschen und zu beschädigen.“ Wer es ist, hat die kampffreudige Spartengewerkschaft aber noch nicht herausgefunden. Scherz-Accounts dieser Art sind ohnehin nicht selten, so die von „Margot Honecker“ oder von der „Truppenursel“. Der falsche Weselsky steckt außerordentlich viel Energie und Zeit in sein Tun. Doch sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Das ist ein reines Spaßprojekt.“

          Beruflich arbeite er in einer PR-Agentur, die vor allem Künstler betreue. Ihm sei die Idee spontan gekommen, als er gemerkt habe, wie viele Leute sich über die Bahnstreiks ärgern – und dass der Name bei Twitter erstaunlicherweise noch frei gewesen sei. Manchen erinnert das Satireprojekt freilich an die moderne PR-Methode des „viralen Marketing“: Werbebotschaften werden so amüsant verkleidet, dass Nutzer sie im Internet von sich aus immer weiter verbreiten. Wozu der falsche Weselsky sagt: „Wir PR-Leute sind käuflich – aber hierfür hat uns wirklich niemand bezahlt.“ Auch die Deutsche Bahn versicherte auf Anfrage, dass sie nicht der Auftraggeber sei. Die (wesentlich größere) Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), gegen die sich der GDL-Ausstand in erster Linie richtet, tat dies ebenfalls.

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