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Arbeitskämpfe : Die neue Streikwelle

Der bisher längste Ausstand in der Geschichte der Deutschen Bahn AG dauert bis Sonntagmorgen. Bild: AP

Erst die Lokführer und Piloten, dann die Lehrer, bald die Erzieher. Die Deutschen sind von Streiks genervt. Warum gibt es gerade so viele? Da kommen drei Trends zusammen.

          Deutschland rüstet sich für eine Woche Bahnstreik. Seit Monaten kämpft die Lokführergewerkschaft GDL um ihren Einfluss bei der Bahn. Bis Ende der Woche streiken die Lokführer. Es ist der bisher längste Streik bei der Bahn, der achte in diesem Tarifstreit – und es ist bei weitem nicht der einzige Ausstand in Deutschland.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Alltag treffen auch mehrere andere Streiks die Deutschen in diesem Jahr hart. Eltern in Deutschland stehen gerade vor unbefristeten Streiks in Kitas. Schon im März traf es Schulen, weil Lehrer streikten. Viele berufstätige Eltern müssen nun für ihre Kinder wieder kurzfristig anderweitig eine Betreuung suchen. In vielen Städten kamen vergangene Woche zudem Briefe und Pakete später an, weil die Postboten auf die Straßen gegangen sind. In der Woche davor blieben die Leute von der Postbank zu Hause. Und Flugreisende hat es in den vergangenen Monaten mehrfach getroffen, weil die Piloten der Lufthansa und der Germanwings in den Ausstand getreten sind.

          Arbeitsausfälle durch Streiks haben in den vergangenen Jahren tatsächlich wieder etwas zugenommen. Das zeigt ein Blick in die Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Gingen in Deutschland im Jahr 2010 nur rund 25.000 Arbeitstage durch Streiks verloren, waren es im vergangenen Jahr schon rund 155.000. Die Zahlen für die neue Streikwelle des aktuellen Jahres liegen noch gar nicht vor.

          Ein Langfristvergleich zeigt: Es war auch schon schlimmer

          Ein Langfristvergleich zeigt allerdings auch: Es war schon schlimmer. Die großen Streiks liegen jedoch lange zurück. In den 70er, 80er und 90er Jahren gab es mehrere Jahre, in denen jeweils deutlich über eine Millionen Arbeitstage ausgefallen sind.

          Aber heute bekommen viele Deutsche die Streiks direkt zu spüren, denn es streiken vor allem die Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor: Fast 90 Prozent aller Arbeitskämpfe im vergangenen Jahr und gut 97 Prozent aller Ausfalltage sind laut dem gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) dem Dienstleistungssektor zuzuordnen. Während die großen Streiks vergangener Jahrzehnte oft die Metallindustrie und ihre interne Betriebsabläufe betrafen, von denen Verbraucher wenig mitbekommen, treffen jetzt schon kleine Streiks die Verbraucher hart. Wenn ein paar hundert Lokführer ausfallen, kommen Zehntausende Arbeitnehmer zu spät zur Arbeit.

          Dabei sind die deutschen Arbeitnehmer im internationalen Vergleich weiterhin mit Streiks zurückhaltend. Nach Schätzung des gewerkschaftsnahen WSI fallen hierzulande im Schnitt rechnerisch 16 Arbeitstage je 1000 Beschäftigte im Jahr aus. In anderen Ländern sind es deutlich mehr. In Frankreich sind es sogar 139 Tage, in Dänemark 135 und in Irland 28. Weniger gestreikt wird nur in Österreich, Polen und in der Schweiz.

          Dennoch wächst die Streik-Tendenz wieder. Liegt das daran, dass sich der Arbeitsmarkt in Deutschland stetig bessert und die Arbeitnehmer weniger Angst um ihre Stellen haben? Nicht unbedingt. Die Streikgeschichte zeigt, dass steigende Arbeitslosigkeit nicht immer vor Streiks schützt. Im Jahr 1984 fielen fast 3 Millionen Arbeitstage durch Arbeitskämpfe aus – damals hatte sich die Zahl der Arbeitslosen in den Jahren zuvor gerade verdoppelt. Anfang der 90er Jahre war es dann wieder anders: Im Sonderboom nach der Wiedervereinigung hofften viele Arbeitnehmer durch Streiks, höhere Löhne zu erkämpfen. Als die Arbeitslosigkeit dann aber in den 90er Jahren drastisch stieg, wurde auch wieder weniger gestreikt.

          Tatsächlich kommen mehrere Trends zusammen, die gerade die Streikbereitschaft wieder bringen. Erstens erleichtert die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt das Streiken tatsächlich. Zweitens soll das so genannte „Tarifeinheitsgesetz“ Spartengewerkschaften im Juli um einen Teil ihrer Macht bringen. Im Falle der Lokführer mag der Streik das Aufbäumen einer Gewerkschaft sein, die fürchtet, durch das Gesetz an Einfluss zu verlieren.

          Drittens bilden die Streiks einen Wandel im Sozialprestige ab. Erzieher und Lehrer gewinnen in der Gesellschaft an Ansehen. Vielen Eltern ist eine gute Ausbildung von Erziehern und Lehrern heute wichtiger als früher. Für Erzieher werden vereinzelt Hochschulabschlüsse gefordert. Deshalb hoffen diese Berufe auf eine bessere Bezahlung. Piloten auf der anderen Seite müssen zunehmend mit Arbeitsbedingungen leben, die den Königen der Lüfte früher nicht abverlangt wurden – und sie streiken für einen Erhalt ihrer alten Welt.

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