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Tarifkonflikt : Dauerstörfall Lufthansa

  • -Aktualisiert am

„Ohne Worte“ Bild: Greser & Lenz

Es steht einiges auf dem Spiel: Lufthansa-Chef Spohr muss in dem Tarifkonflikt mit der Ufo selbst Flagge zeigen - denn in den bisherigen Verhandlungen präsentierte sich der Konzern nicht allzu geschickt.

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          Passagiere der Deutschen Lufthansa werden sich an die bekannte Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert fühlen. Dort werden Szenen des Arbeitsalltags zum quälenden Ritual. Auch bei der größten Fluggesellschaft in Europa haben sich die Tarifgespräche mit diversen Berufsgruppen in ein lästiges Ritual verwandelt. Nach 13 Ausständen der Lufthansa-Piloten binnen 19 Monaten ist es jetzt das Kabinenpersonal, das den Flugbetrieb der Lufthansa mit seiner ersten Streikaktion wohl über eine Woche behindern wird. Offen ist nur die Frage, ob die Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag für das Bodenpersonal zu einem weiteren Schlagabtausch führen werden.

          Über zwei Jahre ziehen sich die Verhandlungen mit der Branchengewerkschaft Ufo hin, in der die etwa 19.000 Flugbegleiter organisiert sind. Neben der Forderung nach mehr Gehalt geht es im Kern um eine überfällige Reform der Betriebsrenten, die angesichts wachsender Pensionslasten und niedriger Zinsen nicht mehr zu finanzieren sind. Statt feste Zusagen zur Höhe der Altersversorgung zu machen, sollen den Lufthanseaten künftig nur die Beiträge garantiert werden, wie es in anderen Unternehmen schon üblich ist. Das Risiko der Kapitalanlage trägt dann der Arbeitnehmer. Doch gegen diese Umstellung, auch gegen Details wie etwa die Höhe des Kapitalmarktzinses, richtet sich der Widerstand der Ufo.

          In der deutschen Industrie ist der Umbau des Betriebsrentensystems gängige Praxis. An der Schlüssigkeit und Notwendigkeit dieser Reform gibt es unter Experten keinerlei Zweifel. Sie wurde daher schon vor Jahren – im Einvernehmen mit der Belegschaft – von den meisten Dax-Konzernen vorgenommen. Doch das Management der Lufthansa hat sich mit diesen Korrekturen lange Zeit gelassen. Entsprechend groß ist jetzt der Reformstau für Lufthansa-Chef Carsten Spohr, der die Altlasten seiner Amtsvorgänger aus dem Weg räumen muss, um Personalkosten zu trimmen und das Unternehmen neu aufzustellen.

          Taktische Finesse nicht erkennbar

          Angesichts der Bedeutung für das Ansehen und die Überlebensfähigkeit der Lufthansa, welche die Tarifverhandlungen mit der Ufo und anderen Berufsgruppen haben, wäre eine stärkere Präsenz Spohrs in diesen Tagen überaus hilfreich. Seine Erfahrungen aus jüngster Zeit sollten ihn dabei bestärken. Nachhaltig in Erinnerung ist vor allem Spohrs Einsatz im Nachgang der Germanwings-Katastrophe geblieben. Er erklärte das Krisenmanagement kurzerhand zur Chefsache und stellte bei öffentlichen Auftritten das nötige Gespür für die Befindlichkeit von Betroffenen und Mitarbeitern unter Beweis.

          Der Einsatz des Lufthansa-Chefs ist gefragt, weil die Kritik an den wichtigsten Akteuren in diesem quälenden Tarifkonflikt immer größer wird. An vorderster Front stehen die Arbeitsdirektorin Bettina Volkens sowie Ufo-Chef Nicoley Baublies. Der resolut auftretenden Dame im Lufthansa-Vorstand, die einst von der Deutschen Bahn zur Luftfahrt wechselte, fehle meist die Übersicht in den Verhandlungen und die Liebe zum (juristischen) Detail im Dickicht der Tarifverträge, lautet der Tenor der Kritik. Fest steht bislang: Taktische Finesse, um weniger strittige Themen zu lösen und sich so zu weiteren Etappenerfolgen vorzuarbeiten, ist bei ihr bislang nicht erkennbar. Der Nachweis ihres „Gesellenstücks“ seit ihrem Dienstantritt steht damit noch aus. Von der vorzeitigen Verlängerung ihres Vorstandsvertrags um weitere fünf Jahre, die der Aufsichtsrat kürzlich abnickte, gaben sich selbst ihre Förderer im Konzern überrascht.

          Widerstand gegen die Reform der Betriebsrenten

          Auch beim Gegenüber Baublies ist Widerstand in den eigenen Reihen zu spüren. Dem Ufo-Chef werfen Kollegen vor, sich als Klassenkämpfer der alten Schule zu profilieren. Dabei geht es ihm wohl darum, mit Blick auf die nächsten Neuwahlen der Branchengewerkschaft Kampfeswille zu zeigen und Zweifel an seinem Hang zum Konsens zu zerstreuen. Dennoch wirkt seine Behauptung, dass die Reform der Betriebsrenten viele Kabinenmitarbeiter in die Altersarmut befördert, weltfremd. Wenn ein Kabinenmitarbeiter bis zum normalen Rentenalter arbeitet, erhält er zusätzlich zu seiner Betriebsrente eine sechsstellige Abschiedszahlung.

          Die Gefahr ist groß, dass die Kabinengewerkschaft mit ihrer Bereitschaft zum Konflikt überzieht und eine juristische Lösung provoziert. Nach dem Streikauftakt der Ufo stellen Arbeitsrechtler die Frage, ob der längste Arbeitskampf in der Geschichte der Lufthansa noch das Gebot der Verhältnismäßigkeit wahrt? Auch die lange Serie der Pilotenstreiks wurde vor wenigen Wochen auf juristischem Wege gestoppt. Den Arbeitsrichtern in Frankfurt fiel die Begründung ihrer Entscheidung leicht. Denn die Piloten hatten ihre Aktionen zuletzt mit der Forderung nach Mitsprache beim Umbau des Lufthansa-Konzerns begründet. Das war ein formaler Fehler. Denn das ist nach dem Tarifgesetz nicht erlaubt.

          Ufo-Chef Baublies will eine solche Niederlage vor Gericht vermeiden und konzentriert sich daher auf den Widerstand gegen die Reform der Betriebsrenten. Allerdings will auch er, dass die Ufo in anderen Unternehmen Mitglieder gewinnt, etwa bei Condor, die früher zur Lufthansa gehörten und heute zu Thomas Cook.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

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