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Bahn-Chef : Grubes Kalkül

Hält sich bislang zurück: Rüdiger Grube in seinem Büro in Berlin Bild: Andreas Pein

Im Tarifkonflikt mit den Lokführern äußern sich alle Bahn-Manager. Nur Vorstandschef Rüdiger Grube machte sich rar. Seine bisherige Zurückhaltung hat einen Grund - und soll heute ein Ende finden.

          Alle zeigen ihr Gesicht in dieser Streikwoche, die nach dem Willen der Lokführergewerkschaft so lang werden soll wie keine zuvor: der Personalvorstand der Bahn, der Personenverkehrsvorstand, der Güterverkehrsvorstand. Auch die Politik gibt ihre Zurückhaltung auf: Es äußern sich der Verkehrsminister, der Wirtschaftsminister und sogar die Kanzlerin. Sie alle appellieren an die Verhandlungs- und Schlichtungsbereitschaft der Lokführer.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Aber wo ist Grube? Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, macht sich bislang rar. Er, der sonst die Nähe zu seinen Mitarbeitern nicht scheut und den Einsatz der Eisenbahner unermüdlich lobt, ist fast unsichtbar in diesem Tarifkonflikt.

          Grubes Zurückhaltung ist Kalkül. Seine Berater, die sich um die medialen Auftritte kümmern, spüren zwar den wachsenden Druck in dem scheinbar ausweglosen Streit. Aber sie halten den richtigen Moment für eine sichtbare Einmischung seitens der Konzernspitze noch nicht für gekommen. Das Gesicht des Konflikts mit dem in der Öffentlichkeit allgegenwärtigen GDL-Chef Claus Weselsky soll Personalvorstand Ulrich Weber bleiben, auch nach 16 ermüdenden, erfolglosen Verhandlungsrunden in den letzten zehn Monaten.

          Zu Wort meldete sich Grube am Wochenende in einem Brief an die Mitarbeiter. Er ist ein Appell an die Belegschaft, sich nicht spalten zu lassen. Grube und seine Vorstandskollegen sorgen sich um die Zukunft der Bahn: Nach dem Stand der Dinge sei eine faire und tragfähige Lösung nur noch mit der Unterstützung durch einen neutralen Dritten zu erreichen, schreiben sie.

          Der Bild-Zeitung sagte Grube, auch noch recht dosiert: „Es kann und darf so nicht weitergehen. Der Tarifkonflikt darf nicht auf dem Rücken unserer Kunden und Mitarbeiter ausgetragen werden. Und schon gar nicht darf der Standort Deutschland, die Wirtschaft, unser Unternehmen und die wertvolle Sozialpartnerschaft weiter beschädigt werden.“

          Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr geht immer weiter zurück

          Im Februar rechnete der Bahn-Chef im Gespräch mit dieser Zeitung vor, wie der Arbeitskampf den Konzern belastet. Im vergangenen Jahr, als zwischen September und November siebenmal gestreikt wurde, summierten sich die Schäden aus entgangenen Einnahmen, zusätzlichen Kosten und Entschädigungen auf rund 160 Millionen Euro. Das ist mehr, als die stärksten Stürme verursachen. Schon bei der vagen Möglichkeit eines Streiks bleiben die Kunden vom Bahnhof weg.

          Im Fernverkehr sinkt die Zahl der Fahrgäste. Der Wettbewerb durch Auto, Flugzeug und Fernbus macht der Bahn zu schaffen – der Streik verschlimmert die Lage. Der Güterverkehr der Bahn verfehlt seit Jahren alle hoffnungsfrohen Prognosen. Die Digitalisierung zwingt in allen Sparten zu Innovationen und Investitionen.

          Der studierte Fahrzeugbauer und Wirtschaftspädagoge Grube hat also konzeptionell genug zu tun. Erst vor wenigen Monaten hat der 63 Jahre alte Manager, der 2009 von Daimler kam und die Bahn inzwischen seit sechs Jahren führt, die ehrgeizigen Ziele seiner „Strategie 2020“ kassieren müssen. Die Umsatz- und Ergebniserwartungen erwiesen sich als viel zu optimistisch, nicht nur im internationalen Markt, sondern auch in Deutschland, obwohl die Konjunktur hier überdurchschnittlich gut läuft.

          Grube sagt, er brauche nur vier Stunden Schlaf

          Dass sich der Bahn-Chef im Jahr 2020 an seinen Ankündigungen messen lassen wird, erscheint derzeit nicht völlig ausgeschlossen. Grubes Vertrag läuft bis 2017, Gerüchten zufolge würde er selbst gern verlängern, auch wenn er dann schon 66 Jahre alt wird. Einige seiner Vorstandsmitstreiter werden dann schon im Ruhestand sein, so auch der 65 Jahre alte Personalvorstand Weber, der angeblich nach dieser ultimativen Tarifrunde aufhören will, obwohl auch sein Vertrag noch bis 2017 läuft.

          Der Halbmarathonläufer Grube, der nach eigenem Bekunden nur vier Stunden Schlaf braucht und mit seinem ausgeprägten Durchhaltevermögen eigentlich für ausufernde Tarifgespräche wie geschaffen scheint, hat also ein langfristiges Interesse daran, mit unangenehmen Erscheinungen wie Lokführerstreiks nicht sofort assoziiert zu werden.

          Grube will sich am Mittwoch äußern

          Als abschreckendes Beispiel gilt in der Bahnspitze der große Bahnstreik im Jahr 2007/08. Damals hatte sich Grubes Vorgänger (und Ziehvater bei Airbus), Hartmut Mehdorn, eingeschaltet, als die Lokführer – damals noch unter der Führung von Manfred Schell und mit dem Strippenzieher Weselsky im Hintergrund – dauernd die Arbeit niederlegten. Mehdorn, der die Öffentlichkeit polarisierte wie kein zweiter Bahn-Chef, war zuvor mit dem Ansatz gescheitert, die auf Eigenständigkeit beharrende GDL juristisch in die Ecke drängen zu wollen. Vor allem aber verlor Mehdorn damals den Kampf um die Gunst des Publikums.

          Je länger der Konflikt dauerte, desto stärker richtete sich der Zorn der Bahnkunden nicht mehr gegen die Lokführer, sondern gegen ihn. Vom Aufsichtsrat bis zur Kanzlerin wollten alle den Dauerkonflikt schließlich nur noch beenden. SPD-Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee gab den Vermittler, der Politiker hielt den gekritzelten Zettel mit Mehdorns Versprechen einer Lohnerhöhung um 11 Prozent für die Lokführer in die Kamera.

          Grube will anders als sein Vorgänger Mehdorn bei Konflikten nicht mit dem Kopf durch die Wand. Ihm ist klar, dass solche Eskalationsszenarien im schlimmsten Fall den eigenen Kopf kosten können. Dennoch wird sich der oberste Eisenbahner nicht mehr lange verstecken. An diesem Mittwoch will er sich zusammen mit Weber öffentlich äußern. Er möchte dann einen „Vorschlag zur Befriedung der Lage“ machen. Dazu planen die beiden eine Pressekonferenz, wie es in Unternehmenskreisen hieß. Ort und Zeit wurden zunächst nicht genannt.

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