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Sicherheitskontrollen : Streik lähmt Flugverkehr in ganz Deutschland

Teilnehmer eines Warnstreikes gehen am Dienstag durch ein Terminal des Flughafens Leipzig-Halle. Bild: dpa

Leere Terminals, mehr als 1000 ausgefallene Flüge: Der Warnstreik an den Sicherheitskontrollen hat den Flugverkehr in Teilen des Landes zum Erliegen gebracht. Die Kontrahenten im Tarifstreit sitzen aber bislang nicht an einem Tisch.

          Um 2.20 Uhr ging es vom Frankfurter Flughafen auf die Reise – trotz Nachtflugverbots. Denn die Urlauber auf dem Weg zum ägyptischen Badeort Marsa Alam wurden vom Reisekonzern TUI in Busse gesetzt, ein Flugzeug wäre für sie wegen des Warnstreiks des Personals an den Sicherheitskontrollen an diesem Morgen unerreichbar geblieben. Und so bekamen die Urlauber statt eines Direktflugs ans Rote Meer zunächst eine Bustour über deutsche Autobahnen und einen Umstieg in den Flieger in Karlsruhe, wo die Gewerkschaft Verdi das Kontrollpersonal nicht zum Ausstand aufgerufen hatte. Vorsorglich hatte die Gesellschaft TUI Fly ihre Jets für die Morgenflüge dorthin gebracht.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der folgenreichste Ausstand der Luftsicherheitsassistenten in Deutschland an gleich acht Flughäfen  begann in Frankfurt mit Fahrbetrieb vor den Terminals, um 3 Uhr karrte auch die Gesellschaft Condor Urlauber auf dem Weg nach Teneriffa zunächst nach Stuttgart. Während für Pauschalreisende der gesamte Urlaub davon abhing, zumindest auf Umwegen ans Ziel zu kommen, dürfte mancher Geschäftsreisende den Warnstreik als Anlass genommen haben, einen der vielen Auswärtstermine abzusagen.

          Mit der dritten Warnstreikwelle im Tarifkonflikt für die 23.000 Luftsicherheitsassistenten gelang es der Gewerkschaft Verdi den Luftverkehr in weiten Teilen des Landes zu lähmen. In den Abfertigungshallen herrschte am Dienstag Leere. Fluggesellschaften hatten vorab Passagiere über wohl mehr als 1000 Ausfälle informiert und Zehntausende umgebucht. Allein die Deutsche Lufthansa und ihre Tochtermarke Eurowings hatten mehr als 600 Flüge gestrichen. Der Flughafenverband ADV schätzte, dass insgesamt mehr als 200.000 Passagiere von Ausfällen, Verspätungen und Umbuchungen betroffen seien. Nur einzelne Reisende strandeten in den Hallen der bestreikten Flughäfen in Frankfurt, Hamburg, Bremen, Hannover, Leipzig, Dresden, Erfurt und München.

          Aufschlag von bis zu 55 Prozent

          An dem bayerischen Flughafen hatten sie sich auf die Besonderheit einzustellen, dass dort die Passagierkontrollen nicht bestreikt wurden, wohl aber die Personal- und Warenkontrollen. Denn während im Rest des Landes der Konflikt um einen Tarifvertrag für die Beschäftigten privater Sicherheitsdienste, die im Auftrag der Bundespolizei tätig sind, den Betrieb zum Erliegen brachte, sind die Passagierkontrolleure in Bayern in einer staatlichen Gesellschaft tätig, für die der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes gilt. Rund 100 Flüge fielen dennoch in München aus.

          Obwohl zuvor wohl kein Ausstand der Sicherheitskräfte an deutschen Flughäfen derart einschneidende Folgen hatte, stehen sich die Kontrahenten im Tarifstreit weiter unversöhnlich gegenüber. Die Gewerkschaft Verdi warf der Arbeitgeberorganisation, dem Bundesverband der Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen (BDSL), vor, trotz vier ergebnisloser Verhandlungsrunden und vorangegangenen Warnstreiks kein neues Angebot vorgelegt zu haben.

          Aus Sicht des BDLS hält Verdi stur an der Forderung nach einem Stundengrundlohn von 20 Euro für alle Sicherheitsassistenten fest, was einem Aufschlag von 16 bis 55 Prozent entspräche. Der BDLS hatte zuletzt 2 bis 8 Prozent geboten. Der Verband macht die Arbeitnehmervertreter zudem dafür verantwortlich, dass nach den letzten Gesprächen vor Weihnachten erst wieder in der kommenden Woche am 23. Januar verhandelt werde. Die Gewerkschaft sei zu keinem früheren Treffen bereit gewesen.

          Sorge vor Wettbewerbsverzerrung

          Dieses Hickhack stößt in der Luftfahrtbranche übel auf. „Tarifpartner gehören an den Verhandlungstisch, und zwar sofort“, sagte Ralph Beisel, der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbands ADV. Jedes weitere Streikausmaß sei nicht nur ein Horrorszenario für die Fluggäste, sondern verleihe dem Reiseland Deutschland ein negatives Ansehen. Ohnehin sieht man sich als Opfer eines Konflikts zwischen Sicherheitsunternehmen und Gewerkschaft. „Einmal mehr werden die Flughäfen als Schauplatz in einem Arbeitskampf missbraucht, bei dem sie noch nicht einmal Tarifpartei sind“, sagte Beisel.

          Fluggesellschaften beklagen derweil, dass in den vergangenen Jahren die Kosten für die Sicherheit an Flughäfen drastisch gestiegen sind, nicht aber die Qualität der Kontrollabläufe. Im Jahr 2018 waren lange Warteschlangen ein Ärgernis. Nach ihren Angaben kosteten die Kontrollen 2011 noch 423 Millionen Euro, im vergangenen Jahr aber 743 Millionen Euro – ein Anstieg um 76 Prozent. Die Kosten sind formal in Ticketpreisen enthalten, Fluggesellschaften beklagen aber, sie im Preiswettbewerb nur teilweise an Passagiere weiterreichen zu können.

          Zum Anstieg hat indes beigetragen, dass Kontrollen in den vergangenen Jahren aufwändiger geworden sind, teure neue Geräte angeschafft wurden und durch das Verkehrswachstum viel mehr Reisende kontrolliert wurden. Ein wesentlicher Treiber waren aber auch die Löhne. Noch vor wenigen Jahren zählten die Beschäftigten an die Sicherheitskontrollen zu Geringverdienern an Flughäfen, was auch die Branche selbst rückblickend als schlecht ansieht. Allerdings ist der Stundengrundlohn für einen oft ungelernten Luftsicherheitsassistenten in der Passagierkontrolle am Frankfurter Flughafen seit 2011 um 56 Prozent auf zuletzt 17,13 Euro gestiegen.

          Auch ohne den Tarifkonflikt sind die Sicherheitskontrollen in der Diskussion. Nach langen Warteschlangen im vergangenen Jahr drängt der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) auf eine Reform. Dafür will die Branche Verantwortung von der Bundespolizei übernehmen und Abläufe verändern.

          Gleichzeitig beklagt der BDL, dass in Deutschland Unternehmen und Reisende die Sicherheitskosten in der Luftfahrt zu tragen haben – anders als bei Demonstrationen oder Sportveranstaltungen. Andere Länder handhabten das anders. Die Verdi-Forderungen werden als Zusatzlast angesehen. „Eine weitere drastische Steigerung der Lohnkosten bei den Luftsicherheitsassistenten würde in der Folge also die Wettbewerbsverzerrung zulasten der deutschen Luftverkehrsunternehmen weiter verschärfen“, heißt es.

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