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Streik der Milchbauern : Saure Milch

Milchentsorgung: Die streikenden Bauern haben es nicht leicht Bild: dpa

Die Milchbauern müssen sich vom Mythos verabschieden, sie seien den Zeitläuften hilflos ausgeliefert. Sie müssen endlich anfangen, wie Unternehmer zu denken, anstatt Wegwerfware zu produzieren.

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          Die streikenden Milchbauern haben es schwer. Das wird spätestens jetzt klar, da die Wasserwirtschaftsämter anmerken, Milch dürfe nicht einfach so in die Kanalisation gekippt werden. Milch schädigt die Bakterienkultur der Kläranlagen, die Reinigungsleistung sinkt, das Abwasser bleibt schmutzig, die Flüsse werden verdreckt. Bauern müssen deshalb mit Strafanzeigen und Schadenersatzforderungen rechnen, nachdem sich das Abwasser im Allgäu schon weiß färbt. Das ist die erste Lektion für die Landwirte, die für sich in Anspruch nehmen, in ökologischen Kreisläufen zu denken.

          Allerdings hat auch der ökonomische Kreislauf ihre ungeteilte Aufmerksamkeit verdient und die des Publikums. Entgegen dem Eindruck, den die Bauern zu erwecken trachten, sind die Preise, die die Landwirte für den Liter Milch bekommen, nicht niedriger als voriges Jahr, sondern um 20 Prozent höher im ersten Quartal.

          Mehr Milch, als der Markt schluckt

          Die Aussicht auf höhere Preise hat die Bauern veranlasst, mehr aus ihren Kühen herauszumelken, soweit es ihre Milchquoten erlauben. Inzwischen gibt es deshalb mehr Milch in Deutschland, als der Markt schluckt. Die abnehmenden Molkereien können die Preise drücken, die Supermärkte auch. Der Kunde ist der Nutznießer, wenn die Milch billiger wird, der Bauer der Verursacher.

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          Dahinter steckt also keine Verschwörung zu Lasten der Landwirtschaft, sondern ein gewünschter Mechanismus. Der Produzent kann reagieren: seine Milch besser oder billiger machen. Der Mechanismus wirkt in annähernd jeder Branche, das Ergebnis ist der Fortschritt in Qualität und Produktion.

          Die Botschaft der Bauern lautet dagegen: Wir können mit den Preisen schlecht leben, weil uns die Kosten davongelaufen sind. In vielen Fällen stimmt das. Das gilt aber auch für Kurierdienste, Zementfabriken und Fluggesellschaften, die nicht mit dicken Tränen der Solidarität rechnen dürfen.

          Aufforderung zur Verschwörung gegen den Kunden

          Vor allem aber laufen die Kosten dem normalen Bürger davon. Die Inflation war selten so hoch wie jetzt, und die Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse spielen keine geringe Rolle bei dieser Entwicklung. Nicht wenige Milchbauern, die über teures Futter klagen, freuen sich, dass sie hingegen ihr Getreide vergleichsweise teuer absetzen können.

          Die jüngste Forderung des Bauernpräsidenten, den Milchpreis auf das „faire“ Niveau 40 Cent je Liter nach oben zu treiben, ist eine Aufforderung zur Verschwörung gegen den Kunden. Was fair daran sein soll, bleibt völlig rätselhaft.

          Die Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahren die gesellschaftliche Solidarität ohnehin schon überstrapaziert, indem sie ihre Branche mit Steuergeld abzusichern verstand, das an anderen Ecken fehlt.

          Die landwirtschaftlichen Unternehmer, wie sich die Milchbauern gerne nennen, müssen sich vom Mythos verabschieden, sie seien den Zeitläuften hilflos ausgeliefert.

          Anfangen, wie Unternehmer zu denken

          Sie könnten die Molkereien, die zu 70 Prozent im Eigentum von Bauerngenossenschaften sind, zwingen, endlich besser zu wirtschaften, damit mehr für ihre Besitzer übrig bleibt. Sie könnten branchenübergreifende Versicherungslösungen entwickeln, die sie unempfindlicher gegen starke Preisschwankungen machen.

          Die einzelnen Bauern könnten versuchen, ihre eigene Milch zur Marke zu machen, die sich von der Massenware unterscheidet.

          Kurz: Sie müssten anfangen, wie Unternehmer zu denken, anstatt Wegwerfware zu produzieren. Weil in wenigen Jahren der Schutz für Bauern ohnehin endet, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt loszulegen.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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