https://www.faz.net/-gqe-72fvi

Streik bei der Lufthansa : Kontrahenten der Kabine

Vertrauensvolle und konstruktive Atmosphäre, aber große Gegensätze: Die Verhandlungspartner Nicoley Baublies und Peter Gerber (v. l.) Bild: dapd

Noch kommen sie nicht auf einen Nenner: Seit Wochen laufen die Verhandlungen zwischen Lufthansa-Vorstand Peter Gerber und Gewerkschaftschef Nicoley Baublies. Jetzt ist taktisches Geschick gefragt.

          3 Min.

          Für seine Kollegen in den Chefetagen der Gewerkschaften der Piloten oder Fluglotsen gilt Nicoley Baublies als Frischling. Denn der 39 Jahre alte Bordsteward der Lufthansa steht seit April an der Spitze der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (Ufo) - einer Branchengewerkschaft, die die Interessen des Kabinenpersonals bei der größten Fluggesellschaft in Europa vertritt.

          Ulrich Friese
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Baublies, der in den vergangenen Tagen in einem Frankfurter Hotel mit Lufthansa-Vorstand Peter Gerber über den neuen Tarifvertrag für die rund 19 000 Flugbegleiter der Lufthansa verhandelte, dürfte in dieser Woche im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Die mehrmonatigen Gespräche wurden am gestrigen Dienstag für gescheitert erklärt. Danach ist bereits vom heutigen Mittwoch an mit Streikaktionen an deutschen Flughäfen zu rechnen. Bislang hatte es in den vergangenen zwei Jahrzehnten nur zwei Arbeitskämpfe des Kabinenpersonals gegeben.

          Gegensätze der Parteien ließen sich nicht überbrücken

          Noch am vergangenen Wochenende zeigte sich Baublies, dem Kollegen ein sonniges Gemüt und Zielstrebigkeit bescheinigen, zuversichtlich, den drohenden Konflikt nicht eskalieren zu lassen. Dabei verließ er sich auf seine guten Drähte zu Gerber, den er noch als langjährigen Vorstand von Lufthansa Cargo kennt und als konzilianten Gesprächspartner schätzt.

          Auch wenn die Atmosphäre der Verhandlungen von den Akteuren als vertrauensvoll oder konstruktiv beschrieben wird, ließen sich die Gegensätze der beiden Parteien nicht überbrücken. Zu viel steht für Baublies und Gerber auf dem Spiel, um durch voreilige Zugeständnisse einen Gesichtsverlust zu riskieren, sagen Teilnehmer der Verhandlungen. Die Lösung des Tarifkonfliktes mit der Ufo gilt für führende Lufthanseaten denn auch als eine „wichtige Wegmarke, um den Umbau des Konzerns voranzutreiben und den Branchenführer für den verschärften Wettbewerb in Europa zu rüsten“.

          Gehalt schwankt zwischen 1800 und 4000 Euro brutto

          Aktueller Anlass für den Konflikt war die Forderung der Ufo, die Gehälter der Flugbegleiter nach drei Jahren Nullrunde in Folge um 5 Prozent zu erhöhen. Dabei erscheint das Gehaltsgefüge des Kabinenpersonals, das je nach Höhe von Zulagen oder der Anzahl der Berufsjahre in einer Bandbreite zwischen 1800 und 4000 Euro brutto im Monat schwankt, im Vergleich zu anderen Berufsgruppen im Konzern als angemessen. So fällt beispielsweise das Gehaltsniveau von Lufthansa-Piloten oder den Lotsen der Deutschen Flugsicherung deutlich höher aus.

          Um die hohen Millionenverluste im Europaverkehr zu beseitigen, sind jedoch tiefe Schnitte bei den Personalkosten nötig, die zurzeit rund 40 Prozent der Fixkosten im Konzern ausmachen. Im Rahmen des konzernweiten Sparprogramms „Score“ muss sich das Ergebnis bis 2014 um mindestens 1,5 Milliarden Euro verbessern. Hier kommen auf Gerber und Passage-Vorstandschef Carsten Spohr, die das Passagiergeschäft im Wesentlichen steuern, die wichtigsten Aufgaben zu. Denn der Bereich, in dem das Kerngeschäft der Lufthansa gebündelt ist, muss mit 600 Millionen Euro das mit Abstand größte Sparvolumen schultern.

          "Wir wehren uns gegen radikale Lösungen"

          “Wir sehen den Anpassungsbedarf im Konzern, wehren uns aber gegen radikale Lösungen“, sagte Baublies. Für den Ufo-Chef sind die Pläne der Lufthansa-Strategen, die Tochtergesellschaft Germanwings zu einem schlagkräftigen Billigfluganbieter aufzuwerten, ein Dorn im Auge. Im Zuge des geplanten Umbaus dürften bis zu 2000 Arbeitsplätze in die neue Gesellschaft abwandern. Dadurch würden sich die Personalkosten mit einem Schlag um bis zu 40 Prozent verringern, fürchtet Baublies.

          Das Gros der Lufthansa-Flugbegleiter weiß der Ufo-Chef hinter sich, wenngleich er über die exakte Zahl der Mitglieder schweigt. Er selbst spricht von der Mehrheit der rund 19 000 Mitarbeiter, Kritiker gehen davon aus, dass nur ein Drittel in der Ufo organisiert ist. Bis Internetexperte Baublies, der 2004 zur Lufthansa kam und zwischenzeitlich zum Kabinenleiter (Purser) avancierte, an die Spitze der Branchengewerkschaft rückte, musste er interne Konflikte schlichten.

          Vor Baublies: Interne Kämpfe in der Ufo-Chefetage

          Bis zum Amtsantritt von Baublies wurde die Chefetage von Ufo durch interne Grabenkämpfe gelähmt. Dabei stand eine Gruppe von Anhängern, die Kompromisse in Tarifverhandlungen strikt ablehnte, der Riege der internen Reformer gegenüber. Baublies, der den Reformern zugerechnet wird, vermittelte zwischen diesen Fronten geschickt und gewann die Wahl. Ähnliches Gespür ist auch in diesem Konflikt gefragt.

          Weitere Themen

          Der Mann mit dem Geld

          Kanzlerkandidat Scholz : Der Mann mit dem Geld

          Schon viele Finanzminister wollten Kanzler werden. Geklappt hat es erst einmal. Ganz abwegig erscheint es nicht mehr, dass Olaf Scholz es schaffen könnte.

          Topmeldungen

          Der Finanzminister nutzt die Bühnen, die sich ihm bieten: Anfang Juli posierte Olaf Scholz vor dem Kapitol in ­Washington.

          Kanzlerkandidat Scholz : Der Mann mit dem Geld

          Schon viele Finanzminister wollten Kanzler werden. Geklappt hat es erst einmal. Ganz abwegig erscheint es nicht mehr, dass Olaf Scholz es schaffen könnte.
          Raus mit dem giftigen Schlamm: In diesem Hotel in Altenahr packen Freiwillige vom Helfer-Shuttle und Bundeswehrsoldaten gemeinsam an.

          Als Helfer im Flutgebiet : Wer hier war, findet keine Ruhe mehr

          Keller trocken legen, Müll wegschaffen und immer dieser Schlamm: Anstatt in den Urlaub zu fahren, ist unser Autor ins Ahrtal gereist. Freiwillige Helfer werden dort nach wie vor gebraucht. Aber es gibt auch Spannungen – mit der Polizei.
          Knöllchen werden in Innenstädten deutlich teurer.

          Hanks Welt : Knöllchen dürfen wehtun, nicht aber arm machen

          Der neue Bußgeldkatalog wird Falschparkern das Leben künftig zur Geldbeutel-Hölle machen. In den Städten wird es jetzt nämlich richtig teuer. Doch was sollte ein Knöllchen überhaupt kosten?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.