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Straßenverkehr : Kaum ein Weg zwischen West und Ost

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Viele träumen bereits von einem großen Wirtschaftsraum in der Mitte Europas. Doch dazu fehlt die Infrastruktur. Der Bau von Brücken, Straßen und Schienen scheitert oft am Geld und an nationalen Interessen.

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          Weit mehr als 20 Brücken führten vor dem Zweiten Weltkrieg über die Oder. Heute ist davon nur noch eine Handvoll übrig - gerade vier der Bauwerke lassen sich ernsthaft für den Verkehr zwischen Deutschland und Polen nutzen.

          „Die Osterweiterung kommt zwar in ein paar Wochen, aber bei der Infrastruktur sind wir nicht wirklich weit“, sagt Verkehrsexperte Thomas Fabian von der Technischen Universität Berlin. Viele träumten bereits von einem neuen großen Wirtschaftsraum in der Mitte Europas. Doch der Bau von Brücken, Straßen und Schienen scheitere noch oft am Geld und an nationalen Interessen.

          Kein überzeugendes Konzept mit Blick auf die Erweiterung

          Das Bundesverkehrsministerium in Berlin immerhin verkündet stolz, daß die meisten Projekte bereits abgeschlossen seien. Experte Fabian sieht dies nicht ganz so euphorisch. „Da ist auch viel Etikettenschwindel dabei“, sagt er. Die meisten Vorhaben seien schon kurz nach der Wende angepackt worden. Seitdem seien die Straßen und Schienen in Ostdeutschland großflächig saniert worden, ein überzeugendes Konzept mit Blick auf die Erweiterung gebe es bis heute aber nicht wirklich. Und so zieht sich etwa der Verlängerungsbau der A 6 für die Strecke Nürnberg-Prag und der A 17 für die Strecke Dresden-Prag noch über Jahre hin.

          Bald, so prophezeien die Experten, werden dreimal so viele Lkw wie bisher die Grenzen zwischen alten und neuen Staaten passieren. Die fehlenden Straßen in Deutschland könnten dann noch das geringste Problem sein. Alarmiert ist die EU vor allem wegen der maroden Verkehrswege in den Beitrittsländern. So hat Polen gerade einmal rund 500 Kilometer Autobahn, in Deutschland sind es zum Vergleich knapp 12.000 Kilometer. Die polnische Regierung will bis 2006 nun immerhin eine Verbindung von Warschau zur Westgrenze des Landes bauen und an die von Berlin kommende A 12 anbinden. Doch auch dafür mußte Brüssel erst Druck machen. Polen hatte zunächst lange den Ausbau der Strecke Warschau-Danzig favorisiert.

          In Polen alamierend, in Tschechien kaum besser

          In Tschechien sieht es kaum besser aus. Eine Autobahn zwischen Wien und Prag fehlt nach wie vor; erst 2009 soll die Trasse fertig sein. Nicht ganz so spät, schon 2006, soll das fehlende Stück in Richtung Dresden fertig sein. Auf die Schiene können die Güter kaum ausweichen. „Da sieht es noch schlimmer aus, weil nicht nur die Staaten an den Verhandlungen beteiligt sind“, sagt Fabian. „Deutsche und polnische Bahn etwa sind weitgehend privatisiert, so daß wir sogar ein Vier-Akteure-Spiel haben.“ So müsse hier eine Strecke erst ihre Rentabilität beweisen, bevor sie gebaut werde - in der jetzigen Situation fast unmöglich.

          Rund 20.000 Kilometer Straße und 30.000 Kilometer Schiene fehlen

          Die EU sorgt sich um die Konkurrenzfähigkeit der neuen Mitglieder, nachdem erste Unternehmen sich wegen der schlechten Infrastruktur gegen Ansiedlungen in Osteuropa entschieden haben. Deshalb übernahm Brüssel in den vergangenen Jahren immer stärker das Kommando bei der Koordination der Verkehrsprojekte. So wurde etwa eine Expertenkommission unter dem Vorsitz des einstigen Wettbewerbskommissars Karel van Miert eingesetzt. Sie rechnete aus, daß - die Beitrittskandidaten Bulgarien und Rumänien inklusive - rund 20.000 Kilometer Straße und 30.000 Kilometer Schiene fehlen, und daß auch neue Flughäfen gebaut werden müßten. Geschätzte Kosten: Gut 100 Milliarden Euro.

          Letzte Hoffnung Hubschrauber

          Noch scheitert das zügige Überqueren des einstigen Eisernen Vorhangs aber schon im Kleinen. So existiert etwa keine vernünftige Verbindung von Wien ins slowakische Bratislava, das nur 60 Kilometer entfernt ist. Der Zug braucht über eine Stunde und eine Autobahn gibt es gar nicht - dort, wo vor dem Krieg sogar eine Straßenbahn verkehrte. Nach der Ansiedlung von Volkswagen und Peugeot in Bratislava hatten österreichische Zulieferer deshalb keine Chance, an Aufträge zu kommen. Und die österreichische Tageszeitung „Wirtschaftsblatt“ frotzelte, den Unternehmen bliebe zum schnellen Gütertransport von einer Stadt in die andere nur noch der Hubschrauber.

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