https://www.faz.net/-gqe-a3244

EZB-Sitzung am Donnerstag : Stockt die EZB ihr Krisenprogramm auf?

Christine Lagarde während einer EZB-Pressekonferenz im Juni Bild: EPA

Am Donnerstag trifft sich der EZB-Rat. Die Inflationsrate ist gerade ins Negative gerutscht. Eröffnet das für EZB-Präsidentin Christine Lagarde neuen Spielraum?

          3 Min.

          Erstmals seit vier Jahren ist die Inflationsrate im Euroraum ins Negative gerutscht – und insbesondere die von Notenbankern viel beachtete Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel ist im August regelrecht kollabiert, von 1,2 auf 0,4 Prozent.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Trotzdem herrschte unter Investoren am Anleihemarkt zuletzt überwiegend die Überzeugung vor, dass die Europäische Zentralbank (EZB) zumindest auf ihrer Sitzung am Donnerstag ihr 1,35 Billionen Euro schweres Krisen-Anleihekaufprogramm PEPP (“Pandemic Emergency Purchase Programme") noch nicht aufstocken wird. 

          „Aktuell dreht sich die Diskussion an den Märkten eher darum, ob der aktuelle Rahmen voll ausgeschöpft wird oder nicht“, meinte Christoph Rieger, Rentenmarkt-Fachmann der Commerzbank: „Eine Erhöhung in nächster Zeit wird nicht erwartet, zumal die Netto-Anleihekäufe der EZB in der letzten Augustwoche abermals niedriger waren.“

          In der letzten Augustwoche hatte die EZB im Krisenprogramm für ungefähr 14 Milliarden Euro Anleihen gekauft; es waren zwischenzeitlich aber auch schon mal mehr als 34 Milliarden Euro in einer Woche gewesen. Insgesamt ist das mittlerweile einmal im Juni um 600 Milliarden Euro aufgestockte Anleihekaufprogramm auf 1,35 Billionen Euro bemessen. Es soll bis mindestens Juni 2021 laufen.

          Ähnlich skeptisch wie die Commerzbank äußerte sich auch David Zahn, Chef für europäische Anleihen bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton: „Wir erwarten nicht, dass die EZB ihr Krisenprogramm PEPP in der kommenden Woche ausweiten wird“, sagte Zahn. Gleichwohl rechne man damit, dass die Notenbank in ihrer geldpolitischen Haltung sehr „akkomodativ“ bleiben werde, also Lockerungen zugewandt. Die EZB werde hervorheben, dass sie das Programm bei Bedarf in Zukunft weiter erhöhen könne: „Wir gehen davon aus, dass die EZB ihre Anleihekäufe noch viele Jahre fortsetzen wird, bis sich die Wirtschaft erholt, und dass die Zinsen für die nächsten drei bis fünf Jahre niedrig bleiben.“

          Krisenprogramm „angemessen“

          Wenn die Notenbank das Programm noch nicht aufstocken wolle, aber die niedrige Inflation in der Eurozone und die Sorgen rund um die Corona-Krise beispielsweise in Spanien sie trotzdem beschäftigten, könnte sie zum Beispiel mit weiteren Schritten zur Entlastung der Banken reagieren, meinte Ralf Umlauf, Ökonom und Rentenmarkt-Fachmann der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Trotz aller Hilfsprogramme sei schließlich zu erwarten, dass es demnächst zu Kreditausfällen kommen werde. Denkbar sei beispielsweise eine Ausweitung der Freibeträge für Banken bei den Negativzinsen ("Tiering") oder neue Schritte bei den günstigen Langfristkrediten für Banken TLTRO.

          EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte zuletzt in einem Interview gesagt, dass sie das Volumen des Pandemiekaufprogramms PEPP derzeit für „angemessen“ halte und dass die EZB die wöchentlichen Kaufvolumina auch wegen der entspannteren Lage an den Finanzmärkten etwas reduziert habe.

          „Frau Schnabel hat völlig recht, es gibt derzeit keinen Bedarf, das Programm aufzustocken“, meinte Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses Berenberg. Allerdings zeigten die neuen Inflationszahlen, dass der Preisdruck in Europa ausgesprochen verhalten sei: „Sollte der Preisdruck in den kommenden Monaten ähnlich verhalten bleiben, dürften viele im Zentralbankrat im Dezember darauf dringen, bereits dann das Krisenprogram PEPP bis Ende 2021 zu verlängern und den Gesamtumfang des Programms entsprechend aufzustocken.“

          In näherer Zukunft sei eine Aufstockung von PEPP nicht wahrscheinlich, meinte auch Stefan Bielmeier, Chefökonom der DZ Bank: „Falls sich die wirtschaftliche Situation der Länder, hier hauptsächlich von Italien und Spanien, allerdings nicht den Erwartungen entsprechend entwickelt, ist eine Aufstockung des Anleihekaufprogramms PEPP wahrscheinlich.“ Frederik Ducrozet, Ökonom der Schweizer Bank Pictet, hält es für möglich, dass die Notenbank im Dezember ihr Krisenprogramm ausweitet, und zwar beispielsweise um 500 Milliarden auf 1,85 Billionen Euro.

          Reagiert Lagarde auf den teuren Euro?

          In der vergangenen Woche hatte es zudem eine Debatte darüber gegeben, ob die EZB auf den starken Wechselkurs des Euros gegenüber dem Dollar reagieren werde. Er macht Exporte europäischer Unternehmen in den Dollar raum teurer und könnte damit die Erholung nach dem Corona-Shutdown behindern, auch wenn er für Verbraucher in Deutschland viele Importprodukte billiger macht.

          Bereits am Dienstag, als der Wechselkurs des Euro gegenüber dem Dollar kurzzeitig die 1,20 Euro überschritten hatte, hatte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane die Aufwertung der europäischen Gemeinschaftswährung thematisiert. Lane hatte gesagt, auch wenn die EZB kein Wechselkursziel habe, sei der Wechselkurs „wichtig“ und „relevant für die Geldpolitik“. Das war an den Finanzmärkten zum Teil so gedeutet worden, dass die EZB hier handeln könnte. Der Wechselkurs des Euro hatte daraufhin etwas nachgegeben. Am Donnerstag dann veröffentlichte die britische Zeitung „Financial Times“ einen Bericht, dem zufolge mehrere, namentlich nicht genannte Vertreter aus der EZB-Spitze Sorge über die Folgen der Euro-Aufwertung geäußert hätten.

          EZB-Präsidentin Christine Lagarde werde das Thema am Donnerstag vermutlich aufgreifen müssen, schreibt das Bankhaus Metzler: „Wenngleich Lagarde am Donnerstag einmal mehr feststellen dürfte, dass die EZB keine Wechselkursziele anpeilt, dürfte sie jedoch hinreichend deutlich machen, dass ein höherer Außenwert des Euro Auswirkungen auf das Inflations- und Wachstumsbild hat.“

          Weitere Themen

          Umweltschützer zünden Globus vor EZB an Video-Seite öffnen

          Klima-Demonstration : Umweltschützer zünden Globus vor EZB an

          In Frankfurt am Main haben am frühen Mittwoch Klimaaktivisten einen Globus vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank angezündet, um für ein Ende der sogenannten „Fossilindustrie“ zu demonstrieren.

          Topmeldungen

          Tesla-Chef Elon Musk bei der Vorstellung des neuen Modells in Shanghai

          331 Mio. Gewinn im Quartal : Tesla schlägt sich weiter glänzend

          Im vergangenen Quartal hat der Elektroautohersteller mehr Autos denn je ausgeliefert – und steuert nun auf den ersten Jahresgewinn seiner Geschichte zu. Das hat Tesla auch einem lukrativen Nebengeschäft zu verdanken.
          Glänzte schon wieder als Torschütze: Kingsley Coman

          Gala in der Champions League : Auf dem Platz klappt alles beim FC Bayern

          Vor dem Spiel sorgt der Corona-Fall Gnabry für Aufregung in München, dann spielt der FC Bayern beim 4:0 gegen Atlético Madrid locker und leicht auf. Zum Champions-League-Auftakt markiert der Titelverteidiger sein Revier. Final-Held Coman überragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.