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Stillgelegtes Kohlekraftwerk : Das Luftschloss an der Themse

Kathedrale der Industrie: Die Battersea Power Station an der Themse in London Bild: plainpicture/Oscar

Pink Floyd hat Londons Battersea Power Station weltbekannt gemacht, doch seit drei Jahrzehnten scheitern Investoren an dem leerstehenden Industriedenkmal.

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          Die nackenlangen Haare bindet er gerne zu einem Pferdeschwanz zusammen und im Gesicht trägt der irische Immobilien-Tycoon John Ronan einen dichtenVollbart. Die Zeitungen daheim auf der Grünen Insel nennen den schillernden Unternehmer aus Dublin respektvoll „den Piraten“. Aber jetzt hat der 57 Jahre alte Ronan an der Londoner Themse Schiffbruch erlitten.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für rund 5 Milliarden Pfund (6 Milliarden Euro) wollte er dort die Ruine eines stillgelegten Kohlekraftwerks in bester Innenstadtlage in einen leuchtenden 740000 Quadratmeter großen Gebäudepark für Wohnungen, Büros und Läden verwandeln. Fünf Jahre lang suchte Ronan vergeblich nach Investoren für das Großprojekt. Jetzt haben seine Gläubigerbanken die Geduld verloren und Insolvenzantrag gestellt. Es geht nicht um irgendein Gebäude: Die in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts errichtete Battersea Power Station ist ein weltbekanntes Industriedenkmal, seit die Rockband Pink Floyd den archaischen Backstein-Koloss am südlichen Themseufer 1977 auf dem Cover ihres Albums „Animals“ abbildete.

          Fast so bekannt wie Big Ben

          Längst ist das weithin sichtbare Kraftwerk zu einem Wahrzeichen Londons geworden und fast so bekannt wie Big Ben oder der Buckingham Palast. Jahr für Jahr pilgern Musik- und Architekturfans zu der unter Denkmalschutz stehenden Ikone, die seit fast drei Jahrzehnten ungenutzt vor sich hindämmert.

          Die Ausmaße sind gewaltig. Die weißen Beton-Schornsteine ragen 100 Meter in den grauen Londoner Himmel, die frühere Turbinenhalle des 1983 stillgelegten Kraftwerks bildet einen Quader mit rund 170 Meter Kantenlänge. Der Zustand der Anlage ist allerdings erbärmlich. Seit in den achtziger Jahren das Dach eingerissen wurde, steht der Riese nackt im englischen Regen und verfällt immer mehr. Die Schlote gelten inzwischen als irreparabel vergammelt. Es ist ein Trauerspiel.

          Hoffnung aber gab es immer. Vor anderthalb Jahren wählte der heutige britische Premierminister David Cameron die Battersea Power Station als Ort für seinen Wahlkampfauftakt. Selbst in seinem heutigen Zustand taugt der stumme Zeuge des Fortschritts von gestern noch als patriotische Kulisse für die Abendnachrichten. Die Botschaft des Ortes: Cameron werde die von der Weltfinanzkrise gebeutelte britische Wirtschaft wieder flottmachen, so wie dieser Immobilienunternehmer aus Irland die Battersea Power Station zu neuem Leben erwecke. Bisher blieben allerdings beide Versprechungen uneingelöst.

          Mutige Geldgeber fanden sich nicht

          An diesem Ort wurden schon viele Luftschlösser gebaut. Nachdem der „Pirat“ Ronan das 16 Hektar große Grundstück 2006 gemeinsam mit einem Geschäftspartner für 400 Millionen Pfund gekauft hatte, präsentierte der beauftragte Architekt Rafael Vinoly Pläne für ein „wirklich nachhaltiges und klimaneutrales Bauvorhaben“. Neben dem Kraftwerk sollte ein von einem riesigen Kunststoff-Zeltdach überspannter Gebäudekomplex namens „Eco Dome“ entstehen. Ein 300 Meter aufragender transparenter Hochaus-Schlot, um den sich in luftiger Höhe ringförmig Appartements legten, sollte Frischluft in die Büros leiten und Klimaanlagen überflüssig machen. In der historischen Battersea Power Station selbst wollten die Planer unter anderem ein Biomasse-Kraftwerk unterbringen.

          Mutige Geldgeber für den Öko-Traum an der Themse fanden sich schon wegen der 2008 hereinbrechenden Finanzkrise nicht. Dabei könnte die Battersea Power Station der Traum eines jeden Immobilienentwicklers sein. Das direkt am Fluss gelegene Grundstück und weitere angrenzende Brachflächen bilden eine der letzten großen Bauflächen, die im Herzen der britischen Hauptstadt noch verfügbar sind. In einer solchen Lage ist eigentlich jeder Quadratmeter Gold wert - wenn nur nicht der denkmalgeschützte Kraftwerks-Torso mittendrin stünde.

          Zahlreiche Fehlversuche

          Dem gestrandeten irischen Immobilienbaron Ronan bleibt zumindest der Trost, dass es anderen vor ihm nicht besser ergangen ist. Der erste, der nach der Stillegung des Kraftwerks hier sein Glück versuchte, war 1987 der Millionär John Broome. Der Unternehmer erwarb das Gelände für 1,5 Millionen Pfund um daraus einen überdachten Freizeitpark rund um die britische Industriegeschichte zu machen. Als Broome seine Pläne 1988 der Öffentlichkeit vorstellte, gab die damalige Premierministerin Margaret Thatcher persönlich den Startschuss. Kurze Zeit später war das Projekt wegen zu hoher Kosten vom Tisch.

          1993 kaufte ein Immobilieninvestor aus Hongkong die Battersea Power Station. Dieses Mal betrug der Kaufpreis bereits 10 Millionen Pfund und war damit fast siebenmal so hoch wie sechs Jahre zuvor. Nun sollten Geschäfte, Restaurants und ein großes Kino einziehen. Später interessierte sich auch das kanadische Zirkusunternehmen Cirque du Soleil für das Gebäude, um dort ein Theater einzurichten. Aber auch daraus wurde nichts und so schlug 2006 schließlich John Ronan zu.

          Zeitung fordert Komplettabriss

          Auch heute fehlt es nicht an Ideen. Britische Zeitungen spekulieren, der russische Milliardär Roman Abramowitsch werde die Battersea Power Station kaufen, um dort ein neues Stadion für seinen Fußballverein FC Chelsea unterzubringen. Skeptiker sehen es angesichts der entmutigenden Reihe von Flops in den vergangenen drei Jahrzehnten als erwiesen an, dass der Kraftwerksriese nicht mehr zu retten sei. Die „Financial Times“ riet vor zwei Wochen dazu, „angesichts unbestreitbarer wirtschaftlicher Realitäten“ einen Komplettabriss ins Auge zu fassen. Nüchtern betrachtet sehe das Architekturdenkmal ohnehin aus wie ein „Bunker aus der Sowjet-Ära“.

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