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Stiftungen : So sanieren die Milliardäre die Welt

Die Gates-Stiftung widmet sich dem Kampf gegen Malaria in Afrika Bild: APN

Amerikas Superreiche begründen eine neue Spendenindustrie. Die Gates-Stiftung verteilt längst mehr Geld als das Rote Kreuz oder die Weltgesundheitsorganisation. Dabei gehen die Stifter meist anders vor als die Hilfsorganisationen.

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          Eigentlich war es ein Kracher für die Abendnachrichten. Griffig, populistisch, Labsal für eine Nation auf der Krankenstation, die immer noch nicht von der Wirtschaftskrise genesen ist. „Amerika ist ein ungleicheres Land als noch vor zehn Jahren“, verkündete Finanzminister Timothy Geithner vergangenen Mittwoch in Washington. Die Reichen sollten wieder höhere Steuern zahlen. Aber da hörte kaum noch jemand zu.

          230 Meilen entfernt hatte am selben Tag in der Welthauptstadt des Kapitalismus die lebende Investmentlegende Warren Buffett gesprochen, und die Welt hielt kurz den Atem an. 40 amerikanische Milliardäre wollen mindestens die Hälfte ihres Vermögens spenden, spätestens im Testament (siehe: Bill Gates und Warren Buffett: Die großen Stifter). So steht es im Internet, nachlesbar unter www.givingpledge.org, das Versprechen des Gebens.

          Vorbei an der Erbschaftssteuer

          Es ist ein Club der Superreichen. Gegründet hat ihn neben Buffett Microsoft-Magnat Bill Gates . 300 Milliarden Dollar spenden die Amerikaner insgesamt pro Jahr, und weil nun des Gutmenschentums bisher Unverdächtige wie der Software-Milliardär Larry Ellison kurz und knapp angekündigt haben, „so gut wie“ ihr gesamtes Vermögen zu verschenken, dürfte die Summe rasch wachsen. Von deutschen Milliardären kommt dafür Lob: „Ich finde das Projekt absolut toll und nachahmenswert“, sagt SAP-Mitgründer Dieter Hopp und verweist darauf, dass er - so wie andere SAP-Gründer und Milliardäre - bereits zwei Drittel seiner SAP-Aktien in eine eigene Stiftung überführt hat.

          Bild: F.A.Z.

          Damit würde Hopp gut in Buffetts Club passen. Viele der Unterzeichner wärmen dort Versprechen auf, die sie längst gegeben haben. Das verleiht der Aktion in den Nachwehen der Bankenkrise, in denen seit Jahresfrist über 100 amerikanische Geldhäuser kollabiert sind, den Ruch einer gigantischen Kampagne von Kapitalisten für den Kapitalismus. Zumal sich der Staat an den Spenden per Steuererleichterung beteiligt, wie der Sprecher des Versandhauskönigs Michael Otto betont. Denn die gespendeten Aktien in den Stiftungen sind auch noch der Erbschaftssteuer entzogen, die jetzt schon 55 Prozent beträgt und über deren Erhöhung debattiert wird.

          Private Stifter überflügeln Hilfsorganisationen

          Was die PR-Aktion vor allem zeigt: Mit den Milliarden der Superreichen ist in den vergangenen Jahren eine ganz eigene Spendenindustrie entstanden. Die reichen Wohltäter können sich mit der staatlichen Entwicklungshilfe messen und stellen viele der alteingesessenen Organisationen in den Schatten. Allein die „Bill und Melinda Gates-Stiftung“ verteilt jährlich rund vier Milliarden Dollar - mehr als das Internationale Komitee des Roten Kreuzes oder die Weltgesundheitsorganisation.

          Umso wichtiger zu wissen, wo die Milliarden landen. Doch konkrete Absichten gibt es selten zu hören. Von „Star-Wars“-Regisseur George Lucas ist bekannt, dass er sein Geld dem amerikanischen Schulsystem widmet. Der Medienmogul und CNN-Gründer Ted Turner hat 1 von insgesamt 1,3 Milliarden Dollar Spenden längst den Vereinten Nationen vermacht. Hotel-Erbe Barron Hilton will das Kapital der Familienstiftung auf vier Milliarden Dollar erhöhen. Die steckt ihr Geld in die Trinkwasserversorgung von Entwicklungsländern wie Burkina Faso und Äthiopien, wo sie in den vergangenen Jahren 80 Millionen Dollar investiert haben will. Hiltons Geld bekommen außerdem: Obdachlose in Los Angeles, aidskranke Kinder und die katholischen Schwestern.

          Den größten Batzen verteilt aber die Stiftung des Microsoft-Gründers und seiner Frau: Sie lässt rund 30 Milliarden Dollar Kapitalstock für sich arbeiten und gibt jährlich rund vier Milliarden Dollar aus, vor allem für die Bekämpfung von Krankheiten, die Entwicklungsländer ins Elend gestürzt haben: Allein 1,8 Milliarden Dollar verteilt das „Weltgesundheitsprogramm“ der Gates-Stiftung jedes Jahr. Dazu kommen Programme für die Bildung in den Vereinigten Staaten, etwa für digitales Lernen.

          Stifter setzen auf Forschung und Entwicklung

          Ein einheitliches Muster lässt sich für die neue Spendenindustrie nicht erkennen. Nur so viel ist klar: Der Spender sucht die Projekte nach Gusto aus. Und zieht so Kritik auf sich. Dieter Lehmkuhl, der eine Initiative von Millionären für eine Vermögensteuer gegründet hat, ärgert sich, dass der Staat eine Spendenindustrie bezuschusst, deren Geld nicht nach demokratischen Maßstäben verteilt wird.

          Doch das ließe sich vertreten, wenn die Spenden der Reichen besser wirkten als die des Staates. Milliardär Warren Buffett hat nicht zuletzt deshalb der Stiftung von Bill Gates und dessen Frau Milliarden versprochen, weil er glaubt, dass diese das Geld besonders wirksam einsetzen. Mit dem Kapital der beiden ehemals reichsten Männer der Welt ist die Stiftung selbst inzwischen enorm reich. Aber kann ein Unternehmer, der mit Computersoftware erfolgreich war, Krankheiten besser bekämpfen als die Weltgesundheitsorganisation?

          Geld hat Gates dafür genug. Mehr als eine Milliarde Dollar hat seine Stiftung allein für ein Programm ausgegeben, das den Impfschutz in Entwicklungsländern verbessern soll. Das Ehepaar Gates bekämpft Malaria, lässt nach neuen Medikamenten gegen Aids forschen und finanziert Aids-Kliniken in Afrika.

          Gates geht dabei anders vor als andere Hilfsorganisationen. Er bleibt Technologie-Unternehmer - er macht sich den Markt zunutze und setzt auf Forschung und Entwicklung. Für seine Stiftung hat er das Credo von Partner Warren Buffett übernommen: „Wenn wir nicht gelegentlich Geld verlieren, sind wir zu wenige Risiken eingegangen.“ Auf diese Weise entstehen tatsächlich häufig sinnvolle Programme, die andernfalls nie ins Leben gerufen worden wären.

          Wo bringt das Geld die meisten Lebensjahre pro Dollar?

          Stolz erzählt Bill Gates, dass er in Botswana bewiesen hat, dass sich Aids-Medikamente auch unter den schwierigen Bedingungen Afrikas zu den Patienten bringen lassen - später habe die amerikanische Regierung das Projekt mit ihrem Geld ausgedehnt und weiterfinanziert. Einen Impfstoff entwickelt Gates, indem er die Forschung den Firmen überlässt und ihnen einen Mindestabnahmepreis garantiert, den sie sonst aus armen Ländern nicht bekämen.

          Weil die Eheleute Gates so auf Effizienz getrimmt sind, lassen sie manches liegen. Sie fragen: Wo bringt das Geld die meisten Lebensjahre pro Dollar? Die Antwort lautet: Kinder impfen, Malaria und Aids bekämpfen. Der Rest wird ignoriert. Das ist nicht immer gut. Aus Lesotho kamen bald Berichte, denen zufolge Kinder zwar vor Aids gerettet werden, aber bald darauf an anderen Krankheiten oder gar an Hunger sterben. Manche Kranke kommen gar nicht erst zum Krankenhaus. Transport und Ernährung überlässt die Stiftung nämlich den Regierungen vor Ort, um deren Politik nicht zu stören, wie sie sagt.

          Arbeitsteilung zwischen Stiftern und Staat

          Doch in der Praxis wirbelt Gates die Gesundheitspolitik der Regierungen gehörig durcheinander. Denn die Stiftung zahlt relativ hohe Gehälter für Ärzte und Krankenschwestern. In den übrigen Krankenhäusern bleiben oft nicht genügend Ärzte übrig. Dafür geben die Menschen in den armen Ländern aber nicht allein der Gates-Stiftung die Schuld. Die staatlichen Entwicklungshelfer und die internationalen Hilfsorganisationen werben ebenfalls Personal ab.

          Doch am Ende stehen auch Erfolge. Die Immunschwäche Aids hat die Forschung mittlerweile einigermaßen im Griff. Ohne Gates hätte das nicht funktioniert, geben Gesundheitsorganisationen auf der ganzen Welt und Regierungen in den betroffenen Ländern zu.

          Es hat sich eine Arbeitsteilung gebildet: Die Stifter treiben die Hilfe voran - aber verlassen sich selbst wiederum auf Vater Staat. Ohne dessen Entwicklungshilfe hätten auch die Programme der Gates-Stiftung keinen Erfolg. "Wir beschleunigen", sagt der Chef-Mediziner der Gates-Stiftung. Diese helfe Regierungen, Entwicklungshilfe zu verbessern. "Wir sind keine Ersatzmütter."

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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