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Stiftung Warentest : "Wir wollen niemanden an den Pranger stellen"

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1966 mit Nähmaschinen-Examen: Heft der Stiftung Warentest Bild: AP

Die Stiftung Warentest feiert ihren vierzigsten Geburtstag. Und will künftig auch die soziale und ökologische Verträglichkeit der Produktion bewerten.

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          Nur ausgewählte Gäste sind mit von der Partie, wenn an diesem Samstag abend die Stiftung Warentest in Berlin ihren 40. Geburtstag feiert. Und dazu zählt an vorderster Stelle Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne). Ihr ist die Stiftung besonders dankbar. Denn sie hat mit dem Ansinnen des früheren Bundeswirtschaftsministers Werner Müller (parteilos) aufgeräumt, der Stiftung den Geldhahn zuzudrehen.

          Müller wollte die staatlichen Zuschüsse kürzen und dafür der Stiftung erlauben, in ihre Zeitschriften "Test" und "Finanztest" Anzeigen aufzunehmen. Er selbst mußte schon dem starken Widerstand der um ihre Unabhängigkeit fürchtenden Verbraucherschützer nachgeben und statt der Zuschüsse seine Kürzungen zurücknehmen. Aber erst Künast hat den alten Zustand wiederhergestellt, wonach der Haushalt der Stiftung zwar zu knapp 90 Prozent aus Eigenmitteln finanziert werden muß, man aber aus dem Bundeshaushalt doch einen Zuschuß von etwa 10 Prozent der Aufwendungen bekommt. Der Etat der Stiftung Warentest belief sich 2003 auf 51 Millionen Euro, davon wurden 43 Millionen Euro selbst erwirtschaftet.

          Künftig auch soziale und ethische Kriterien

          Die eigenen Mittel stammen vor allem aus Zeitschriftenumsätzen, 23 Millionen Euro aus dem Verkauf der Zeitschrift "Test" und 13 Millionen Euro aus dem Verkauf der Zeitschrift "Finanztest". Hinzu kommen der Umsatz aus Sonderheften und Büchern und zunehmend der Erlös aus dem Internetangebot, mit dem die Stiftung "deutlich mehr als eine Million Euro im Jahr erwirtschaftet", wie die Sprecherin der Stiftung, Heike van Laak, bestätigt.

          So kann die Stiftung die Ausweitung ihrer Tätigkeiten auf einem zumindest mittelfristig sicheren finanziellen Fundament planen. Sie ist gerade dabei, ihre Prüfungsaktivitäten auszubauen. In Zukunft will sie nicht nur Produkte und Dienstleistungen testen, sondern auch ein Urteil darüber abgeben, ob bei der Herstellung auf die Einhaltung sozialer und ethischer Kriterien geachtet wurde. Kritiker wie Befürworter waren sofort auf dem Plan: "Sozial-Tüv" unkten die einen, "Offensive für eine gerechtere Warenwelt" frohlockten die anderen. Die Stiftung versucht, sachlich zwischen den Meinungspolen hindurchzuschiffen. "Wir wollen niemanden an den Pranger stellen", betont van Laak. Gerade bei der Beurteilung der Verantwortung für Umwelt und Soziales sei man - im Gegensatz zu reinen Produkttests - auf die Mitarbeit der Unternehmen angewiesen. Anbieter müßten ihre Lieferanten nennen und bereit sein, Prüfer in die Produktionshallen zu lassen.

          Solche Tests sind sehr teuer

          Der erste Testbericht ist gerade erschienen. Bei Wetterjacken wurden nicht nur die Jacken selbst getestet, sondern auch die Produktionsbedingungen zumeist in Fernost unter die Lupe genommen. Ergebnis: Der in Deutschland gerade erst durch Personalabbau in die Schlagzeilen geratene Warenhauskonzern Karstadt-Quelle achtet vorbildlich auf die Produktionsbedingungen seiner Artikel. Als einzigem Anbieter von Wetterjacken bescheinigt ihm die Stiftung, "stark engagiert" zu sein. Allerdings bekam die getestete Jacke selbst nur das Urteil "ausreichend". Daß soziales Engagement und Qualität indes auch zusammengehen können, zeigt die Jacke von Berghaus in Neuss. Das Unternehmen zeigt "deutliche Initiative" zu sozialer Kompetenz bei seinen Herstellern und bietet die beste aller getesteten Jacken an.

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