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Stiftung Warentest : Die Stiftung will alleine testen

Macht über Umsätze und Einbrüche Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Mit Zähnen und Klauen verteidigt die Stiftung Warentest ihr Monopol. Und die Verbraucher glauben an ihre Unfehlbarkeit. Franz Beckenbauer meint hingegen: „Die sollen lieber Gesichtscreme und Olivenöl testen“.

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          Es gibt nur wenige Institutionen, denen die Deutschen so sehr vertrauen wie der Polizei und dem Roten Kreuz. Eine jedoch gilt als noch glaubwürdiger: die Stiftung Warentest.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Warentester haben sich ihren Ruf durch die Auseinandersetzung mit deutschen Wahrzeichen erarbeitet. Unter anderem mit dem „Schätzchen der Nation“, Uschi Glas, deren Gesichtscreme „Hautnah“ sie vor zwei Jahren mit mangelhaft bewerteten. Der Fall landete vor Gericht, am Ende obsiegte, wie fast immer in solchen Fällen, die Stiftung.

          „Die rote Karte“

          Vergangene Woche wagten sich die Tester noch weiter vor. Die Stiftung erteilte den Fußballstadien in Berlin, Gelsenkirchen, Kaiserslautern und Leipzig nach eigener Diktion „die rote Karte“. „Schmale Treppen, lange Fluchtwege, gefährliche Stolperfallen und unüberwindbare Gräben“ könnten bei einer Massenpanik „verheerende Folgen“ zeitigen, hieß es.

          Beckenbauer über Warentest: „Sie sind nicht wichtig”

          Der Stadiontest kurz vor der Weltmeisterschaft sorgte für höchste Aufregung. Architekten, Professoren und Minister sparten nicht mit harscher Kritik an der Untersuchung. Und der Fußballkaiser sprach: „Einrichtungen wie die Stiftung Warentest wollen doch nur Werbung für sich machen und zeigen: Schaut her, wir sind wichtig. Sind sie aber nicht!“

          Macht über Umsätze und Einbußen

          Mit seiner ersten Einschätzung liegt Franz Beckenbauer wohl nicht ganz falsch; die zweite zeugt eher von Wunschdenken. In den gut 40 Jahren ihres Bestehens ist die Stiftung Warentest mit mehr als 5.000 Untersuchungen zu einer ökonomischen Großmacht geworden. Zeigt der Testdaumen nach oben, beflügelt das die Umsätze, zeigt er nach unten, sind massive Einbrüche die Folge.

          Uschi Glas und ihre Geschäftspartner wissen das genau zu beziffern. Im März 2004 verkauften sie noch Cremes und sogenannte Busenperlen für 462.209 Euro. Im April, dem Monat des „Mangelhaft“-Urteils im „Test“-Heft, sackte der Umsatz auf 96.285 Euro ab. Kaum hatte dagegen der Nestle-Konzern für sein Stieleis „Macao Vanilla“ ein „sehr gut“ erhalten („ausgewogene Kombination“), beflügelte das den Absatz.

          Dabei geht es nicht nur darum, daß Verbraucher schlecht bewertete Waren im Laden liegen lassen. „Ausreichend“ oder „mangelhaft“ getestete Produkte finden häufig erst gar nicht mehr den Weg in die Geschäfte. Vor allem die Discounter sind gnadenlos. Versagen die Warentester einem Olivenöl oder Kochschinken ihren Segen, wird rasch ausgelistet. Für Mittelständler, die nur Aldi oder Lidl beliefern, kann das zur Überlebensfrage werden.

          „Das finden wir nicht in Ordnung“

          Daß sich „verurteilte“ Hersteller insgeheim über die jetzt entbrannte heftige Kritik an der Stiftung freuen, ist eine Sache. Ernster zu nehmen sind die Klagen der Konkurrenz.

          Anders als im Gründungsjahr 1964 steht die Stiftung Warentest heute nicht mehr alleine auf weiter Test-Flur. Im Internet offerieren Portale wie ciao.com ihre Dienste. Hier können Konsumenten direkt zum besten geben, was ihnen an der neuen Digitalkamera gefällt - und was nicht. Und an den Kiosken finden sich mittlerweile Dutzende von Test-Zeitschriften.

          Denen jedoch heizt die Stiftung seit geraumer Zeit ordentlich ein. Dem Duisburger Michael E. Brieden Verlag wurde gerichtlich untersagt, eines seiner Hefte „Heimwerker Test“ zu nennen. Die Stiftung Warentest begründet ihr Vorgehen mit der Gefahr des Verwechseltwerdens. „Wir gehen gegen Nachahmer vor, wenn sie sich an unser Heft anlehnen. Das finden wir nicht in Ordnung“, sagt Vorstand Werner Brinkmann.

          Staatliche Zuwendungen für die „Quasi-Behörde“

          Die Konkurrenz dagegen wittert ganz andere Motive hinter den Klagen: Die Stiftung wolle den Begriff „Test“ monopolisieren. Und verlorene Marktanteile über die Gerichte zurückerobern. Tatsächlich ist die Auflage der Zeitschrift „Test“ in der Vergangenheit kräftig rückläufig gewesen.

          Ganz erbittert wird der Kampf zwischen der Stiftung Warentest und der SPD-nahen Publikation „Öko-Test“ ausgefochten. „Test“- Chefredakteur Hubertus Primus und „Öko-Test“-Geschäftsführer Jürgen Stellpflug warfen sich in offenen Briefen mehrfach gegenseitig vor, unfair zu konkurrieren. Gerne weist Stellpflug dabei darauf hin, daß seine Zeitschrift komplett privat finanziert wird, während die Stiftung Warentest Jahr für Jahr Staatsmittel erhalte.

          Tatsächlich erwirtschaftet die Stiftung den größten Teil ihres jährlichen Etats von rund 48 Millionen Euro mit dem Verkauf der beiden Hefte „Test“ und „Finanztest“ sowie mit Ratgeberbüchern und Internet-Einnahmen. Allerdings sind die staatlichen Zuwendungen nicht ohne: derzeit jährlich 6,5 Millionen Euro. Seit ihrem Bestehen erhielt die - wie Kritiker gerne ätzen - „Quasi-Behörde“ 209.607.000 Euro staatliche Zuwendungen. „Das hätte ich auch gerne“, sagt ein Konkurrent.

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