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Politik und Fußball : Mitspielen um jeden Preis

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Umarmt von der Stadt: Die Arena in Osnabrück, die manchmal zum Mythos wird. Der Drittliga-Fußball kostet den Steuerzahler auch hier Millionen. Bild: Helmut Kemme

Wenn der Fußball Heimat und Sinn bieten soll, wird es teuer. Viele kleinere Vereine bauen große Stadien und leben weit über ihre Verhältnisse. Am Ende haftet der Steuerzahler. Eine Spurensuche.

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          Ein Lokalpolitiker wie Thomas Thiele kann bei einem solch heiklen Thema eigentlich nur verlieren. Aber er nimmt kein Blatt vor den Mund. „Wir lassen uns als Bürger veräppeln“, sagt er. Die Stadt habe doch die Pflicht für eine Daseinsvorsorge. Dazu gehöre, mit den Mitteln sorgsam umzugehen und eine Überschuldung zu verhindern. „Aber in Wirklichkeit müssen wir jetzt alle für die Misswirtschaft von einigen Fußballmanagern aufkommen. Das ist ein Unding.“

          Halb sieben zeigt die Uhr an diesem Morgen. Thiele braucht keinen starken Kaffee mehr. Er ist putzmunter und richtig in Fahrt. Wer sich mit dem Hautarzt ausführlicher austauschen will, schaut am besten in aller Frühe in der Praxis vorbei, bevor die Patienten kommen. Als Fraktionsvorsitzender der FDP im Stadtrat von Osnabrück sprach sich Thiele als einer der wenigen gegen eine abermalige Rettung des ansässigen Drittligaklubs aus. Eine solche Position kommt beim Fußballvolk selten gut an. Die Mehrheit der Ratskollegen aus den anderen Parteien unterstützte das millionenschwere Hilfspaket – aus Sicht der Kritiker eine rein populistische Entscheidung.

          Fußball macht verschwenderisch

          Die vielen Anhänger des im Jahr 1899 gegründeten Klubs bejubelten die Rettung. Der Ball konnte im Sommer weiterrollen an der „Bremer Brücke“, wie das Stadion im Volksmund heißt. Mal wieder. Thiele, dessen älterer Bruder dem Vorstand der Bundesbank angehört, wollte aber nicht mitziehen. „Die wirtschaftliche Gesundung des Vereins ist nicht zu erwarten. Statt ein geordnetes Insolvenzverfahren mit einer neuen Chance für den Klub anzustreben, werden immer neue fragwürdige Konstrukte geschaffen, um den VfL am Leben zu erhalten“, sagt er.

          Osnabrück ist überall. Gemeint ist dieses Phänomen: Je dominanter sich der Fußball mit seiner Marktmacht ausbreitet, je schneller sich die Vermarktungsmaschinerie dreht und je mehr Millionen in dem Geschäft verdient werden, desto häufiger muss der Steuerzahler für Missmanagement, Fehlplanungen, Funktionärsgrößenwahn und fragwürdige Projekte geradestehen. Das ist ein Eindruck, der sich im Land der Weltmeister verfestigt. Gerade an den kleinen und mittleren Fußballstandorten wird kräftig investiert; nicht nur in Beine, sondern vor allem in Steine. Seit der WM 2006 wurden fast 30 neue Arenen entweder gebaut oder befinden sich in der Entstehung. Die öffentliche Hand ist bis auf wenige Ausnahmen fast immer als wichtigster Geldgeber dabei.

          Oft genug geht die Rechnung aber nicht auf. Der Verdrängungswettbewerb unterhalb der Premiumklasse Bundesliga zwischen meist krass unterfinanzierten Vereinen verschärft sich. Die Klubs graben sich gegenseitig das Wasser ab. Zudem fehlen ihnen meist qualifizierte Manager. Die Steuerzahler-Vereinigungen schlagen Alarm. Und einspringen muss am Ende fast immer der Steuerzahler, während sich Lokalpolitiker in den Logen für ihre Großzügigkeit feiern lassen.

          Mythos Fußball legitimiert Staatszuwendungen

          Nach Bankenrettung und Griechenlandrettung gilt die Rettung maroder, schlecht geführter oder einfach nur nicht wettbewerbsfähiger Fußballunternehmungen inzwischen ebenso als systemrelevant. Fußball sei ein schützenswertes Kulturgut, wird behauptet – so wie Schlösser oder einzigartige Naturlandschaften. Fußballstadien haben den Status von Kathedralen. Aus der Tradition wird ein Mythos gestrickt. Aus einem Spielbericht der Lokalzeitung: „Ob Nord, West oder Süd – aus allen Richtungen kommt die Anfeuerung, als Gesang oder als Rufe, als donnernder Applaus oder gefährliches Raunen. Laut ist es und von einer Direktheit, die einem in die Glieder fährt. Das Publikum, diese aus so vielen Individuen zusammengesetzte Masse, reagiert manchmal wie eine Person.“

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