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Was sich mit dem Alter ändert : Wer den Staat finanziert und wer profitiert

Neue Berechnung: Bis zum Alter von 24 Jahren übersteigen im Durchschnitt die vom Staat bezogenen Leistungen die gezahlten Steuern und Sozialabgaben. Bild: picture alliance / Wolfram Stein

Akademiker generieren übers Leben gerechnet das größte Plus für den Fiskus. Neue Berechnungen zeigen jetzt, wie viel es ist und wer davon profitiert.

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          Das ganze Leben ist ein einziges Geben und Nehmen. Ältere Semester wissen das aus eigener Erfahrung. Aber wer finanziert den Staat in Form von Steuer und Abgaben in welchem Maße – und wer profitiert von seinen Leistungen?

          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Intuitiv ist klar, dass die Kurve sich mit den Jahren verschiebt: In jüngeren Jahren kann man von Kitas, Schulen und Universitäten profitieren, später mit dem ersten Verdienst verlangt der Staat seinen Teil, mit der Karriere wächst die Abgabenlast überproportional, dafür sorgt schon das progressive Steuersystem, bevor sich im Alter die Sache wieder dreht, weil Renten oder Pensionen die Krankenkassenbeiträge und indirekten Steuern übersteigen. Neben dem Alter können Geschlecht Einkommen, Bildungsgrad eine Rolle spielen, in welche Richtung sich der Zahlungsstrom bewegt und wie stark er ist.

          Martin Beznoska vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wollte es genau wissen. Er hat Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengetragen und verbunden. Er hat nicht zuletzt mit Hilfe des Sozioökonomischen Panels ein Instrument entwickelt, das gleichsam spielerisch die Altersverteilung von Steuern, Sozialabgaben, Transfers und staatlichen Sachleistungen für das Jahr 2021 nachzuvollziehen, wie auf FAZ.NET direkt ausprobiert werden kann auf Basis seiner Studie mit dem Titel „Die Altersverteilung von Steuern, Abgaben und staatlichen Leistungen“. Danach übersteigen bis zum Alter von 24 Jahren im Schnitt die vom Staat bezogenen Leistungen die gezahlten Steuern und Sozialabgaben. Die monetären Leistungen wie das Kindergeld werden zwar den Erwachsenen zugerechnet, nicht aber die Sachleistung wie Kindertagesstätten und Schulen.

          Die Gesundheitsleistungen machen sich schon im Jahr der Geburt bemerkbar. Doch sonst überwiegen in den frühen Lebensjahren die Betreuungskosten (bis zu mehr als 9000 Euro je Kind und Jahr) und Bildungsleistungen (bis zu 10.000 Euro je Schüler und Jahr). Die Hochschulleistungen (bis zu 11.000 Euro für einen Studenten im Jahr) beträfen jedoch einen deutlich kleineren Teil der Bevölkerung. Im mittleren und hohen Alter bestehen die Sachleistungen nur noch aus Gesundheitsleistungen, die mit zunehmendem Alter deutlich steigen.

          Die höchsten monetären Transfers fallen zwischen Mitte 30 und Mitte 40 an (Arbeitslosengeld I und II, aber auch familienbezogene Leistungen wie Kindergeld und Elterngeld). Ab Mitte 50 haben Einkommensersatzleistungen ein höheres Gewicht. Erwerbsminderungsrenten zeigen sich ab etwa 50 Jahren in der Abbildung. Mit etwa 60 Jahren wächst nach der Studie die Zahl der Rentenbezieher und somit auch die durchschnittlich bezogene Rente beziehungsweise Pension stark. „In den Alterskohorten ab 80 Jahren fallen im Schnitt fast 20.000 Euro Alterseinkommen pro Person an.“

          Im Sozioökonomischen Panel werden keine eigenen Einkünfte der Nicht-Volljährigen beobachtet, entsprechend werden in dem Modell keine Einkommensteuer oder Sozialabgaben für diese Gruppe abgeführt. Später rücken mehr Leute aus der Alterskohorte in den Arbeitsmarkt. Der Höhepunkt der Abgabelast wird mit Mitte 50 erreicht, die Einkommensteuer beträgt dann im Schnitt 13.500 Euro im Jahr. Rentenversicherungsbeiträge werden als eine Abgabe behandelt, auch wenn damit fast eins zu eins Ansprüche für das Alter erworben werden. Spiegelbildlich werden die Rentenzahlungen als Leistungen des Staates behandelt. Darüber könnte man diskutieren, das ist aber üblich.

          Die gesamten Sozialbeiträge der Arbeitnehmer mit Mitte 50 betragen durchschnittlich fast 7000 Euro. Weil mehr und mehr Arbeitnehmer in Rente gehen und gleichzeitig erhaltene Renten und Pensionen sowie die Gesundheitskosten steigen, kommt es zum Kipppunkt. Mit 65 Jahren übersteigen im Schnitt die bezogenen Leistungen die Einzahlungen. Dieser Überschuss vergrößert sich weiter bis zum Lebensende.

          Über den Lebenszyklus betrachtet gibt es nach der Studie deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern bezogen auf Erwerbsverläufe, Löhne, dem Volumen an gearbeiteten Stunden und erziehungsbedingten Auszeiten. Diese Unterschiede spiegeln sich in den Einkommen und dementsprechend auch in den gezahlten Steuern und Sozialabgaben.

          Doch in Paarhaushalten profitierten beide Partner vom gemeinsamen Haushaltseinkommen, schreibt Autor Beznoska. Somit sage eine individuelle Zurechnung der Einkommen nichts über die Wohlfahrtsposition von Frauen und Männern aus. „Das machen auch die Witwenrenten deutlich, die dazu führen, dass sich die Renteneinkommen im hohen Alter angleichen.“

          Insgesamt erzeugen die Personen mit Hochschulabschluss nach der Untersuchung das größte „Plus“ für den Staat. „Staatseinnahmen von über 355 Milliarden Euro der hier berücksichtigten Steuern und Sozialabgaben stehen Staatsausgaben für Transfers, Renten, Pensionen und Sachleistungen von 220 Milliarden Euro gegenüber“, heißt es. Die Gruppe mit Berufsausbildung generiere 450 Milliarden Euro Staatseinnahmen und erhalte 435 Milliarden Euro. Personen ohne Berufsausbildung zahlten knapp 80 Milliarden Euro an den Staat und erhielten 125 Milliarden Euro. Nicht zuletzt die erzielten Renten sind in dieser Gruppe am niedrigsten aufgrund des niedrigeren Lebenseinkommens. „Ein politisches Ziel zur Tragfähigkeit der Staatsfinanzen könnte/sollte darauf abzielen, den Anteil der Personen ohne Berufsausbildung in der Bevölkerung zu reduzieren“, meint der Ökonom.

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