https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/steuer-erhoehungen-fuehren-zu-mehr-teilzeit-laut-studie-18125361.html

Studie aus Schweden : Mehr Steuern, weniger Arbeit

Hier gibt’s keine Überstunden. Bild: Mauritius

Wenn die Steuern steigen, gehen mehr Leute in ­Teilzeit. Das machen vor allem schlaue ­Männer so, wie eine Studie schwedischer Forscher zeigt.

          2 Min.

          Steuererhöhungen sind immer ein gewisses Problem. Einerseits bringen sie dem Staat Geld, das er oft dringend braucht. Andererseits drohen hohe Steuern Menschen vom Arbeiten abzuschrecken. Von den Mitarbeitern der Bahn ist überliefert, dass sich der eine oder andere statt einer Gehaltserhöhung für zusätzliche Urlaubstage entschieden hat. Denn die muss man nicht versteuern. Dass das tatsächlich ein Phänomen im großen Maßstab ist, wird von Verfechtern von Steuererhöhungen bezweifelt. Jetzt aber zeigt eine neue Studie: Der Effekt ist deutlich messbar – und es sind vor allem die schlauen Leute, die ihre Arbeitszeit verringern, wenn die Steuern steigen.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Studie kommt aus Schweden, einem Land, in dem man an hohe Steuern durchaus gewöhnt ist. Die Einkommensteuer geht dort erst mal an die Kommunen. Nur wenn jemand bei der Arbeit mehr als einen gewissen Betrag verdient, bekommt auch der Gesamtstaat Steuern, und zwar 20 Prozent zusätzlich von dem Teil des Einkommens, der über dieser Grenze liegt. Derzeit sind das umgerechnet 52 000 Euro im Jahr.

          Das sind Einkommensregionen, in der man durchaus noch aufs Geld achten muss. Wer absichtlich unter der Grenze bleibt, spürt das im eigenen Portemonnaie. Trotzdem entscheiden sich viele genau dafür. Die Einkommensgrenze verändert ganze Lebensentwürfe.

          Vier Wege, um unter der Einkommensgrenze zu bleiben

          Spencer Bastani arbeitet beim schwedischen Institut zur Evaluierung der Arbeitsmarktpolitik, Daniel Waldenström am Zentrum für Arbeitsmarktstudien in der schwedischen Stadt Uppsala. Sie haben einerseits noch einmal festgestellt, was schon lange bekannt war: Viele Steuerzahler sorgen sehr erfolgreich dafür, dass sie unter der Einkommensgrenze bleiben und diese zusätzliche Steuer nicht bezahlen müssen. Das tun sie auf vier Wegen.

          Erstens: Viele Angestellte reduzieren ihre Arbeitszeit gerade so, dass sie die Nationalsteuer nicht bezahlen müssen. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten offenbar erst so eingebürgert. Eine frühere Studie aus den 90er-Jahren kam noch zu dem Schluss, dass die Steuer den Angestellten egal war.

          Zweitens: Einige Selbständige organisieren sich so, dass ihre Einkünfte unter der Grenze bleiben. Sie haben das offenbar noch besser unter Kon­trolle als Angestellte. Das Ausmaß ist hier deutlich größer.

          Drittens: Andere Selbständige tricksen beim Einkommen. Sie zahlen sich nur einen Teil der Einnahmen ihrer Firma als Gehalt. Den Rest lassen sie in der Firma oder schütten ihn sich selbst als Firmengewinn aus.

          Viertens: Es gibt offensichtlich sogar einige Angestellte, die sich extra selbständig machen, damit sie ihr Einkommen besser unter die Steuergrenze drücken können.

          Ausgerechnet die Schlauen werden weggetrieben

          Spannend wurde es, als die schwedischen Forscher die Steuerdaten mit Daten über die Denkfähigkeit der Steuerzahler kombinierten. In Schweden gibt es eine Wehrpflicht. Bei der Musterung werden auch das logische Denken, Textverständnis, räumliches Denken und technisches Verständnis getestet. All diese Elemente kombinierten die Forscher zu einem Wert, der zumindest ungefähr erfasst, was die einzelnen Leute im Kopf haben. Dann wurde ganz deutlich: Je schlauer die einzelnen Schweden sind, umso heftiger reagieren sie auf die Steuerregeln – und umso eher gehen sie in Teilzeit, um die zusätzlichen Steuern nicht bezahlen zu müssen. Ob jemand sportlich war oder nicht, hatte dagegen praktisch keinen Einfluss.

          Es sind also ausgerechnet die schlausten Schweden, die durch die Steuern vom Arbeitsmarkt weggetrieben werden. Ein Überblick über die Berufe zeigt: Ganz vorne dabei sind Ärzte, Zahnärzte und Wissenschaftler.

          Das passt zu einer älteren Studie aus Deutschland, die in den Nullerjahren den Effekt von Steuersenkungen analysierte. Damals zeigte sich, dass Leute mit höheren Einkommen stärker reagierten. Jetzt kann man spekulieren: Vielleicht steckte dahinter das gleiche Prinzip wie in Schweden.

          All das betrifft allerdings vor allem die Männer. Über Frauen gibt es in Schweden zwar wenige Daten von der Musterung, weil die Wehrpflicht dort lange nur für Männer galt. Aber die Forscher bekamen von einigen Steuerzahlern auch deren Schulnoten. Dabei zeigte sich deutlich: Es waren vor allem die Männer mit guten Noten, die ihr Einkommen bis an die Steuergrenze drückten. Den Frauen waren demnach, unabhängig von ihren Schulnoten, die Steuersätze komplett egal.

          Weitere Themen

          Spanien plant Reichensteuer

          Kampf gegen Inflation : Spanien plant Reichensteuer

          In der Energiekrise bittet die Regierung in Madrid nicht nur Energieunternehmen und Banken zur Kasse. Auch Millionäre und Gutverdienende sollen einen Beitrag leisten, um Steuerentlastungen für Geringverdiener zu finanzieren.

          Mehr als eine Einkaufstour

          Olaf Scholz am Golf : Mehr als eine Einkaufstour

          Der Kanzler ist auf der Suche nach den Energielieferanten, die notwendig sind, um die deutsche Industrie am Laufen zu halten. Entsprechend hochkarätig ist auch die Wirtschaftsdelegation, die ihn begleitet.

          Topmeldungen

          Die Drei von der Ampel: Lindner, Habeck und Scholz

          Krisenmanagement der Ampel : Ein Bild des Jammers

          Die Koalition kämpft gegen gleich mehrere Krisen. Manchmal gut, manchmal schlecht – manchmal schafft sie sich die Krise aber auch selbst.
          Auf dem Vormarsch: Debitkarten machen der Girocard zunehmend Konkurrenz.

          Bargeldloses Zahlen : Wer braucht noch eine Girocard?

          Sparkassen und Genossenschaftsbanken setzten auf die Girocard als bargeldloses Zahlungsmittel. Direktbanken favorisieren Debitkarten. Wo sind die Vor- und Nachteile und lohnt eine Extragebühr? Die wichtigsten Antworten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.