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Berühmter Physiker : Stephen Hawking sorgt sich um die Briten

Stephen Hawking ist aufgrund eines Nervenleidens seit 40 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Bild: dpa

Einer der angesehensten Wissenschaftler der Welt sieht das britische Gesundheitssystem in Gefahr. Es geht um viel für das Vereinigte Königreich. Eine Antwort bekommt er prompt.

          2 Min.

          Der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt und der britische Astrophysiker Stephen Hawking: gewöhnlich haben diese beiden nicht allzu viel miteinander zu tun. Seit einigen Tagen aber liefern sie sich einen Schlagabtausch, der es in sich hat. Denn es geht um eine Art nationales Heiligtum der Briten - den staatlichen Gesundheitsdienst NHS.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Alles fing damit an, dass Hawking der konservativen Regierung vorwarf, den NHS durch Budgetkürzungen, schlechte Bezahlung des Personals und zunehmende Privatisierung zu schädigen. Er verdanke dem NHS persönlich viel, sagte Hawking vor gut einer Woche in einer Rede vor der Royal Society of Medicine. Aber nun habe er Sorge, dass daraus ein Versicherungssystem amerikanischen Stils werde.

          Hunt: Er deutet die Fakten falsch

          Der 75 Jahre alte Hawking, einer der angesehensten Wissenschaftler der Welt, leidet unter der Nervenkrankheit ALS und ist seit mehr als vierzig Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Verständlich macht er sich mit Hilfe eines Sprachcomputers, den er mit seinen Augen steuert.

          Gesundheitsminister Jeremy Hunt wollte die Kritik nicht auf sich sitzen lassen. Hawking sei ein brillanter Physiker, entgegnete er, aber er deute die Fakten falsch. Der NHS bleibe auch in Zukunft steuerfinanziert und für alle Bürger frei zugänglich.

          Ein Politikversagen will Hunt anders als Hawking nicht erkennen, vielmehr liege die Zahl der Ärzte und Schwestern auf Rekordniveau. Das wiederum hält der Wissenschaftler für keinen geeigneten Maßstab, um die Qualität des NHS zu beurteilen, und so geht das muntere Hin und Her auf Twitter und in diversen Zeitungsartikeln weiter.

          Rotes Kreuz: Humanitäre Krise

          Der beitragsfreie NHS, mit mehr als einer Million Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Welt, gilt den Briten als eine ihrer größten Errungenschaften. Für das Jahr 2017/2018 beträgt das Budget des Gesundheitsdienstes rund 124 Milliarden Pfund, das entspricht fast einem Fünftel der gesamten Staatsausgaben. Zwar steigt das Budget von Jahr zu Jahr, Kritiker sagen jedoch: nicht genug. Immer wieder werden Berichte etwa von Krebspatienten publik, die der NHS mangels Erfolgsaussichten nicht weiter behandeln will und die dann auf eigene Kosten Hilfe suchen.

          Auch die geringe Personaldecke in den Krankenhäusern an Wochenenden ist ein Dauerthema. Gesundheitsminister Hunt will deshalb weite Teile des NHS sieben Tage in der Woche öffnen, das aber stößt auf Widerstand in der Ärzteschaft. Vor allem junge Ärzte klagen über hohe Arbeitsbelastung und geringe Bezahlung, etliche haben schon gekündigt, was die angespannte Personalsituation noch verschärft. Das Rote Kreuz sprach bereits von einer „humanitären Krise“.

          Auch sonst steht der NHS in diesem Jahr nicht sonderlich gut da. Im Mai legte ein Hackerangriff weite Teile des Computersystems lahm. Ein Softwareupdate, das dies hätte verhindern können, war zuvor offensichtlich ausgeblieben. Für Kritik sorgte auch, dass der NHS mit einer Tochtergesellschaft von Google namens Deep Mind Daten von Patienten austauscht.

          Stephen Hawking warf in einer seiner Repliken Gesundheitsminister Hunt vor, die von ihm zitierten Daten seien „Rosinenpickerei“. Hunt hat Hawking nun angeboten, das Thema vielleicht doch besser persönlich und nicht über die Medien zu diskutieren. Und überhaupt: So unterschiedlich ihre Positionen seien – letztlich eine sie doch ihre große Leidenschaft für den NHS.

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