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Einbruchsgefahr steigt : Nach den Villenbesitzern rüsten die Häuslebauer auf

Was hier Street Art ist, machen manche ängstliche Hausbesitzer zur Wirklichkeit: Ein Arsenal von Überwachungskameras, um Einbrecher abzuwehren. Bild: dpa

Die Zahl der Wohnungseinbrüche steigt seit einem Jahrzehnt. Immer häufiger stehen organisierte Banden dahinter. Weil die Polizei bei den Ermittlungen nicht hinterherkommt, rüsten Eigentümer ihre Häuser und Wohnungen auf. Der Staat verfünffacht die Zuschüsse.

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          Die dunkle Jahreszeit beginnt und damit auch die Zeit der Wohnungseinbrüche. Zwischen Oktober und Januar sind Einbrecher in Deutschland am aktivsten. Rund die Hälfte aller Einbrüche wird in diesen vier Monaten registriert. Pro Kopf ist Bremen das Bundesland mit den meisten Fällen. Mit 541 Einbrüchen je 100000 Einwohner lag das Niveau im Jahr 2014 fast dreimal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Demnächst dürfte wieder einiges los sein.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der Trend zeigt im ganzen Land in eine Richtung: Seit 2006 steigt die Zahl der Taten. Lag sie damals bei 106000, hat sie seither auf 167000 zugenommen und das Niveau von 1998 erreicht. Ein Anstieg um 58 Prozent in einem Jahrzehnt. Die Aufklärungsquote ist mit 15 Prozent erschreckend niedrig. Polizisten klagen über zu wenig Personal. Das Sicherheitsgefühl der Deutschen schwindet. Sie investieren in bessere Türen und Fenster, Alarmanlagen und digitale Überwachungssysteme. Versicherer stöhnen, dass sie immer mehr Schäden begleichen müssen.

          Trend zur besseren Absicherung

          Am Freitag ist in Essen auch die Security-Messe zu Ende gegangen. Hier zeigte sich, wie Haushalte auf die Kriminalität reagieren. Rund 1000 Aussteller kommen alle zwei Jahre zur Weltleitmesse für Sicherheitstechnik. Unübersehbar war der Trend zu besseren Absicherungen. Ob es die Funkalarmanlage ist, die ein Videobild aufs Smartphone schickt, wenn sich jemand dem Haus nähert, oder der Tabletcomputer, der Hundegebell auslöst und den Dieb fotografiert, wenn er entwendet wird: Hersteller von Sicherheitstechnik rüsten auf – Kunden gehen mit.

          „Bei uns wird vor allem Technik nachgefragt, die einen Täter gar nicht erst aufs Grundstück lässt“, sagt Axel Kops von Atral-Secal, dem deutschen Marktführer für Alarmanlagen. Hochwertige Funk-Einbruchmelder, wie er sie unter der Marke Daitem vertreibt, finden immer mehr Anklang.

          Sie lösen Signale auf verschiedenen Frequenzen aus, so dass sie von Einbrechern schlechter ausgehebelt werden können. „Das ist nicht nur bei den Besitzern großer Villen angekommen, sondern inzwischen auch in der Mittelschicht mit ihren Einfamilienhäusern“, sagt Kops. Für vernünftige Systeme zahle man 3000 bis 5000 Euro. Es gibt keinen Verband, der die Geschäftsentwicklung der Sicherheitsbranche vollständig beschreiben kann.

          Die Security-Messe macht sich alle zwei Jahre die Mühe, Zahlen zusammenzutragen. Auf 14,5 Milliarden ist demnach der Branchenumsatz im vergangenen Jahr gestiegen, 17 Prozent mehr als 2013. Elektronische Sicherungstechnik ist stark gefragt, auch der Bereich Schlösser/Beschläge verzeichnet Zuwächse.

          Auch die Zahl der gescheiterten Versuche gestiegen

          „Unsere Schulungen werden sehr gut in Anspruch genommen, weil der Tischler zunehmend als Problemlöser gesehen wird“, sagt Ralf Spiekers, Abteilungsleiter Technik des Verbands Tischler Schreiner Deutschland. Hier bekommen Handwerker Kochrezepte an die Hand, wie sie einbruchhemmende Technik nach allen Regeln der Normung einsetzen können.

          Türen seien in den vergangenen Jahren einbruchsicherer geworden. Das zeigt sich schon daran, dass praktisch parallel mit den Einbruchsdelikten auch die Zahl der gescheiterten Versuche von 40000 auf 70000 im Jahr gestiegen ist.

          „Die heutigen baurechtlichen Anforderungen sind komplexer, dadurch sind die Produkte besser“, sagt Spiekers. Doch die wachsende Zahl an Einbrüchen schlägt sich nicht in gleichem Ausmaß in den Bilanzen der Tischler nieder. „Eine hochwertige Hauseingangstür kostet für ein klassisches Einfamilienhaus 5000 bis 8000 Euro – da macht die Einbruchshemmung keinen so großen Anteil aus“, sagt er. Den entscheidenden Effekt auf die Preise und damit höhere Umsätze hätten die behördlichen Pflichten zu Rauch-, Brand- und Schallschutz gehabt.

          Bauministerium bezuschusst Investitionen

          Das Bundesbauministerium hat auf die Nöte von Mietern und Hauseigentümern reagiert. Im November vergangenen Jahres stellte es der Förderbank KfW 10 Millionen Euro zur Verfügung, um damit den Einbau einbruchhemmender Türen, sicherer Fenster und von Alarmanlagen zu bezuschussen. Investiert der Eigentümer mindestens 2000 Euro, kann er einen Zuschuss von bis zu 10 Prozent erhalten. Der Topf war Mitte September aufgebraucht. Im kommenden Jahr verfünffacht die Bundesregierung die Mittel.

          Dass die KfW inhaltliche Vorgaben macht, trifft durchaus auf einen Bedarf, denn oft wissen Eigentümer nicht, welcher Schutz effektiv ist. 68 Prozent der Hausbesitzer verwiesen in einer bundesweiten Umfrage des Verbands Wohneigentum NRW auf eine Außenbeleuchtung als wichtigste Sicherung, 62 Prozent nannten Bewegungsmelder, 54 Prozent abschließbare Fenstergriffe.

          All dies seien aber Instrumente, die nicht vor Einbrüchen schützten, beklagten die Studienautoren. Doch unabhängiger Rat ist teuer: Nur 17 Prozent der Befragten vertrauten auf Empfehlungen von Versicherern, immerhin 57 Prozent auf den Fachhandel, aber 80 Prozent der Polizei.

          Mehr Polizeipersonal benötigt

          Nur kommen die Ordnungshüter immer weniger dazu, Empfehlungen auszusprechen. „Solchen Rat können auch Unternehmen geben – aber nicht unabhängig“, sagt Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. „Macht es die Polizei, gibt es ein höheres Vertrauen. Das fällt aber aus Spargründen weg.“

          Dass trotz einer immer stärkeren Nachrüstung die Zahl erfolgreicher Einbrüche zunehme, zeige, dass es immer noch genügend Häuser gebe, die nicht angemessen gesichert seien. Die knappen Ressourcen spürt er an allen Ecken und Enden. Nur über mehr Sachbearbeiter in der polizeilichen Ermittlung lasse sich die geringe Aufklärungsquote beheben.

          Denn immer häufiger stehen organisierte Banden dahinter. „Die Freizügigkeit in Europa führt dazu, dass sie auch aus großen Entfernungen anreisen können“, sagt Malchow. Das erschwere es der Polizei zu ermitteln. Denn die Kriminellen gingen arbeitsteilig vor, was weniger Spuren hinterlasse und Beweise verwische.

          Der Stadtstaat Hamburg hat im August 2015 eine Sonderkommission mit 100 Beamten eingerichtet. Bis Juni strengten sie 686 Verfahren an, die Aufklärungsquote lag mit 61 Prozent viermal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. „Hat man eine Bandenstruktur ermittelt, sind auf einen Schlag viele Taten aufgeklärt. Aber für den einen Schlag brauchte es ein Jahr Ermittlungsarbeit“, sagt Malchow.

          Täter kommen oft tagsüber

          Obwohl im Herbst mehr Taten festzustellen sind, suchen Täter nicht unbedingt den Schutz der Dunkelheit. 58 Prozent der Einbrüche werden zwischen 10 und 18 Uhr verübt – die meisten zwischen 12 und 14 Uhr sowie zwischen 16 und 18 Uhr, ergab eine Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen für den Versichererverband GDV.

          In 20 Prozent der Fälle waren Opfer und Täter gleichzeitig in der Wohnung, in 4 Prozent trafen sie sogar aufeinander. Doch selbst wenn sie den Tätern nicht begegnen, sind Menschen nach einem Einbruch stark verunsichert. 47 Prozent fühlen sich sogar ein Jahr nach dem Ereignis noch in der gewohnten Umgebung unsicher. 10 Prozent der Betroffenen sind nach einem Einbruch umgezogen, weitere 15 Prozent hätten dies gern getan.

          Offene Türen und Fenster vereinfachen Einbrüche

          Doch es sind gar nicht immer die teuren Investitionen, die das Sicherheitsgefühl zurückgeben. Oft haben Opfer Einbrechern durch gekippte Fenster oder offene Türen den Eintritt leichtgemacht. Gegenstände im Wert von 3250 Euro lassen diese durchschnittlich mitgehen, haben die Versicherer ermittelt. Vor zehn Jahren waren es noch 2300 Euro.

          Eine halbe Milliarde Euro musste die Branche im vergangenen Jahr dafür aufbringen. Am beliebtesten sind Schmuck, Bargeld und Handys. „Gerade Erbschmuck ist aber oft sehr schwer zu schätzen“, sagt Michael Heinz, Präsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute. In Siegen ist er als Makler aktiv. „Wichtig ist es bei hochwertigem Schmuck, immer die Belege zu verwahren“, rät Heinz.

          Das vereinfache den Nachweis gegenüber Versicherern. Oft trügen Opfer selbst dazu bei, dass sie geschädigt würden. Fenster und Türen sollten sie geschlossen halten. „Und die Kundschaft muss das Haus sichern, sonst gehen die Hausratprämien durch die Decke“, sagt Heinz.

          Anbieter von Sicherheitstechnik profitieren

          In der Politik hat das schwindende Sicherheitsempfinden zu einigen Initiativen geführt. Die Innenminister der Unionsparteien haben am 19. August ihre Berliner Erklärung verabschiedet. Darin beklagen sie die vermehrten Einbrüche und zu wenig länderübergreifende Zusammenarbeit der Polizei. Bis 2020 sollten 15000 Beamte eingestellt werden, Ermittler sollten auch auf Telekommunikationsdaten zugreifen können, wenn nicht schon Bandendiebstahl nachgewiesen ist.

          Doch solange das nicht passiert ist, werden die Anbieter von Sicherheitstechnik profitieren. „Die Einbrüche dürften in den kommenden Jahren weiter steigen, und dadurch werden wir mehr zu tun bekommen“, erwartet Axel Kops von Atral-Secal. Auch der Wettbewerber Abus stellt sich auf mehr Arbeit ein: „Unsere Errichter, die Alarmanlagen aufbauen, sind auf Wochen ausgebucht“, sagt Florian Lauw, Sicherheitsfachmann von Abus.

          Selbst ein Laie könne in kürzester Zeit lernen, wie man mit einem einfachen Schraubenzieher und einem Kleber ein handelsübliches Fenster innerhalb von fünf Sekunden aushebelt. Aus seiner Sicht hilft dagegen am besten eine Kombination aus mechanischem Schutz und elektronischer Alarmierung. „Eine Videoüberwachung allein reicht nicht, und auch eine Alarmanlage verhindert nicht den Einbruch. Man darf es nicht dem Täter überlassen, wie er reagiert.“

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