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Steigende Rohstoffpreise : Teller oder Tank?

Wenn durch staatliche Politik der Anbau von Energiepflanzen nicht nur gefördert, sondern sogar erzwungen wird, dann werden Flächen für Brot- und Futtergetreide künstlich verknappt. Wer solche Regierungen hat, braucht gar keine Spekulanten, um Hungersnöte wahrscheinlicher zu machen.

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          Die Volksverblendungsstrategien der Regierungen haben bestens funktioniert. Die Politiker auf dem Erdenball konnten erfolgreich vermitteln, dass der Anbau von Bioenergiepflanzen die Menschen vor der Klimakatastrophe bewahren hilft, sie unabhängiger macht von Öllieferungen schrecklicher Scheichs und dass er zudem Arbeitsplätze schafft.

          Damit war der Acker bestellt für umfassende Subventionen und Spielregeln, die inzwischen auf der ganzen Welt wahnwitzige Effekte zeitigen. Deutschland vermaist im Dienste der Energiewende, weil hochsubventionierte Biogasanlagen-Betreiber Höchstpreise für Energiepflanzen zahlen. In den Vereinigten Staaten werden auf staatliche Anweisung hin 40 Prozent der Maisernte zu Bioethanol gemacht.

          Teil zwei der Verblendungsstrategie ist es, Spekulanten für Preissteigerungen von Getreide verantwortlich zu machen. Schnell finden sich vor allem in Europa Politiker und sogenannte Nichtregierungsorganisationen zusammen, um Banken anzuprangern und für etwaige Hungertode verantwortlich zu machen. Institute wie die Commerzbank haben inzwischen auf politischen Druck der Spekulation mit Nahrungsmitteln abgeschworen. Als ob das einen Effekt hätte.

          Wie wäre es statt falscher Verdächtigungen mit ein wenig Arithmetik? Die Zahl der Menschen wächst. Alle werden - das ist so ihre Eigenart - weiterhin essen wollen. Das Essen wächst vordringlich auf den Feldern. Die Zahl der Felder ist begrenzt, und wenn man nicht die letzten Wälder und Naturreservate für der Ackerbau opfern will, umso stärker. Also muss man aus der vorhandenen Ackerfläche so viel rausholen wie möglich, um die Menschen satt zu bekommen.

          Wenn durch staatliche Politik der Anbau von Energiepflanzen nicht nur gefördert, sondern sogar erzwungen wird, dann werden Flächen für Brot- und Futtergetreide künstlich verknappt. Steigende Nachfrage, schrumpfendes Angebot, das riecht stark nach steigenden Preisen, lernt nicht nur der Ökonomie-Student im ersten Semester. Und er ahnt auch: Wer solche Regierungen hat, braucht gar keine Spekulanten, um Hungersnöte wahrscheinlicher zu machen. Seit gut einem Jahrzehnt folgen die Lebensmittelpreise einem einzigen Trend: Sie gehen nach oben.

          Heerscharen von Wissenschaftlern haben sich in aller Welt über die Energiepflanzen hergemacht. Sie haben die Folgen für die Umwelt, die Wasserhaushalte, das Klima, das soziale Umfeld und die Preise von Energie und von Lebensmitteln untersucht. Die Ergebnisse gehen fast alle in die gleiche Richtung. Energiepflanzen leisten keinen Beitrag zur Abmilderung des Klimawandels, sie verbrauchen wahnsinnig viel Wasser, sie schaden der natürlichen Vielfalt, und sie tragen zur Verknappung von Lebensmitteln bei. Nicht umsonst haben die Vereinten Nationen jetzt Alarm geschlagen und die Regierung Obama geradezu angefleht, die Förderung von Bioethanol zu stoppen.

          Nichts rechtfertigt staatliche Unterstützung von Energiemais, der Anstand verbietet sie sogar. Es verdichtet sich der Verdacht, dass die Politik allein einer der schlagkräftigsten Lobbygruppen der Welt, der der Bauern, zu verdanken ist. Wir werden abermals Zeuge, wie ein wohlgemeintes Förderprogramm zur Geldmaschine für Partikulargruppen degeneriert.

          Es geht auf dem Acker übrigens nicht um die Alternative „Teller oder Tank“. Landwirte haben immer schon Pflanzen angebaut, die weder von Menschen noch von Tieren gegessen werden. In der Welt wimmelt es von Baumwollfarmern, die sich nicht schlecht fühlen müssen, weil sie keinen Beitrag zum täglichen Brot für die Welt leisten. Unappetitlich wird die Angelegenheit, wenn Staaten die Lebensmittelproduktion verdrängen. Das muss ein Ende haben.

          Von wegen Spekulanten. Die Preistreiber bei Lebensmitteln sind die Regierungen.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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