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Steigende Preise : Die Inflation ist zurück

Zehn Jahre lang sind die Preiserhöhungen gering geblieben. Jetzt werden sie nachgeholt. Das spürt jeder. An der Tankstelle müssen Autofahrer zum Beispiel für den Liter Benzin schon wieder mehr als 1,50 Euro hinlegen.

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          Es geht wieder los. Kaum ist die Rezession halbwegs überwunden, schon wird das Leben wieder teurer. An der Tankstelle müssen Autofahrer für den Liter Benzin schon wieder mehr als 1,50 Euro hinlegen. Heizöl kostet so viel wie zuletzt in der Teuerungswelle vor zwei Jahren. Die Preiserhöhungen haben solche Ausmaße angenommen, dass sich inzwischen auch der EZB-Chef sorgt. Denn die Inflationsrate liegt im Euroraum unterdessen über zwei Prozent. Offensichtlich stehen den Verbrauchern wieder teurere Zeiten bevor. Sie sollten sich lieber daran gewöhnen, denn so günstig wie in den vergangenen zehn Jahren wird das Leben so schnell nicht mehr. Europa hat jetzt einiges an Inflation nachzuholen. Und zwar die eines kompletten Jahrzehnts.

          Für die Verbraucher war es eine tolle Zeit. Aus Fernost kamen billige Kleider, billiges Spielzeug und billige Elektronik. Die Europäer kauften, kauften und kauften. Wenn die Nachfrage so groß ist, dann müssten die Waren eigentlich teurer werden. Doch das passierte nicht.

          Der Grund liegt ebenfalls im fernen Osten. In China gab es Millionen armer Menschen vom Land, die auch zu niedrigen Löhnen arbeiten wollten. Außerdem hielt die chinesische Regierung ihre Währung künstlich billig, um den Preis chinesischer Exporte zu drücken. Für die Verbraucher im Westen war das eine goldene Zeit, in der das Leben kaum teurer wurde. Bald riefen die Volkswirte eine „große Mäßigung“ aus – im Glauben, die Inflation könnte ewig gering bleiben, auch wenn die Wirtschaft wächst.

          Die Lage in Fernost ändert sich

          Inzwischen gilt diese Ansicht allgemein als Irrtum. Und das bedeutet: In den nächsten Jahren wird es anders zugehen. Künftig müssen die Käufer im Westen die Preise bezahlen, die ihnen früher erspart geblieben sind.

          Denn die Lage in Fernost ändert sich. Erstens steigen die Löhne inzwischen kräftig. Und zweitens verteuert China seine Währung in kleinen Schritten.

          Für die Verbraucher im Westen hat das zwei Folgen, und beide sind teuer: Zum einen müssen sie für ihre Importe aus China immer mehr bezahlen. Zum anderen steigen die Preise für Rohstoffe: für Öl und Kupfer, für Maiskolben und Kaffeebohnen. Das liegt daran, dass die Arbeiter sich mehr leisten können. Also kaufen sie mehr, und mit der Nachfrage steigt der Preis. Dieser Prozess ist noch lange nicht fertig; auf dem Weg zurück zum Normalzustand haben Löhne und Wechselkurs erst einen kleinen Teil zurückgelegt.

          Es muss niemand A ngst vor einer Hyperinflation haben

          Die westlichen Staaten kriegen dadurch ein Problem. Sie können noch nicht einmal die erfreulichen Nebenwirkungen der Inflation nutzen. Denn bisher hoffte so mancher: Wenn schon die Inflation steigt, dann entwertet sie wenigstens die enormen Staatsschulden. Doch diese Hoffnung erweist sich als trügerisch.

          Wenn die Inflation Schulden entwertet, funktioniert das nämlich normalerweise so: Preise, Löhne und Steuereinnahmen steigen ungefähr gleichmäßig – nur der Schuldenstand ändert sich nicht. So schrumpft der Schuldenberg im Verhältnis zum Einkommen, obwohl sich an den realen Preisen nichts ändert.

          Doch dieses Mal steigen die Löhne und Steuereinnahmen kaum. Teurer werden nur importierte Waren und Rohstoffe. Diese Art der Inflation verkleinert den Wohlstand im Westen.

          Aber keine Sorge: Es muss jetzt niemand Angst vor einer Hyperinflation haben. Die Preise werden auch in Zukunft deutlich langsamer steigen als in den Ölkrisen-Zeiten der 70er-Jahre. Damals haben die Zentralbanken gelernt, wie man Inflation wirksam bekämpft. Das müssen und werden sie auch jetzt tun. Aber das Wachstum wird darunter leiden.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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