https://www.faz.net/-gqe-rhl9

Stefan Raab : „Ich wohne hier, verdiene hier und fühle mich wohl“

  • Aktualisiert am

Stefan Raab fühlt sich wie Robin Hood im medialen Sherwood Forest Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Entertainer Stefan Raab über die Lust am Steuernzahlen, den Spaß am Unternehmertum, Rentner bei „Wetten, daß..?“ und seine Arbeit als Sinnproduzent.

          5 Min.

          Der Entertainer Stefan Raab über die Lust am Steuernzahlen, den Spaß am Unternehmertum, die Rentner bei „Wetten, daß . . .“ und seine Arbeit als Sinnproduzent.

          Herr Raab, was halten Sie als Multimillionär von der neuen Reichensteuer?

          Multimillionär haben Sie gesagt. Sagen wir so: Es reicht, um nicht ins Dschungel-Camp gehen zu müssen. Aber Steuern zahlen ist selbstverständlich etwas Gutes.

          Mit dieser Ansicht stehen Sie ziemlich alleine da in Deutschland.

          Sehen Sie, wenn Sie mit Ihrem Auto irgendwo langfahren wollen, brauchen Sie Straßen. Wer soll die bauen, wenn Sie nicht was dazu tun? Und wenn die A3 hier in Köln erweitert wird, so daß ich für meine tägliche Strecke zur Arbeit nur noch zehn Minuten brauche statt 15, leg' ich sogar gern noch 'ne Mark drauf.

          Viele Promis sind da anderer Meinung und wandern aus.

          Ich wohne hier, ich verdiene hier, und ich fühle mich hier wohl. Und da ich eh da bin, unterwerfe ich mich den steuerlichen Gepflogenheiten. Das Rummeckern ist zwar eine typisch deutsche Tugend, aber ich neige grundsätzlich nicht dazu, mich zu beklagen. Sonst wäre ich auch nicht mehr hier und vielleicht Nachbar von Herrn Schumacher, Herrn Beckenbauer oder Herrn Gottschalk.

          Hört sich jetzt aber arg edel, hilfreich und gut an.

          Ich bin der Meinung, jeder muß seinen Beitrag zum allgemeinen Wohl leisten. Und da müssen die, die's etwas dicker haben, auch ein bißchen mehr dazugeben. Und das geht doch auch, denn noch geht es den Deutschen gut, sehr gut sogar.

          Die Deutschen glauben aber das Gegenteil. Alles nur eine Frage der Psychologie, des Verkaufens von Politik, letztlich der Show?

          Es ist sicher eine Frage der Kommunikation. Wirtschaftliche Euphorie entsteht nicht rational, sondern in den meisten Fällen emotional. Die Leute haben ja Geld, sie geben es nur nicht aus. Jetzt muß nur jemand sagen: Es wird alles gut, haut die Kohle auf den Kopf.

          Aufgabe der Bundeskanzlerin?

          Ob Angela Merkel die Richtige ist, eine Euphorie dieser Art zu forcieren . . .

          . . . daran haben Sie Ihre Zweifel.

          Sagen wir so: Unter den Kommunikatoren in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gehört sie nicht zu den Größten.

          Sie ist Naturwissenschaftlerin und kein Showtalent.

          Kann sein, aber auch das ist in dem Geschäft wichtig. Es reicht nicht aus, daß man fachliche Kompetenz mitbringt, man muß auch wissen, wie man die Leute davon überzeugt.

          Haben Sie einen Tip für Merkel?

          Ich würde 2007 die Mehrwertsteuer erhöhen, aber richtig. Nicht auf 19 Prozent, sondern auf 30.

          Was soll das bringen?

          Die Leute würden im kommenden Jahr noch schnell alles kaufen, was sie in irgendeiner Form brauchen: Autos, Häuser, Waschmaschinen, teure Klamotten.

          Und 2007 käme dann der abrupte Einbruch.

          Am 1. Januar könnte man dann sagen: Paßt mal auf, Leute, war nur ein Trick. In Wirklichkeit senken wir heute die Mehrwertsteuer. Dann gäb's einen zweiten Konsumboom. Klingt gut, oder? Hab' ich mir jetzt gerade in den letzten drei Minuten überlegt. Aber vielleicht sollte man es noch mal durchrechnen.

          Was steht eigentlich auf Ihrer Visitenkarte? Ökonom vielleicht?

          Ich leiste mir den Luxus, keine zu haben.

          Was würde draufstehen?

          Mensch. Stefan Raab, Mensch.

          Oder Spaßproduzent?

          Ich würde das nicht auf Spaß fokussieren. Vielleicht Sinnproduzent.

          Nicht eher Unsinnproduzent?

          Unsinn ist ja auch Sinn. Wenn Sie etwas machen, was keinen Sinn hat, haben Sie damit auch keinen Erfolg. Und wenn es nur der Sinn ist, Leute zu unterhalten. Aber ganz objektiv gesehen bin ich Moderator, Produzent, Komponist, Arrangeur.

          Und Provokateur.

          In manchen Fällen kann es einem so vorkommen. Grundsätzlich gehört Provokation in den Medien dazu. Auch Kulturkritiker wie Karasek oder Reich-Ranicki leben davon. Ich würde das eher als kreatives progressives Entertainment bezeichnen.

          Das Sie teuer kommt. Alleine die Verhöhnung der Schülerin Lisa Loch kostete 70.000 Euro.

          In vielen Fällen muß es sich noch erweisen, ob wir zahlen müssen. Die Aussagen in der Show sind jedenfalls nicht darauf angelegt, Leute willentlich und wissentlich zu beleidigen.

          Nicht?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bedankt sich für die Unterstützung in den vergangenen Tagen: der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder am Dienstag in München

          Nach Rückzug in der K-Frage : Als Verlierer wird Söder in der CSU nicht gesehen

          Markus Söder zieht seine Bewerbung um die Kanzlerkandidatur der Union zurück – und zählt dabei auf, wie viele in der CDU sich für ihn ausgesprochen haben. Für CSU-Generalsekretär Blume ist er gar „erkennbar der Kandidat der Herzen“.
          Hubertus Heil

          Corona-Krise : Heil will neue Testpflicht für Betriebe schon verschärfen

          Gerade erst ist die neue Corona-Arbeitsschutzverordnung in Kraft getreten, da kündigt die SPD eine Verschärfung der umstrittenen Testangebotspflicht an. Sie wettert dabei gegen „Profitimaximierung“ in der Wirtschaft.
          Die Kuppel des Reichstagsgebäudes am 26. Juli 2008.

          F.A.Z. Einspruch : Das Parlament als Polizeibehörde

          Angeblich verfrachtet die „Notbremse“ nur in Bundesrecht, was auf Landesebene so oder ähnlich oft ohnehin schon galt. Doch dieser Formwechsel ist für den Einzelnen und auch für die Demokratie bedrohlicher, als es zunächst scheinen mag. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.