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Deutscher Investitionsstau : Prioritäten nach Genua

Auf der Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden herrscht Überholverbot für Lastwagen – weil die Brücke marode ist. Bild: dpa

Öffentliche Infrastruktur kostet – dennoch fährt Deutschland weiter auf Verschleiß. Damit sich Genua nicht in Leverkusen oder Wiesbaden wiederholt, muss die Politik endlich handeln.

          Die Bilder der zerborstenen Autobahnbrücke in Genua verstören – nicht nur, weil der Einsturz Dutzenden Menschen den Tod gebracht hat. Das Unglück erschüttert den Glauben an die Ingenieurkunst und die Fähigkeit des Staates, Geld an der richtigen Stelle auszugeben – nicht nur in Italien.

          Ist Genua überall? Die überfällige Sanierung maroder Brücken ist auch in Deutschland ein Thema. Die schwierigen Fälle haben vertraute Namen: die Leverkusener Rheinbrücke, die Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden, die Rader Hochbrücke bei Rendsburg. Dem wachsenden Ansturm der Frachtflotten halten vor allem die Spannbeton-Bauwerke aus den sechziger und siebziger Jahren nicht mehr gut stand. Kommt es zu Sperrungen, müssen die Transporteure lange Umwege fahren. Das ist katastrophal für eine Wirtschaft, in der Zeit Geld ist.

          Auch Bahnbrücken, Schleusen und Schulen sind marode

          Hierzulande werden Brücken laufend auf Verkehrs- und Standsicherheit überprüft – in unterschiedlicher Intensität halbjährlich, jährlich, alle drei Jahre, alle sechs Jahre. Rund 800 der fast 40.000 Brücken an Fernstraßen sind derzeit in einem „ungenügenden“ Zustand. Das heißt nicht, dass Einsturzgefahr besteht, sondern indiziert zunächst nur hohen Reparaturbedarf – vielleicht, weil im Geländer ein paar Gitterstäbe fehlen. Meistens werden neue Streben aber nicht genügen. Die Sanierung der Straßenbrücken ist teuer – genauso wie die Tausender Bahnbrücken, Hunderter Schleusen oder auch Tausender Schulen.

          Öffentliche Infrastruktur kostet. Diese Erkenntnis ist in der Politik längst eingesickert. Dennoch fährt Deutschland weiter auf Verschleiß. Die Politik muss beherzter gegen den Investitionsstau angehen. Sie muss alles daransetzen, dem Verfall zuvorzukommen, damit sich „Genua“ nicht auch hier ereignet. Da hilft nur ein Dreiklang aus Prüfen, Ausbessern und Ersetzen. Die Digitalisierung erlaubt die Ausrüstung „intelligenter“ Brücken mit Sensoren, die früh warnen, wenn im Innern des Bauwerks der Verfall beginnt. Um im Wettlauf mit der Zeit schnell reagieren zu können, müssen Planungsverfahren beschleunigt werden, etwa für Ersatzbauten.

          Geld und Zeit sind die entscheidenden Faktoren. Beide kann die Politik beeinflussen. Sie muss dann aber die regulatorischen und finanziellen Prioritäten richtig setzen. Statt immer mehr Milliarden in Rente und Soziales zu stecken, muss sie mehr investieren. Es geht nicht um bloße Schönheitsreparaturen, sondern um Mobilität und Bildung, also um die Basis von Wirtschaft und Wohlstand im Land.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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