https://www.faz.net/-gqe-942wq

Insektensterben : Professor schimpft gegen Öko-Hysterie

  • -Aktualisiert am

Bedroht? Eine Schwebfliege hat sich in Frankfurt auf einer Wiese im Stadtteil Bergen-Enkheim auf einer Blüte niedergelassen. Bild: dpa

Eine Studie über drastisches Insektensterben sorgte in den vergangenen Wochen für viel Aufregung. Jetzt teilt Statistiker Walter Krämer kräftig gegen die Macher aus – und schießt damit über das Ziel hinaus.

          1 Min.

          Die Studie diverser Ökologen und Statistiker, die im Journal „Plos One“ einen Rückgang der Fluginsektenmasse in deutschen Schutzgebieten seit 1989 von rund 75 Prozent anzeigt, hat schnell viele interessierte Kritiker gefunden: Chemieunternehmen, Bauernverbände, Blogger. Sie alle stützten sich dabei auch auf eine wissenschaftliche Autorität – den Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer. Er hatte für das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen – das über wenig agrarökologische Expertise verfügt – die Insektenstudie zur „Unstatistik des Monats“ ausgerufen.

          Krämer bemängelte nicht nur die Tatsache, dass die Forscher über 29 Jahre längst nicht jährlich an denselben Orten die Insektenfallen aufstellten – was auch in der Studie ausführlich diskutiert wird, woraufhin hier eine Methode zur Datenauswertung verwendet wird, die für lückenhafte Datensätze als geeignet erscheint. Krämer aber holte viel weiter aus. In Interviews unterstellte er den Medien pauschal Unkenntnis und Hysterie. Er sagte etwa: „Wie Junkies stürzen sich die Medien auf jeden Schrott, wenn er nur ihrer Sucht nach Bestätigung eines vorgefassten Weltbilds entgegenkommt.“ Er kenne „keinen Journalisten, der weiß, was [statistisch] signifikant“ bedeute (ein Standardlehrinhalt einführender Statistikvorlesungen). Gar seien alle empirischen Wissenschaften „oft“ Scharlatanerie, die Regressionsmodelle verwendeten und von „statistischer Signifikanz ... schwafeln“.

          Das Journal „Plos“ sei nicht renommiert, die Wissenschaft der „rot-grünen Panikmacherszene“ produziere Schrott. Er fühle sich erinnert an das „Waldsterben der Neunziger“. Diese Ausführungen verraten, aus welcher Perspektive Krämer im Namen des – darüber recht unglücklichen, wie zu hören ist – RWI die „Insektenstudie“ bemängelt: erstens aus einer wissenschaftstheoretischen und zweitens aus einer erfahrungsbasiert skeptischen gegenüber allen Publikationen, die der Ökobewegung willkommen scheinen.

          Kritiker: Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer.
          Kritiker: Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer. : Bild: Jürgen Huhn

          Der angesehene Statistiker Krämer begeht damit aber denselben Fehler, wie er ihn seinen Kritikern unterstellen würde: Er generalisiert seine bisherigen, in mehreren Büchern dokumentierten Erfahrungen („Hysterie“). Tatsächlich entspricht die Studie aus „Plos“ anerkannten Statistikstandards, und es gibt eine Fülle empirischer Studien mit ähnlichen Befunden. Krämer, der die Statistikmethode anzweifelt, sagt im Gespräch mit der F.A.Z. zum Insektensterben, er „habe auch den Eindruck, dass die These durchaus stimmen könnte. Es kann sogar sein, dass das jetzt die Spitze eines Eisbergs ist und das Ausmaß in Wahrheit viel größer.“

          Insektensterben : Zahl der Insekten um 75 Prozent gesunken

          Weitere Themen

          Bob Dylan macht noch einmal Kasse

          Rechte an Aufnahmen verkauft : Bob Dylan macht noch einmal Kasse

          Die Rechte an seinen Texten und Kompositionen hat Bob Dylan Ende 2020 an den Verlag von Universal Music verkauft. Nun wird bekannt: Jene an seinen Aufnahmen hat er im Sommer 2021 abgetreten – und zwar an Sony Music.

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin beobachtet im September 2019 eine Militärübung.

          Ukraine-Konflikt : Was will Putin wirklich?

          Mit seinem Truppenaufmarsch befördert Russland, was es angeblich verhindern will: dass die NATO ihre Ostflanke verstärkt und der Westen Waffen an die Ukraine liefert.
          Am Tatort: Spurensicherung

          Amoklauf in Heidelberg : Im Hörsaal getötet

          Ein Student dringt mit mehreren Waffen in einen Hörsaal ein, und eröffnet das Feuer. Eine Frau stirbt nach einem Kopfschuss. Hinter dem Angriff soll eine Beziehungstat stecken.
          Hauptsache dagegen: Mehr als Zweitausend Impfgegner, Coronaleugner und Querdenker demonstrieren in der Innenstadt von Frankfurt am Main gegen die Corona-Maßnahmen.

          Corona-Proteste : Wo bleibt der Widerspruch?

          Seit Wochen bestimmen die Aufmärsche der „Querdenker“ die Bilder und Nachrichten. Dabei kann die große Mehrheit mit der Radikalopposition der Bewegung nichts anfangen. Warum sind die Besonnenen und Vernünftigen im Moment so still?